Abschied von Michelle Obama First Lady Perfect

Bald endet Michelle Obamas Zeit als First Lady, und viele Amerikaner schieben schweren Abschieds-Blues. Doch was hat sie tatsächlich erreicht - und was kommt nach dem Weißen Haus?

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Von , Washington


Amerika mag noch nicht loslassen. Medien, Blogger und Bürger schwärmen in diesen Tagen von Michelle Obama wie ein schwer verknallter Lover von seiner Liebsten. "Klug" sei sie, "anmutig", "fehlerlos", "charmant". Und "cool" natürlich, immer wieder "cool".

Michelle Obama ist überall. Sie zeigt ihre Beyoncé-Moves in der Carpool-Karaoke-Show. Sie kuschelt mit George W. Bush bei einer Museumseröffnung. Vor allem macht sie Wahlkampf für Hillary Clinton. Sie kann junge Menschen begeistern, die Clinton kalt lässt. Sie spricht Themen an - etwa, wenn Donald Trump mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlt - die für Clinton tabu sind, weil sie durch die Vergangenheit ihres Mannes vorbelastet ist. Obamas Rede am Donnerstag, in der sie Trump ein leidenschaftliches "Es reicht" entgegenschleuderte, wurde sogleich als historisch gefeiert.

In knapp vier Wochen wird Hillary Clinton vielleicht zur ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt. Die Frau der Zukunft ist für viele Amerikaner jedoch Michelle Obama.

Schon bald lässt die 52-jährige First Lady den East Wing des Weißen Hauses hinter sich. In den Niederungen eines Wahlkampfes, der täglich das Niveau einer Schlammschlacht im Schweinekoben locker unterschreitet, entwickeln viele Menschen im Land schweren Abschieds-Blues.

Wenn Donald Trump US-Präsident würde, müsste man sich an Melania Trump in der Rolle als wichtigste Frau im Staat gewöhnen, ein Ex-Model mit Vorliebe für neureiche Badezimmerarmaturen und Glitter-Smartphones. Sie fiel dieses Jahr auf, weil sie Teile einer Michelle-Obama-Rede plump plagiiert hatte, ausgerechnet bei Trumps Krönungsparteitag. Seitdem tritt sie nur mehr winkend in Erscheinung.

Würde Hillary Clinton gewählt, na, dann bekäme man eben Bill zurück, den alten Schwätzer. Inspirierend ist das kaum.

Michelle Obama dagegen entfaltet in ihren letzten Wochen im Job eine Strahlkraft wie ein warmer Bullerofen, an dem sich Amerika nur allzu gern die klamme Seele wärmt.

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Sie wirkt gelöst und lässig, vor allem aber, die wertvollste Währung in der Politik, authentisch. Sie hat gelernt, wie sie Menschen entwaffnen kann. Viele umarmt sie ganz einfach, selbst die britische Queen war vor der Taktik des vollen Körpereinsatzes nicht gefeit.

Eine ganz andere Seite der First Lady lernte Ellen Sturtz kennen. Die Aktivistin störte 2013 eine Spendengala, sie unterbrach Michelle Obama mehrfach, während die eine Rede hielt. Obama wurde wütend. "Sowas kann ich wirklich nicht leiden", fauchte sie.

"Sie sprang mir fast ins Gesicht", erzählte Sturtz.

Obama drohte damit, die Veranstaltung zu verlassen: "Sie können gern das Mikro haben", sagt sie zu Sturtz. "Aber ich bin dann weg." Das Publikum solle entscheiden. Es entschied sich - natürlich - für die First Lady.

Die ersten vier Jahre: zu brav

Michelle Obama mit kurzer Lunte, das gibt es also auch. Sie war unter Druck in dieser Phase, sie war keineswegs unumstritten.

Viele Feministinnen zeigten sich von ihren ersten vier Jahren im Weißen Haus bitter enttäuscht, weil Obama sich vor allem ihrer "Let's Move"-Kampagne und dem Kampf gegen Fettleibigkeit bei Kindern verschrieb. Das ist zu brav, klagten sie, zu wenig kontrovers.

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Das Grummeln der Enttäuschten gipfelte 2013 in einem "Politico"-Artikel, der die First Lady als "feministischen Alptraum" titulierte. Ohne Not, klagte die Autorin, reduziere sich Obama auf die Rolle der "Mom in Chief", der Obermutti, sie schlüpfe in Strickjäckchen und stecke ihre kostbare Energie in den Kampf für Gemüse.

Anfang desselben Jahres hatte ihr bereits der afroamerikanische Autor Courtland Milloy, Kolumnist der "Washington Post", die Leviten gelesen, weil Michelle Obama per Videoschalte bei der Oscar-Verleihung in Erscheinung getreten war. Milloy geißelte den Auftritt als "frivol". Obama habe es als schwarze Frau aus armen Verhältnissen an eine Eliteuniversität geschafft, für eine Top-Anwaltskanzlei gearbeitet, "sie sollte für einen Sitz im Supreme Court im Gespräch sein, keine Preise für Hollywood-Firlefanz überreichen."

Michelle Obamas Flucht ins Spargelbeet mag erklärbar sein mit den verbalen Prügel, die sie immer dann einsteckte, wenn sie politisch zu deutlich Stellung bezog.

Etwa im ersten Präsidentschaftswahlkampf, als sie nach ein paar politischen Reden als "Frau mit den wütenden Augenbrauen" diffamiert oder das rassistische Stereotyp der "Angry Black Woman" hervorgekramt wurde. Das Magazin "New Yorker" zeigte Michelle Obama als Karikatur, mit riesigem Afro und Panzerfaust.

"Das ging mir wirklich nahe", sagte Obama 2015 in einem Gespräch mit der "New York Times". "Ich hatte schlaflose Nächte deswegen."

Ihr bester Satz: "When they go low, we go high"

Aus Furcht und Unverständnis seien Klischees über sie entstanden. "Ich war entweder zu laut oder zu wütend oder zu männlich. Oder ich war zu weich, zu sehr Mama, nicht genug Karrierefrau." Ihr Fazit: "Wenn ich nicht verrückt werden wollte, durfte ich nicht zulassen, dass andere mich definieren. Ich musste das ganze Geschrei ignorieren und nur mir selbst treu sein."

Beim Parteitag der Demokraten im Juli dieses Jahres hielt sie eine herausragende Rede, es war ihre beste. Sie kanzelte Donald Trump und dessen Hass-Feldzug elegant ab, ohne auch nur seinen Namen in den Mund zu nehmen. Sie prägte einen Schlachtruf der Clinton-Kampagne: "When they go low, we go high", wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste.

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Und sie setzte - endlich, werden viele afroamerikanische Aktivisten gesagt haben - ihre eigene Biografie in Bezug zur amerikanischen Geschichte von Rassismus und Diskriminierung, zum Alltag in den USA: Ihre Vorfahren seien Sklaven gewesen, nun beobachte sie als First Lady vom Weißen Haus aus, "das Sklaven erbaut haben", wie ihre Töchter - "zwei schöne, intelligente, schwarze junge Frauen" dort auf dem Rasen mit ihren Hunden spielen.

Die Zukunft, so Obamas Botschaft, gehört jungen Menschen wie ihren Töchtern. Wandel ist möglich.

Diese Rede war politisch, sie war ambitioniert und sie skizzierte wohl auch das Feld, das Michelle Obama in den kommenden Jahren beackern will. Sie will junge Frauen aus sozial schwächeren Schichten als Mentorin ermutigen, sich zu holen, was ihnen zusteht: eine gute Ausbildung, ein Studium, angemessen bezahlte Jobs, Lohngerechtigkeit.

Schwarz-weiße Realität

Es ist enttäuschend, wie wenig das in den USA 2016 Realität ist. Die Lohnschere zwischen Schwarz und Weiß klafft weit auseinander, besonders, was Berufe für Akademiker anbelangt: Afroamerikaner werden entweder deutlich schlechter bezahlt als Weiße in entsprechenden Positionen, oder sie haben, etwa im Finanzwesen, so gut wie keinen Zugang zu den Top-Jobs.

Viele werden das den Obamas ankreiden: Dass sie zu moderat waren, keine schwarze Agenda verfochten, zu sehr darauf bedacht waren, ein Präsidentenpaar für alle Amerikaner zu sein, nicht in erster Linie eines für Schwarze.

Andere sehen in Michelle Obama allein dadurch in einer Vorreiterrolle für "Black Empowerment", dass sie First Lady ist, die erste Frau im Staat. Egal, ob sie dabei Strickjacken trägt oder im Garten jätet.

Michelle-Obama-Fans in Philadelphia
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Michelle-Obama-Fans in Philadelphia

Michelle Obama wird nicht müde, die gesellschaftspolitische Symbolik ihrer acht Jahre im Weißen Haus zu betonen. "Mittlerweile gibt es Kinder, die nichts anderes kennen und die es selbstverständlich finden, dass ein Afroamerikaner Präsident der Vereinigten Staaten ist."

Die bloße Kandidatur Donald Trumps ist eine Ohrfeige für die Obamas. Ein cholerischer Popanz, ein Anti-Obama, will nicht nur dessen politische Entscheidungen revidieren, er appelliert dabei an die niedersten Instinkte von Hass und Furcht und findet bei einer großen Zahl von Bürgern dieses Landes Gehör, ja, er wird von ihnen gefeiert. Allein das zeigt, dass eine schwarze Präsidentenfamilie im Weißen Haus wohl keinen Moment lang lässige Normalität war. Für zu viele Weiße war sie ein Affront.

Optionen hat sie genug

Hat Michelle Obama politische Ambitionen? Sie hat dies mehrfach heftig bestritten. Washington mit seinen Hinterzimmerdeals und seiner parteipolitischen Kraftmeierei sei ihr verhasst, heißt es.

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Andere Optionen gibt es wahrlich genug. "Sie hat die Anmut einer Jackie Kennedy, die Volksnähe einer Oprah Winfrey und das Charisma einer Julia Roberts", jubelt das Edelklatschblatt "Vanity Fair" und sagt Michelle Obama eine Zukunft als Super-Entertainerin voraus. Ob eigene Talkshow oder opulente Buchverträge: Obama, die für acht Jahre Arbeit im Weißen Haus mit keinem Dollar entlohnt wurde, kann sich jetzt aussuchen, in welchem Betätigungsfeld sie Millionengagen abruft.

Bis dahin macht sie, was sie perfekt beherrscht: Wahlkampf. Sie kann das, eine Menschenmenge unterhalten, eine Message rüberbringen, humorvoll mahnen, locker den politischen Gegner abkanzeln. Doch einmal, bei einem Auftritt an einer Universität in Virginia, entgleitet ihr die Regie.

Als Michelle Obama die jungen Leute fragt, ob sie bereit seien für Hillary Clinton, die erste Präsidentin im Weißen Haus, brüllen die Studenten zurück, was sie wirklich wollen: "Four more years, four more years!".

insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
joG 14.10.2016
1. Die Atmosphäre ist seit die Obamas...
....an die Macht kamen schlechter geworden. Das ist nicht nur international so, sondern gerade zum Thema, das sie sich auf die Fahnen schrieb. Der Grad der Spannungen zwischen Schwarzen und der übrigen Gesellschaft sind wesentlich angestiegen und solche Organisationen wie Black Lives Matter sind aggressiv bis gewalttätig, während sie falsche Informationen verbreiten. Es ist halt nicht wahr, dass Weiße Schwarze Leben bedrohen. Das sind in überwältigender Mehrheit doch Schwarze, die Schwarze töten.
pfzt 14.10.2016
2.
Bill Clinton wird hier als "alter Schwätzer" betitelt? Das ist ehrlich gesagt ganz schön frech. Im Vergleich zur hier gefeierten Michelle hat er immerhin mal das Land regiert und dabei sogar einen Haushaltsüberschuss hinbekommen. Davon sind Michelle (und ihr Mann) wirklich meilenweit entfernt.
kosamm 14.10.2016
3. Refreshing. . .
Wir brauchen mehr solche ehrlichen, intelligenten und erfrischenden Menschen wie Michelle Obama gegen den "WHITE TRASH" in der heutigen Welt. ( Siehe auch Sachsen )
diezweitemeinung 14.10.2016
4. Sympathisch. Michelle Obama for President!
Diese Frau ist sympathisch und vermutlich auch klug. Ja, den Amerikanern wäre es zu wünschen, wenn diese Frau, der man nicht zutraut korrupt zu sein. in 4 oder 8 Jahren Präsidentin würde. Ob es allerdings ihr zu wünschen wäre, sei dahingestellt.
fördeanwohner 14.10.2016
5. -
Eigentlich schade, dass nicht sie zur Wahl steht! Tatsächlich ist sie wirklich "cool". Vielleicht sehen wir sie ja wieder auf der politischen Bühne. Sie steht für ein anderes Amerika und macht Trump noch "kleiner" als er ist. Aber man versteht dann auch, weshalb sich weiße Männer der unteren Mittelschicht Trump wünschen. Leider ist das nur ein Zeichen ihrer eigenen Unfähigkeit, selbst den Hintern hochzukriegen. Michelle Obama hält ihnen den Spiegel vor, während Trump ihnen verkauft, dass andere Schuld seien.
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