Ex-Anwalt Cohen vor dem US-Kongress Jeden Tag lügen für Trump

Bei seiner Befragung vor dem US-Kongress liefert der frühere Anwalt Michael Cohen viele ernste, aber auch bizarre Informationen aus seiner jahrelangen Arbeit für Donald Trump. Dem Präsidenten drohen nun noch mehr juristische Probleme.

AFP

Von , Washington


Einer der unheimlichen Momente kommt nach etwa zwei Stunden. Michael Cohen, Ex-Anwalt von Donald Trump, spricht vor dem US-Kongress mit leiser, eindringlicher Stimme.

"In der Trump-Organisation hat jeder vor allem einen Job: Es geht darum, Donald Trump zu beschützen. Wir kamen jeden Tag ins Büro und wussten, wir würden für ihn an irgendeiner Stelle lügen", sagt Cohen. "Das war die Norm. Und das ist das gleiche, was jetzt in der Regierung passiert."

Für einen kurzen Moment herrscht Stille im Saal. Republikaner wie Demokraten blicken betreten zu Boden. Es scheint fast so, als habe Michael Cohen gerade nicht über den Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern über den Boss einer Verbrecherorganisation gesprochen.

Video: Abrechnung mit Trump im US-Kongress

Trumps langjähriger persönlicher Anwalt liefert bei seiner Anhörung vor dem Oversight Committee des US-Kongresses viele solcher verstörenden Aussagen. Der frühere Trump-Vertraute wird fast den ganzen Tag lang über sein Verhältnis zum Präsidenten befragt. Unter Eid malt er das Bild eines Mannes, dem nicht zu trauen ist, der lügt, betrügt und der womöglich in mehrere Straftaten verwickelt ist.

Millionen Amerikaner verfolgen das Spektakel live vor den Bildschirmen. Zehn Jahre lang hat Cohen mit Trump eng zusammengearbeitet, er war sein "Fixer", der Mann für heikle Aufgaben, bis die beiden im vergangenen Jahr im Streit auseinandergingen. Schnell wird deutlich, dass Cohen seinem Ex-Boss mit seinem Auftritt erheblichen Schaden zufügt - politisch, aber eben auch juristisch.

Ein Mann macht reinen Tisch

Zwar liefert Cohen keine endgültigen Beweise, aber viele brisante Informationen und neue Anknüpfungspunkte für weitere Ermittlungen im Trump-Kosmos. Da können sich die trumptreuen republikanischen Abgeordneten im Saal noch so sehr abmühen, ihn als "pathologischen Lügner" und "verurteilten Kriminellen" darzustellen. Es hilft nichts: Vieles von dem, was Cohen gegen Trump vorzubringen hat, klingt glaubwürdig.

Cohen muss bald seine dreijährige Haftstrafe antreten, zu der ihn ein Gericht in New York unter anderem wegen Steuerhinterziehung verurteilt hat. Wohl auch deshalb spricht er wie ein Mann, dem es jetzt vor allem darum geht, endlich reinen Tisch zu machen.

Mehrfach entschuldigt er sich dafür, dass er in der Vergangenheit gelogen habe. Dabei sei es ihm darum gegangen, Trump zu beschützen. Doch nunmehr sei er nach Washington gekommen, um dies wiedergutzumachen und um endlich die Wahrheit zu sagen. "Ich schäme mich für meine Schwäche und für meine falsche Loyalität zu Trump", sagt Cohen. Das klingt ehrlich reumütig und tatsächlich stellt sich die Frage: Warum sollte er jetzt erneut lügen?

Donald Trump
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Donald Trump

Cohen erzählt viele ernste, aber auch bizarre Geschichten aus seinen Jahren mit Trump. Wie Trump ihm gegenüber damit angegeben habe, dass er sich einst erfolgreich um seinen Militärdienst im Vietnamkrieg gedrückt habe. "Ich bin doch kein Idiot und gehe nach Vietnam", soll Trump gesagt haben.

Einmal will Cohen im Auftrag von Trump dessen frühere Universität bedroht haben. Falls sie es wagen sollte, Trumps Noten zu veröffentlichen, würde er sie sofort verklagen. Ein anderes Mal soll Trump Cohen angewiesen haben, bei einer Auktion durch einen Strohmann ein Trump-Porträt zu ersteigern. Später gab Trump damit an, sein Porträt habe den Höchstpreis erzielt. Dass er es quasi selbst gekauft hatte, sagte er nicht.

Courtesy Michael Cohen/Handout via REUTERS

Dann erzählt Cohen, dass er nicht glaube, dass Trump ein uneheliches Kind habe, auch wenn es da solche Gerüchte gegeben habe. Auch berichtet er, dass Trump seine Vermögensverhältnisse gegenüber der Deutschen Bank aufgeblasen habe, um einen Kredit für den Kauf eines Footballteams zu erhalten. Oder dass er den tatsächlichen Wert seiner Golfplätze falsch dargestellt habe, um weniger Steuern zu zahlen. Und, und, und.

Heikle Aussagen zu Russland

Zu den wichtigeren Punkten in Cohens Aussagen gehören zweifellos die neuen Einblicke, die er in die Russlandermittlungen gibt. Auch wenn Cohen bei dieser öffentlichen Anhörung aus Gründen der Geheimhaltung nicht viel zu seiner Zusammenarbeit mit Sonderermittler Robert Mueller sagen darf, macht er doch eine Sache deutlich: Trump habe sehr wohl vorab gewusst, dass die Enthüllungsplattform WikiLeaks im Wahlkampf E-Mails veröffentlichen würde, die zuvor aus dem Hauptquartier der Demokraten gestohlen worden waren, vermutlich von russischen Hackern.

Er sei dabei gewesen, als der Trump-Freund Roger Stone über ein Lautsprechertelefon angerufen habe, beschreibt Cohen eine Szene aus dem Sommer 2016. Stone habe Trump gesagt, dass er gerade mit dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange telefoniert habe. Die WikiLeaks-Mails sollten bald veröffentlicht werden, soll Stone zu Trump gesagt haben. Der reagierte darauf angeblich erfreut.

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Trumps Ex-Anwalt: Abrechnung im US-Kongress

Trump hatte bislang stets bestritten, von der ganzen Sache überhaupt gewusst zu haben. Und Stone hatte angegeben, weder mit Trump noch mit Assange gesprochen zu haben. Mindestens einer der Männer lügt hier also: Cohen, Trump oder Stone. Die Frage ist nur: wer und warum?

Er habe keine direkten Beweise dafür, dass Trump oder sein Team mit Russland zusammengearbeitet haben, um die Präsidentenwahl zu manipulieren, sagt Cohen. "Aber ich habe da so meinen Verdacht."

Die Stormy-Daniels-Affäre

Ein weiterer wichtiger Punkt sind Cohens Aussagen in Bezug auf mutmaßliche Schweigegeldzahlungen an zwei Frauen, die mit Trump Affären gehabt haben sollen. Diese Sache ist für Trump womöglich juristisch sogar heikler als die Russlandaffäre. Es geht unter anderem um den berühmt-berüchtigten Stormy-Daniels-Skandal und um die Zahlungen an das "Playboy"-Model Karen McDougal.

Stormy Daniels
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Stormy Daniels

Cohen hat nun erstmals öffentlich angegeben, dass Trump vor der Wahl 2016 von den Schweigegeldzahlungen gewusst habe: Trump habe ihn angewiesen, diese zu übernehmen und anschließend gemeinsam mit ihm versucht, die Sache in der Öffentlichkeit durch falsche Angaben zu vertuschen, sagte Cohen. Es sei vor der Wahl darum gegangen, um jeden Preis eine schädliche Berichterstattung über die Affäre zu verhindern, räumte Cohen ein.

Später habe Trump ihm mit verdeckten Zahlungen das Geld erstattet. Dies wären gleich zwei mögliche Straftaten: Ein Verstoß gegen die strengen US-Gesetze zur Wahlkampffinanzierung sowie Strafvereitelung.

Als die Zahlungen an Stormy Daniels im Frühjahr 2018 durch Berichte im "Wall Street Journal" detaillierter bekannt wurden, soll der Präsident ihn, Cohen, explizit angewiesen haben, zu erklären, Trump habe von den Zahlungen nichts gewusst. Möglicherweise schlecht für Trump: Laut Cohen war bei der ganzen Sache auch der Finanzchef des Trump-Firmenimperiums, Allen Weisselberg, involviert. Weisselberg hat bereits vor der Staatsanwaltschaft in New York ausgesagt. Bislang ist nicht bekannt, ob auch er Trump belastet. Sollte Weisselberg Cohens Aussagen bestätigen, müsste Trump womöglich mit einer Anklage rechnen.

Das Moskau-Projekt

Es wurde noch ein dritter wichtiger Punkt in der Cohen-Anhörung deutlich: Es gibt weiterhin etliche Ungereimtheiten rund um ein Immobilienprojekt der Trumps in Russland, den "Trump Tower Moskau". Cohen hatte dazu bei einem ersten Auftritt vor dem US-Kongress im vergangenen Jahr gelogen. Er hatte angegeben, dieses Projekt sei während des Wahlkampfs nicht weiterverfolgt worden.

Trump Tower in New York
REUTERS

Trump Tower in New York

Nun räumte Cohen ein, dies sei falsch gewesen. Das Projekt sei sehr wohl während des ganzen Wahlkampfs weiter verfolgt worden, Trump habe sich selbst auch immer wieder über den Stand erkundigt. Es sei ihm bei seiner falschen Kongressaussage darum gegangen, diesen Umstand im Interesse Trumps zu verbergen. Er habe geglaubt, Trump würde das von ihm erwarten. Schließlich habe Trump immer wieder öffentlich angegeben, dass er mit Russland "absolut nichts" zu tun habe.

Deshalb habe er auch seine erste, falsche Aussage zu dem Projekt vor dem Kongress im vergangenen Jahr mit Trumps Anwälten koordiniert. Diese hätten seine schriftlichen Angaben überprüft und stellenweise geändert, so Cohen.

Dies ist eine brisante Aussage, die sicherlich weiter untersucht wird, mindestens von den Demokraten im Kongress: Sollten Trump und/oder seine Anwälte in Cohens Falschaussage vor dem Kongress verwickelt sein, wäre auch dies ein Vergehen. Eine Falschaussage vor dem Kongress und die Anstiftung dazu ist eine Straftat.

Ein geheimnisvolles Verfahren in New York

So oder so ist damit klar: Die Anhörung von Michael Cohen ist nicht das Ende, sondern womöglich erst der Auftakt zu weiteren Ermittlungen.

Schon in der kommenden Woche könnte der Mueller-Abschlussbericht mit neuen Anschuldigungen gegen Trump veröffentlicht werden. Und Cohen deutet an, dass bei der Staatsanwaltschaft in New York noch ein bislang unbekanntes Verfahren anhängig ist, in das Trump verwickelt ist. Er sei aber von den Fahndern gebeten worden, darüber jetzt nichts zu sagen, so Cohen.

Da werden Trump und seine Anwälte sicherlich sehr genau hingehört haben.

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
Vanagas 28.02.2019
1. Es steht Aussage gegen Aussage
Ich bitte dieses zu beachten bei der Größe Ihrer Schlagzeile!
hwmueller 28.02.2019
2. Haben Sie schon mal über den Tyrannenmord nachgedacht, Herr Nelles?
Sie kratzen aber auch jeden Schiss aus jeder Ecke, um ihren Hass auf zu Trump zu füttern. Sie wären in der Isarprawda bei Herrn Dr. Prantl und Frau Emcke (Anhängerin von Pinochetmethoden) besser aufgehoben. Vom Spiegel erwarte ich in spe dann wieder den gewohnten Qualitätsjoutnalismus. Sachlich und werteneural.... Dafür steht nämlich dies wichtige Medium.
Marinus_Ladegast 28.02.2019
3. The Power Of Denial
Ich habe die Anhörung von Cohen einige Stunden lang auf CNN verfolgt. Was mich mit Abstand am meisten fasziniert, ist die fast schon gtroteske Realitätsverweigerung der Republikaner. Ihre einzige Taktik scheint in dem Versuch zu bestehen, Cohen als krankhaften Lügner und gemeingefährlichen Kriminellen darzustellen. Weshalb sich ihr Präsident dann von allen verfügbaren Anwälten in den USA ausgerechnet dieses Scheusal aussuchte, um mit ihm über zehn Jahre lang auf das Engste zusammenzuarbeiten, beantworten diese Herren und Damen dann allerdings nicht. Wir sollen also glauben, dass es Trump zehn Jahre lang nicht aufgefallen sein will, dass einer seiner wichtigsten Mitarbeiter quasi jeden Tag mit blutverschmierter Schürze, Fleischerbeil und Knochensäge durch's Büro gelaufen ist. Für wie blöd halten die uns eigentlich?
marlang 28.02.2019
4. Im Zweifel für den Angeklagten...
Ich frage mich nur wie viele Zweifel man noch ausräumen muss um festzustellen, dass dieses Subjekt das personifizierte Böse schlechthin ist?
wizzbyte 28.02.2019
5. Bei der nächsten Präsindentschaftswahl
geht es für Trump auch ums wirtschaftliche Überleben. Verliert er, hat er bis an sein Ende Strafverfahren am Hals. Ob er sich selbst begnadigen kann oder auf einen altersmilden "demokratischen" Nachfolger trifft, ist zu bezweifeln.
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