Tory-Kandidat Gove Der Brexit-Brutus

Seine Kandidatur sorgt für Fassungslosigkeit: Tory-Politiker Michael Gove brüskiert seinen langjährigen Verbündeten Boris Johnson. Es ist nicht das erste Mal, dass der Schotte einem alten Freund in den Rücken fällt.

Aus Edinburgh berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gibt bestimmte Fähigkeiten, die man für das Amt des Premiers braucht. "Ich weiß, dass ich sie nicht habe", sagte Michael Gove im März 2012.

"Ich will es nicht machen", sagte er noch vor einigen Wochen und meinte damit den Premier-Job.

Am Donnerstag dann: "Ich möchte für jeden in diesem Land regieren."

Was derzeit im Brexit-erschütterten Großbritannien passiert, hätte das Zeug zum packenden Theaterstück. Ein Drama voller Überraschungen, eine Geschichte von Freundschaft und Verrat.

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Brexit-Rebell Gove: "Auch du, Michael?"

Am Donnerstagmorgen, 9.01 Uhr, scheint die Sache auf der Insel noch klar: Boris Johnson soll für das Brexit-Lager ins Rennen um die Tory-Führung gehen - und Premier David Cameron ablösen. So war es lange geplant. Johnson war das Gesicht der Leave-Kampagne, die für den Austritt aus der EU warb und die sich beim Referendum durchsetzte.

Am Mittag will der frühere Londoner Bürgermeister seine Kandidatur in einem Hotel in Westminster verkünden. Parteivolk ist eingeladen. Doch es kommt alles anders.

9.02 Uhr: Eine E-Mail geht bei Journalisten ein. Absender ist das Büro von Michael Gove, Justizminister, Konservativer, seit Monaten enger Mitstreiter von Johnson im Brexit-Wahlkampf. Er erklärt: "Boris ist nicht in der Lage, für die kommenden Aufgaben die Führung zu übernehmen oder ein Team aufzubauen." Gove will es jetzt selbst machen - entgegen aller Ankündigungen. Es ist der Bruch mit einem, dem er Unterstützung zugesichert hatte. Mit einem Vertrauten seit Uni-Tagen.

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Cameron-Nachfolge: Diese Tories trauen sich

Gove wurde 1967 im schottischen Edinburgh geboren und von einer Familie aus Aberdeen adoptiert. Später studierte er in Oxford Anglistik. Dort traf er zwei künftige Weggefährten: Johnson und Cameron.

Es folgte eine Karriere als Journalist und in der Politik. Seit 2005 sitzt der Schotte im Unterhaus und fällt mal als Liberaler auf, der sich für die Homo-Ehe einsetzt, mal als strammer Konservativer. Als Bildungsminister nannte Gove streikende Lehrer einmal "militante Hardliner". Cameron zog ihn ab und machte ihn zunächst zum Fraktionschef, ehe Gove das Justizressort übernahm.

Johnson kann ohne Gove nicht Premier werden

Der Premier und Gove - auch das war eine jahrelange Freundschaft, der Schotte war sogar Pate von Camerons verstorbenem Sohn. Doch dann kam der Brexit-Wahlkampf - und Gove schlug sich auf die Seite der Brexiteers. Für Cameron ein harter Schlag.

Jetzt ist Gove offenbar wieder einem alten Freund in den Rücken gefallen. Knapp drei Stunden nach der Ankündigung seiner Kandidatur tritt Boris Johnson in dem Londoner Hotel vor die Kameras. Er sagt, der Kandidat für das Amt des Premiers müsse beide Lager, Brexit-Befürworter und -Gegner, versöhnen. "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Person nicht sein kann." Aufnahmen zeigen Johnson-Anhänger, denen vor Schreck die Gesichtszüge entgleiten.

Schnell ist von Betrug die Rede. Johnsons Vater reagierte mit einer Abwandlung des berühmten Satzes, den Cäsar einst zu Verschwörer Brutus gesagt haben soll: "Et tu, Michael?", "Auch du, Michael?"

Ohne Gove kann Johnson nicht Premier werden. Der Justizminister soll kurzfristig laut "Guardian" 10 bis 15 Johnson-Anhänger im Parlament auf seine Seite gezogen haben. Johnson selbst habe er vergeblich versucht zu erreichen, heißt es aus dem Gove-Lager. Die andere Seite dementiert.

Doch was steckt hinter dem Manöver? Die offizielle Version geht so: Er sei eigentlich bereit gewesen, Johnson zu unterstützen, sagt Gove. Erst am Mittwochabend habe er sich entschieden, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Vertraute von Johnson vermuten dagegen, all das sei von langer Hand geplant gewesen.

Gove geht in die Offensive

Klar ist: Das Brexit-Lager ist gespalten. Da gibt es die einen, die den Eindruck machen, als hätten sie nie wirklich mit einem Votum für den Ausstieg gerechnet. Johnson gehört dazu. Nach der Volksabstimmung bemühte er sich um Beruhigung. Er erklärte, es werde für die Briten keine wesentlichen Veränderungen geben.

Dem gegenüber stehen die Brexit-Hardliner. Sie wollen den Ausstieg aus der Europäischen Union, sofort und radikal. Anders als Johnson tritt Gove beispielsweise für eine weitgehende Abkehr vom EU-Binnenmarkt ein. Am Ende sei er von vielen Seiten zur Kandidatur aufgefordert worden: "Michael, du solltest es sein." Gove erklärte aber am Freitag, dass er sich auch als Premier Zeit lassen wolle mit dem offiziellen Austritt aus der EU.

Es ranken sich nun viele Gerüchte darum, wer Johnson verhindern wollte. Am Dienstag wurde eine an Gove gerichtete E-Mail seiner Ehefrau öffentlich - angeblich aus Versehen. Kolumnistin Sarah Vine schrieb darin, die mächtigen Medienmogule Rupert Murdoch und Paul Dacre stünden nicht hinter Johnson.

Eine Intrige? Zumindest, heißt es, habe sich das Zerwürfnis zwischen Johnson und Gove in den Tagen nach dem Brexit-Entscheid angedeutet. Gove, so berichtet es der "Daily Telegraph" habe den Posten des Schatzkanzlers, also des Finanzministers, in Johnsons Kabinett eingefordert. Dabei wolle er aber den umstrittenen "Leave"-Strategen Dominic Cummings ins Boot holen. Johnson lehnte ab.

Als Johnsons Rückhalt in den eigenen Reihen schwand, ging Gove schließlich in die Offensive, getragen von guten Umfragewerten. Ungewiss aber, wer nach diesem Schauspiel den Applaus bekommt.


Zusammengefasst: Michael Gove will britischer Premier werden - und fällt damit seinem alten Freund Boris Johnson in den Rücken. Angeblich will er sich kurzfristig zu diesem Schritt entschieden haben, Kritiker vermuten aber eher einen langfristigen Plan hinter der Intrige.



insgesamt 55 Beiträge
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denny101 01.07.2016
1.
Einem professionellen Opportunisten wie Johnson tut es sicher gut, auch mal die Kehrseite des Opportunismus kennen zu lernen, den Verrat. Solche Leute kommen in der Politik viel zu oft durch mit ihren Machenschaften...
RalphHarro 01.07.2016
2. Ich liebe dieses England.
Agathe Christie, Shakespeare, Hamlet, Macbeth, jede Menge, möglichst heimtückische und theatralische Morde. Ja so macht es Spaß auf der Insel. Keine Satire, Ironie oder sonst was, fiel mir eben nur so ein.
_Mitspieler 01.07.2016
3. Brutus-Gen
Na ja. Politiker sind nunmal in der Regel Spätmerker. Das liegt am mittleren verfügbaren IQ (notwendige Bedingung). Frei nach dem Gedanken, was der Lügenbaron Ferarge kann, kann ich schon lange, ist ihm kurzfristig aufgefallen, dass er entgegen eigener früherer Befürchtungen offensichtlich nun doch über das Brutus-Gen verfügt (hinreichende Bedingung) und macht sich derart ausgestattet auf, das Eiland qualifiziert regieren zu wollen.
gmv-meldet-sich 01.07.2016
4. Hört doch bitte auf
sämtliche Pro-Brexit-Politiker als Lügner, Zocker, Verräter etc. zu diskreditieren! Als Schotte wäre Gove vielleicht sogar geeignet, den Zusammenhalt im UK zu stärken.
alfistone 01.07.2016
5. Ein Schotte?
Das macht die ganze Sache ja noch kurioser. Wenn es ein zweites Referendum gibt und Schottland das Vereinigte Königreich verlässt, was passiert dann?
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