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Flüchtlingskarawane in Mexiko: Hundert Meter vom gelobten Land

Foto: Dr. Klaus Ehringfeld

Familie aus Guatemala auf dem Weg nach USA Noch 100 Meter - dann wären sie am Ziel

4200 Kilometer liegen hinter Saúl Ochoa und seiner Familie. Das Ziel: die USA. Jetzt stecken sie wie Tausende andere in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana fest. Weiter wird es laut Donald Trump vorerst nicht gehen.

Da vorn ist es. Vielleicht 100 Meter fehlen noch bis zum Ziel der Träume von Saúl Ochoa und seiner Familie. Zwischen ihnen und den USA liegen nur noch ein Baseballfeld, die Schnellstraße Avenida Internacional und diese fast fünf Meter hohe Hürde aus rostigen Schienen und Metallplatten.

Nach vier Wochen Gewaltmarsch mit blutigen Füßen, nach 4200 Kilometern bei schwüler Hitze, tropischen Regengüssen und Nächten auf nacktem Boden ist die Familie aus Guatemala vor ein paar Tagen hier in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana angekommen. Aber nun fehlen noch diese 100 Meter. Es könnten die längsten und mühsamsten des ganzen Weges überhaupt werden. Ochoa und seine zehn Familienangehörigen sitzen hier in Lateinamerikas nordwestlichster Ecke fest, können nicht vor und wollen nicht zurück.

An einem warmen Winternachmittag hat es sich die Familie auf den Holzbänken einer Tribüne gemütlich gemacht. Die Kinder essen Donuts, die Hilfsorganisationen verteilt haben. Die Sportanlage "Benito Juárez" am Rande von Tijuanas Zentrum wurde zum Auffanglager für die zentralamerikanischen Migranten umfunktioniert. Dort, wo sonst Bälle geworfen und geschlagen werden, liegen jetzt Hunderte Honduraner, Salvadorianer und Guatemalteken ermattet in Zelten und unter Planen. Von den Dixie-Klos steigt ein beißender Geruch auf die Tribüne.

"Wir hatten ja nichts zu verlieren"

Immer wieder wandert der Blick von Saúl Ochoa Richtung USA und prallt dann an diesem hässlichen rostigen Metallwall ab, der ein paar Kilometer westlich von der Sportanlage 50 Meter weit in den Pazifik ragt und sich östlich tief in die kahlen Berge am Rande Tijuanas frisst. Und jetzt?

Ochoa, schlank und schmale Schultern, schaut zu seiner Lebensgefährtin Joana, zu seiner Cousine Cindy und zu den Kindern, mit denen die Großfamilie seit dem 22. Oktober unterwegs ist. Dann sagt er: "Mit Schleppern durch die Wüste, uns den Gefahren aussetzen, ist keine Option." Das jüngste Mitglied dieser Reisegruppe der Not ist schließlich gerade erst zwei Jahre alt. Ochoas Cousine Cindy stimmt zu: "Dann würden wir alles riskieren, was wir bisher erreicht haben."

Vor einem Monat brachen die elf Menschen in Guatemala-Stadt auf. "Von jetzt auf gleich", sagt Ochoa. Das Leben daheim werde immer härter, das Geld reiche für nichts. Der 35-Jährige verdingte sich mal auf dem Bau, mal als Parkplatzwächter. "Und dann die Gewalt". Ochoa wurde vor einiger Zeit Zeuge, wie Jugendbanden einen Mann ausraubten und anschließend umbrachten. Seitdem wird er mit dem Tode bedroht.

Als die Familie hörte, dass sich die sogenannte Migrantenkarawane im Nachbarland Honduras formierte, hat sie keine Sekunde gezögert. "Wir hatten ja nichts zu verlieren." Das Nötigste für die Kinder haben die Ochoas in einen Rucksack gepackt, die Erwachsenen liefen mit dem los, was sie am Leib trugen. Zurück blieb die Hütte mit Betten, einem Fernseher und einem Ventilator. Bewacht von der Mutter.

Anders als viele in dieser Karawane haben Saúl und seine Familie ein konkretes Ziel. Im texanischen Houston lebt Schwester Gladys seit 37 Jahren und arbeitet als Verkehrspolizistin. "Sie hat gesagt, wir sollen anrufen, wenn wir drüben sind", sagt Ochoa, nestelt an der Baseballkappe und schaut sein Gegenüber an, als warte er auf eine Ermunterung.

Trump tut so, als seien sie eine Streitmacht

Die fällt schwer in diesen Tagen, in denen immer mehr Zentralamerikaner in die Migrantenstadt Tijuana strömen. 4700 waren gegen Ende der Woche schon hier, haben wie Familie Ochoa die mehrere Tausend Kilometer lange Reise zu Fuß, mit dem Bus oder als Mitfahrer auf Lastwagen hinter sich gebracht. 5000 Menschen sollen noch kommen. Aber in der Stadt, in die jeder zweite Einwohner zugewandert ist, sind die Flüchtlinge immer weniger willkommen. Und drüben, auf der anderen Seite der hässlichen Rostplatten, sind sie sowieso unerwünscht.

Dort hat der Präsident zuletzt nahezu täglich den Ton gegen die Migranten verschärfte. Donald Trump tut so, als stünde sein Land kurz vor der feindlichen Übernahme. Am Donnerstag ließ er den Grenzübergang San Ysidro für eine Stunde sperren, über den täglich 250.000 Menschen und 78.000 Fahrzeuge zwischen Tijuana und dem kalifornischen San Diego pendeln.

Militär und bis an die Zähne bewaffnete Grenzschützer simulierten den Sturm der Grenzanlagen. Gasbomben detonierten, Hubschrauber kreisten, Stacheldraht wurde ausgerollt. Rund 300 Sicherheitskräfte sicherten die US-Seite des Grenzübergangs so, als sei der Gegner eine hoch gerüstete Streitmacht. Dabei steht auf der anderen Seite lediglich eine Armee der Geschlagenen, entkräftet, hungrig und auf der Suche nach einer fairen Chance.

Auch am Sonntag schrieb Trump auf Twitter in markigen Worten über die Flüchtlinge und drohte erneut mit einer kompletten Schließung der Grenze. Immerhin kündigte er aber auch die Einigung auf eine Asylregelung an. Demnach sollen US-Gerichte die Asylanträge der Migranten prüfen, während diese in Mexiko warten.

Auch Saúl und seine Familie wollen einen Asylanatrag stellen. Das hätten ihnen Anwälte geraten, die mit Infoblättern durch das Flüchtlingscamp marschierten. Die Todesdrohung gegen ihn müsse doch reichen, findet Ochoa, damit das Land der Träume seine Tore für ihn und seine zehn Familienmitglieder öffnet.

Soraya Vázquez schüttelt den Kopf. "Die USA haben in den vergangenen Monaten immer weiter die Asylgründe eingeschränkt", sagt die Juristin, die mit einer Nichtregierungsorganisation seit Jahren Migranten berät. Heute reiche eine allgemeine Gefahrensituation durch die Gewalt der Jugendbanden nicht mehr aus, man müsse eine ganz konkrete "persönliche Bedrohung" nachweisen. Es fehle nur noch, spottet Vázquez, dass Asylbewerber den Aggressor zur Befragung mitbringen müssen.

Der Bürgermeister ruft nach der Uno

Vázquez glaubt, dass nicht einmal zehn Prozent der Zentralamerikaner Asyl in den USA bekommen würden. Und sie ärgert sich über die Organisatoren und Begleiter der Karawane: "Niemand hat diesen Menschen gesagt, dass sich hier in Tijuana die Grenze zu den USA nicht so öffnet, wie das auf ihrem bisherigen Weg überall der Fall war."

Wenn man im Sportstadion Benito Juárez die Menschen einen Tag lang begleitet, wird klar, was die Anwältin meint. Man blickt in viele ratlose und zunehmend genervte Gesichter. Immer öfter ziehen kleine Gruppen zum nahen Grenzübergang, protestieren dort mit weißen Fahnen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Andere wollen warten, dass sich der Hype um die Karawane legt, um dann mit Schleppern ohne Papiere über die Grenze zu gehen.

Immer mehr Migranten aber sind angesichts der verfahrenen Lage auch bereit, länger in Mexiko zu bleiben, hier Arbeit anzunehmen. Allein in Tijuana gibt es mehr als zehntausend offene Stellen im Tourismus und vor allem den "Maquilas" - Fabriken, wo für den US-Markt Fernseher zusammengelötet oder Autofelgen hergestellt werden.

Aber auch der Widerstand steigt in der Stadt gegen die Migranten. Verordnet quasi von höchster Stelle. Bürgermeister Juan Manuel Gastélum spricht im Interview von einer "unhaltbaren Situation". Die Stadt sei auf eine solch große Migrantengruppe nicht vorbereitet, viele der Zentralamerikaner seien "Landstreicher und Kiffer".

Der Bürgermeister sieht das Bild der aufstrebenden Grenzmetropole, die so gut von den Maquilas und dem Tourismus lebt, in Gefahr. "Die Uno und die Zentralregierung müssen endlich eingreifen, das ist ein humanitärer Notstand", dramatisiert Gastélum.

Die steigende Wut in der Stadt beunruhigt auch Saúl Ochoa und seine Familie. Schließlich haben sie sich auf eine längere Zeit in Mexiko eingerichtet. Bis die USA über ihren Asylantrag entscheide, können Monate vergehen. "Wir haben es nicht eilig, haben ja alle Zelte abgebrochen", sagt Ochoa. In Mexiko zu bleiben, ist für ihn und seine Angehörigen aber keine Alternative: "Das ist hier ja wie in Guatemala", sagt Ochoa und blickt dann wieder auf diesen rostigen Zaun.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes erstand der Eindruck, Familie Ochoa und die anderen Menschen auf der Flucht seien ausschließlich zu Fuß unterwegs gewesen. Allerdings gab es entlang der Route auch Mitfahrmöglichkeiten, Teile der Strecke wurden mit Bussen oder auf Lastwagen zurückgelegt. Wir haben das konkretisiert.

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