Migration Italien gibt im Streit über Bootsflüchtlinge nach

Das diplomatische Gezerre um die Aufnahme von 140 Flüchtlingen auf einem Schiff im Mittelmeer hat ein Ende: Italien erklärte sich im Streit mit Malta jetzt bereit, die Immigranten aufzunehmen. Die Zustände auf dem Frachter hatten sich zuletzt dramatisch zugespitzt.


Rom - Das neue Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist beendet - vorerst jedenfalls: Rund 140 von einem Containerschiff gerettete Immigranten dürfen nun einen Hafen auf Sizilien anlaufen. Sie hatten tagelang auf dem Boot festgesessen, das sie gerettet hatte, weil Italien und Malta über ihre Aufnahme stritten. Das türkische Schiff "Pinar" hatte die Bootsflüchtlinge am vergangenen Donnerstag aufgenommen. Es wartete seither südlich der italienischen Insel Lampedusa darauf, einen Hafen anlaufen zu dürfen.

Die Flüchtlinge waren Opfer eines diplomatischen Tauziehens zwischen den beiden Mittelmeerstaaten. Malta beharrte darauf, dass das Schiff den nahe gelegenen Hafen von Lampedusa anläuft. Italien hielt dagegen, das Schiff habe sich während der Rettungsaktion in maltesischen Gewässern befunden. Das Außenministerium in Rom hatte Brüssel daraufhin aufgefordert, auf eine "rasche Lösung" im Streit zwischen den beiden Ländern der Europäischen Union hinzuarbeiten. Nun kam die Lösung: Italien werde die Flüchtlinge aufnehmen, ließ das Außenministerium verkünden.

Die Zustände auf dem Frachter hatten sich zuletzt dramatisch zugespitzt. "Die Lage an Bord ist schlimm, hier sind barfüßige Menschen, sie haben nichts zu essen und wollen festes Land unter den Füßen haben", berichtete Franco Viviano von der Zeitung "La Repubblica" von Bord der "Pinar". Die Flüchtlinge, darunter schwangere Frauen, seien jetzt zehn Tage auf dem Meer. "Die beiden Ärzte hier sagen, dass die Lage nicht unter Kontrolle zu bringen ist, diese Menschen nicht auf dem Schiff behandelt werden können", berichtete ein Augenzeuge über Funk.

Während die per Hubschrauber zu dem Schiff geflogenen Ärzte sich um die Flüchtlinge kümmerten, verschlechterte sich die Wetterlage bei Lampedusa. Die hygienischen Bedingungen an Bord sind Berichten zufolge prekär, der türkische Kapitän befürchte eine Epidemie.

Erinnerungen an die "Cap Anamur"

Der Fall der "Pinar" erinnert an das deutsche Schiff "Cap Anamur", das 2004 im Mittelmeer in internationalen Gewässern 37 Flüchtlinge aufgenommen hatte. Es musste 21 Tage warten, bis es nach einem Streit über die Zuständigkeit Porto Empedocle auf Sizilien ansteuern konnte.

Am Samstag sind bereits mehr als 350 Flüchtlinge in zwei Booten auf Sizilien gelandet. Begleitet von der italienischen Küstenwache erreichten 302 Menschen den Hafen von Pozzallo im Süden der Insel. 54 weitere kamen am Strand von Licata an. Erst am vergangenen Donnerstag hatten mehr als 340 Immigranten Lampedusa erreicht. Jedes Jahr treten Tausende Menschen von Nordafrika aus die gefährliche Überfahrt an. Immer wieder kommt es vor, dass überladene Boote kentern, und die Passagiere ertrinken.

In Castel Volturno bei Neapel demonstrierten am Samstag mehrere tausend afrikanische Einwanderer gegen Rassismus und Diskriminierung in Italien. Sie forderten "Aufenthaltsgenehmigungen für alle" und wandten sich gegen die ihrer Meinung nach zu harte italienische Einwanderungspolitik. In dem Ort waren vor sieben Monaten sechs Immigranten im Kugelhagel der neapolitanischen Camorra gestorben.

ffr/dpa/AP



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