Ex-Sowjetpräsident Gorbatschow warnt vor "kolossaler Gefahr" für die Welt

Michail Gorbatschow half dabei, den Kalten Krieg zu beenden. Auf die aktuellen Spannungen zwischen Ost und West blickt er mit Sorge. Im Interview mit der BBC erklärt er, worauf es jetzt ankommt.

Gorbatschow (Archiv): Viel Sorge und kein Ratschlag für den Brexit
Reynaldo Paganelli/ NurPhoto / Getty Images

Gorbatschow (Archiv): Viel Sorge und kein Ratschlag für den Brexit


Es war ein Meilenstein der Abrüstung, als Michail Gorbatschow und Ronald Reagan 1987 das INF-Abkommen unterzeichneten. Nachdem die USA den Vertrag aufkündigten und sich auch Russland darauf zurückzog, endete das Abkommen allerdings in diesem Jahr. Nun betrachtet der einstige Sowjetpräsident Gorbatschow die aktuellen Spannungen zwischen Moskau und dem Westen mit größter Sorge.

"So lange es Massenvernichtungswaffen gibt, vor allem Atomwaffen, ist die Welt in kolossaler Gefahr", sagte er in einem Interview mit der britischen BBC. Daher sei es nötig, dass alle Staaten sich dazu verpflichten, ihre Atomwaffen zu zerstören. "Um uns zu retten und die Welt", so Gorbatschow.

Er hatte 1987 gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten Reagan das Abkommen für nukleare Abrüstung im Mittelstreckenbereich unterschrieben und damit geholfen, den Kalten Krieg zu beenden. Der INF-Vertrag verbot landgestützte Raketen und Marschflugkörper mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 Kilometer, die Atomsprengköpfe tragen können.

Unter US-Präsident Donald Trump hatten die USA den Vertrag jedoch im Februar dieses Jahres aufgekündigt, anschließend zog sich auch Russland aus dem Abkommen zurück. Gorbatschow warnte in diesem Zusammenhang vor einem neuen Wettrüsten.

"Kühler Krieg, aber immer noch Krieg"

Auf die Frage, wie er die aktuelle Situation bezeichnen würde, sagte Gorbatschow. Es sei kühl, aber immer noch Krieg. "An verschiedenen Orten der Welt gibt es Gefechte, es gibt Schießereien, Schiffe und Flugzeuge werden hierhin und dorthin und überallhin entsandt. Das ist keine Situation, die wir wollen", so Gorbatschow.

Auch zum 30. Jubiläum des Mauerfalls äußerte sich der frühere Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Ex-Präsident der Sowjetunion. "Es durfte kein Blutvergießen geben. Wir konnten das nicht zulassen bei einem so bedeutenden Ereignis für Deutschland, für uns, für Europa und für die ganze Welt." Also habe die Sowjetunion beschlossen, nicht zu intervenieren.

Zum Abschlusses seines Interviews mit der BBC wurde Gorbatschow gefragt, welchen Ratschlag er in der verfahrenen Brexit-Situation geben würden. Seine Antwort fiel diplomatisch aus: "Ihr werdet das allein lösen. Briten sind sehr clever."

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Seite 1
gt1961 04.11.2019
1. Wiedervereinigung
wenn es um die Wiedervereinigung geht, kann ich nur sagen, Danke M .Gorbatschow. Nach der Auflösung des Warschauer Pakts, hatten wir die Möglichkeit für weitreichenden Frieden und Abrüstung. Heute steht die NATO kurz vor Russlands Grenzen, Russen, Chinesen und Moslems sind unsere Feindbilder und vom Frieden sind wir weit entfernt. Guter Journalismus würde aufzeigen wer die Profiteure dieser Politik sind, so bleibt mir nur zu sagen, danke liebe Politiker, ihr habt die Möglichkeiten die sich 1990 boten, komplett versaut, zumindest aus der Sicht des normalen Bürgers.
quark2@mailinator.com 04.11.2019
2.
Der Atomwaffensperrvertrag verpflichtet die Atommächte dazu, sich von ihren Atomwaffen zu trennen. Aber das passiert natürlich nicht. Auf der anderen Seite bin ich fest davon überzeugt, daß wir in den letzten 50 Jahren wesentlich schlimmere Kriege gehabt hätten, wenn die gegenseitige Abschreckung nicht wäre. Russland z.B. würde Sibirien niemals halten können. Insofern können diese Waffen den Frieden bewahren, wenn der Rahmen stimmt. Und dieser unbedingt nötige Rahmen besteht aus meiner Sicht darin, daß sich alle Beteiligten an das Völkerrecht halten. Das heißt, die geschlossenen Verträge wirklich einhalten und vor allem, keine kriegerischen Akte begehen. Damit meine ich Drohnen über fremden Ländern oder auch Softwareangriffe gegen Infrastruktur, usw. Last not least brauchen wir schnellstmöglich einen neuen INF-Vertrag, an dem sich auch China beteiligt, denn diese nuklearen Kurz- und Mittelstreckenwaffen sind kreuzgefährlich, da sie die Reaktionszeiten so sehr verkürzen, daß im Fall von Sensorfehlern Kurzschlußreaktionen die Folge wären. Bekanntlich wurden auch zu Zeiten des Kalten Krieges mindestens zweimal beinahe "Gegenschläge" geführt, obwohl gar kein Angriff stattfand. Damals war die Bedenkzeit aber deutlich höher als ein paar Sekunden. Ich wundere mich, daß die deutsche Regierung nicht seit Monaten laut dazu aufruft, das Abkommen zu erneuern. Gerade DE hat ein großes Interesse daran.
Patrizier 04.11.2019
3.
Zitat von quark2@mailinator.comDer Atomwaffensperrvertrag verpflichtet die Atommächte dazu, sich von ihren Atomwaffen zu trennen. Aber das passiert natürlich nicht. Auf der anderen Seite bin ich fest davon überzeugt, daß wir in den letzten 50 Jahren wesentlich schlimmere Kriege gehabt hätten, wenn die gegenseitige Abschreckung nicht wäre. Russland z.B. würde Sibirien niemals halten können. Insofern können diese Waffen den Frieden bewahren, wenn der Rahmen stimmt. Und dieser unbedingt nötige Rahmen besteht aus meiner Sicht darin, daß sich alle Beteiligten an das Völkerrecht halten. Das heißt, die geschlossenen Verträge wirklich einhalten und vor allem, keine kriegerischen Akte begehen. Damit meine ich Drohnen über fremden Ländern oder auch Softwareangriffe gegen Infrastruktur, usw. Last not least brauchen wir schnellstmöglich einen neuen INF-Vertrag, an dem sich auch China beteiligt, denn diese nuklearen Kurz- und Mittelstreckenwaffen sind kreuzgefährlich, da sie die Reaktionszeiten so sehr verkürzen, daß im Fall von Sensorfehlern Kurzschlußreaktionen die Folge wären. Bekanntlich wurden auch zu Zeiten des Kalten Krieges mindestens zweimal beinahe "Gegenschläge" geführt, obwohl gar kein Angriff stattfand. Damals war die Bedenkzeit aber deutlich höher als ein paar Sekunden. Ich wundere mich, daß die deutsche Regierung nicht seit Monaten laut dazu aufruft, das Abkommen zu erneuern. Gerade DE hat ein großes Interesse daran.
Sie meinen, dass die Amis Sibirien besetzt hätten? Das halte ich für weit hergeholt, zumal die Sowjets als konventionell überlegen galten und dies auch ein Argument des Westens für die Weiterentwicklung des eigenen atomaren Abschreckungspotenzials war. Außerdem haben sich schon einige in Russland verrannt, die eine Eroberung versucht hatten. Das sollten gerade wir Deutschen doch wissen. Dem Rest Ihres Beitrags stimme ich zu, will aber noch erwähnen, dass unsere Regierung sich nicht bloß für einen neuen INF-Vertrag, sondern für ein komplettes Verbot von Atomwaffen einsetzen müsste. Zahlreiche Staaten haben sich der Initiative bereits angeschlossen, doch wegen der USA machen wir nicht mit.
neurobi 04.11.2019
4.
Zitat von gt1961wenn es um die Wiedervereinigung geht, kann ich nur sagen, Danke M .Gorbatschow. Nach der Auflösung des Warschauer Pakts, hatten wir die Möglichkeit für weitreichenden Frieden und Abrüstung. Heute steht die NATO kurz vor Russlands Grenzen, Russen, Chinesen und Moslems sind unsere Feindbilder und vom Frieden sind wir weit entfernt. Guter Journalismus würde aufzeigen wer die Profiteure dieser Politik sind, so bleibt mir nur zu sagen, danke liebe Politiker, ihr habt die Möglichkeiten die sich 1990 boten, komplett versaut, zumindest aus der Sicht des normalen Bürgers.
Ich denke Sie spielen heir auf die Militärindustrie in den westlichen Ländern an, oder? Ich dene Sie überschätzen deren Einfluss. Wer aber ganz offensichtlich von der Situation profitiert, sind Leute wie Putin, Xi, Erdogan und Trump (und ihre nähere Umgebung). Alle nutzen äußere Konflikt um von Defizitäten im Inneren abzulenken. Die sind zwar von Land zu Land verschieden, aber es scheint zu funktionieren.
seine-et-marnais 04.11.2019
5. Ratloser Leser
Die Rolle Gorbatschows in den 80er und 90er Jahren kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Er 'wickelte' die UdSSR und ihr Imperium ab ohne dass es Blutbäder gab. Nur bei diesem Artikel hier bin ich etwas ratlos, "Er erklärt der BBC worauf es jetzt ankommt" heisst es da am Anfang. Und dann kommt nichts, ein staatsmännisches diplomatisches Nichts. Das ändert nichts an Gorbatschows positiver Rolle in der Geschichte, aber das Interview ist sicherlich keinen Artikel wert, es sei denn 'Kuckuck, Gorbatschow lebt noch'.
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