Nationalisten und Rassisten bei US-Midterms Die rechten Geister, die Trump rief

Sie sind Holocaust-Leugner, hetzen gegen Einwanderer, haben Neonazi-Kontakte: Bei den Kongresswahlen treten ultrarechte Kandidaten für die Republikaner an. Ihre Chance ist gering, der Trend jedoch gefährlich.
Rechte Demo in Charlottesville, Virginia (im August 2017)

Rechte Demo in Charlottesville, Virginia (im August 2017)

Foto: STEPHANIE KEITH/ REUTERS

Trump-Klon auf Steroiden. So beschrieb ein Journalist der "Washington Post" den Republikaner Corey Stewart vor einigen Wochen. Seine Eigenschaften: aggressiv, laut, impulsiv.

Stewart will bei den Midterm-Wahlen den Demokraten in Virginia das Amt des Senators abjagen. Den aggressiven Grundton ihres Kandidaten hat sein Wahlkampfteam schon verinnerlicht.

Kurz vor dem Auftritt des Republikaners im Hinterzimmer einer Sportsbar von Martinsville im Bundesstaat Virginia werden unbekannte Gesichter sehr genau beäugt. "Du verlässt den Raum jetzt sofort", sagt ein Mitarbeiter zu einem jungen Mann, der offenbar für ein linkes Medium arbeitet. "Wir wollen hier keine Journalisten, die die Storys verdrehen." In Richtung SPIEGEL-Reporter heißt es: "Weiß jemand, wer der Typ ist? Bist du etwa von der linken Presse?"

Corey Stewart in Virginia

Corey Stewart in Virginia

Foto: SPIEGEL ONLINE

Kritische Medien unerwünscht. Das ist die Botschaft des Stewart-Teams. Wer unliebsam berichtet, muss weg. Selbst bei einem Auftritt vor etwa 30 Leuten in einer Kleinstadt im Nirgendwo.

Die Gesichtskontrolle hat gute Gründe. Der 50-jährige Stewart, der sich überraschend und zum Missfallen vieler Republikaner bei den Vorwahlen durchsetzen konnte, fiel bisher besonders durch seine Kontakte zu amerikanischen Rechten auf. Das soll im Wahlkampf möglichst verschwiegen werden, weil es selbst äußerst konservative Republikaner von seiner Wahl abschrecken könnte. Seit Monaten versucht der Anwalt deshalb einen Imagewandel. Ein Wolf im Schafspelz in Virginia.

Rechte spalten die Partei

Stewart ist wohl der prominenteste Bewerber mit rechtem Hintergrund bei den Midterm-Wahlen - aber beileibe nicht der einzige, wie US-Medien auflisten .

In mehreren Staaten treten Nationalisten, Holocaust-Leugner und Alt-Right-Anhänger an. Während Stewart öffentlich lieber den bürgerlichen Deckmantel über diese Themen wirft, präsentieren andere Kandidaten ganz offen ihre kruden Ansichten - und spalten damit auch die eigene Partei.

  • In North Carolina will Russel Walker für die Republikaner in das Repräsentantenhaus einziehen. Der Chemie-Ingenieur spricht öffentlich ungeniert von der Überlegenheit der "Weißen Rasse" und bezeichnet Juden als Abgesandte Satans. In einem Interview sagt er: "Was ist falsch an der Überlegenheit der Weißen Rasse? Gott ist Rassist und ebenfalls davon überzeugt." Die Partei entzog ihm die Unterstützung. Seine Chancen auf einen Einzug in den Kongress sind gering.
  • Der Tod von Millionen Juden während des Holocaust sei die größte aller Lügen: Das schreibt Arthur Jones auf seiner Website. Das einstige Mitglied der amerikanischen Nazi-Partei setzte sich bei den Vorwahlen für den dritten Bezirk in Chicago durch - und tritt nun für die Republikaner bei den Midterms an. Die haben ihre Unterstützung entzogen, bezeichnen den 70-Jährigen als verrückt. Die Partei hatte es schlicht verschlafen, einen Gegenkandidaten zu präsentieren.

Und dann ist da noch Corey Stewart.

Auf seinem Facebook-Profil präsentiert er das perfekte Familienidyll: Gemeinsam mit seinen zwei Söhnen und der Ehefrau kniet er vor einem Baum, im Hintergrund geht die Sonne unter, zwei Hunde komplettieren das Bild.

Seine andere, politisch radikale Seite ist gut belegt. Nur einige Beispiele:

Stewart besuchte Veranstaltungen, die der Neonazi Jason Kessler organisiert hatte. Kessler wurde landesweit bekannt, weil er einer der Mitinitiatoren rechter Aufmärsche in Charlottesville war. Dort kam es im August 2017 zu Ausschreitungen und einem tödlichen Attentat auf Gegendemonstranten.

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Charlottesville: Gewalteskalation bei ultrarechtem Aufmarsch

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Zudem verteidigte Stewart mehrfach Symbole der Rechten wie die Konföderierten-Statuen. In Charlottesville war genau das der Anlass für die rechten Demonstrationen. Dort sollte die Statue Robert E. Lees, des Befehlshabers der Südstaaten-Truppen im amerikanischen Bürgerkrieg entfernt werden.

Statue Robert E. Lees in Charlottesville

Statue Robert E. Lees in Charlottesville

Foto: Julia Rendleman/ AP

Die Südstaaten kämpften für den Fortbestand der Sklaverei, mussten aber 1865 kapitulieren. Die Legende vom verlorenen Glanz des Südens war geboren, an die rechtsradikale Amerikaner teilweise anknüpfen.

Stewart unterstützte öffentlich die Kandidatur des Neonazi Paul Nehlen für den Kongress. "Er ist einer meiner persönlichen Helden", sagte Stewart im Januar 2017. Sechs Monate später floss eine Spende von 759 Dollar auf das Kampagnenkonto Nehlens.

Eine dezente Distanzierung

Inzwischen hat sich Stewart von beiden Personen distanziert. Er habe zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, mit wem er es zu tun gehabt habe. Nehlen war zu dem Zeitpunkt, als Stewart ihn als "Helden" bezeichnete, allerdings bereits mit stark antimuslimischen Tweets aufgefallen, schreibt die "New York Times".

Und: Stewart distanzierte sich zwar von den beiden, verurteilt hat er die Aussagen aber nie.

In der Kleinstadt Martinsville betritt Stewart gegen 17 Uhr das Hinterzimmer von Hugos Sportsbar. Die Decken sind tief, die Wände pistaziengrün. Im Neonlicht applaudieren die etwa 30 Unterstützer. Meist sind es Menschen im Rentenalter, einige tragen Schirmmützen mit dem Schriftzug "NRA", der Abkürzung für die amerikanische Waffenlobby National Rifle Association.

Kurz zuckt es unter Stewarts Auge, als er von anwesenden Journalisten hört. Dann beginnt sein Vortrag. "Wenn ich gewinne, werde ich zuerst die Mauer zu Mexiko hochziehen." Jubel.

Stewart, der Trump-Klon. Die Inhalte unterscheiden sich kaum. Er steht in einer Ecke vor seinem Wahlplakat in Schuhen, die stark nach Krokodilleder aussehen. Seine Sätze sind wie Twitter-Nachrichten des Präsidenten: "Ist es nicht toll, dass wir mit Kavanaugh so einen tollen neuen Richter haben?" Wieder Jubel.

Deshalb darf natürlich auch die Migrantenkarawane in der Rede nicht fehlen: "Wenn wir die Menschen reinlassen, welche Nachricht sendet das dann an andere?", sagt er und gibt sich die Antwort selbst. "Wir brauchen nicht noch mehr arme Menschen im Land."

Weiter nach rechts driftet er in seinen Aussagen an diesem Tag nicht - das Image.

Die Chancen auf einen Einzug in den Senat sind dennoch gering. In den Umfragen liegt er weiter hinter dem demokratischen Amtsinhaber zurück.

Für die Republikaner zeichnet sich mit solchen Kandidaten eine gefährliche Entwicklung ab. "Die Republikaner können die Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr kontrollieren", sagt Dr. Curd Knüpfer von der Freien Universität Berlin.

Das Problem gärt seit Jahren

Knüpfer, der in den USA aufwuchs, hat sich in seiner Dissertation mit den rechten Strömungen in der Partei auseinandergesetzt. Er habe den Eindruck, dass es derzeit so viele rechte Republikaner bei den Midterm-Wahlen und auch bei den Vorwahlen gegeben habe, wie noch nie. Das Problem habe aber bereits vor Jahren eingesetzt.

Die Republikaner hätten sich mit den Jahren zunehmend als "Dagegen"-Partei inszeniert. Nach dem Motto: "Wir gegen das Establishment in Washington", sagt Knüpfer. Dadurch seien aber zunehmend auch Personen mit radikaleren Ansichten angezogen worden, die auf diesem Ticket für die Partei antreten.

Hinzu käme insgesamt ein schärferer Ton in Debatten über Themen wie Migration, die von immer mehr rechten Medien befeuert würden. Die Folgen sind nun sichtbar.

Ein Ehepaar, Ende 60, hat Stewarts Auftritt aufmerksam verfolgt, Hitze und Sauerstoffmangel getrotzt. Nach anfänglicher Skepsis werden sie gegenüber dem Reporter aus Deutschland doch noch zutraulich. Stolz erklären sie, dass sie Mitglieder der NRA sind. "Wir dürfen unsere Waffen immer bei uns tragen, auch hier."

Einen Rat haben sie für den Journalisten dann noch: "Viel Erfolg für Ihren Artikel, machen Sie es aber besser als linke Medien wie CNN."

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