Migration nach Europa "Mit Zäunen ist das Problem nicht zu bewältigen"

Wie umgehen mit Zehntausenden Afrikanern, die Jahr für Jahr nach Europa wollen? Achim Steiner, Chef des Uno-Entwicklungsprogramms, sagt, Abschottung kann nicht funktionieren. Er empfiehlt eine intelligente Einwanderungspolitik.
Ein Interview von Christoph Titz
"European Dream"? Migranten auf dem Weg in die Festung Europa, hier in Ceuta, Spanien

"European Dream"? Migranten auf dem Weg in die Festung Europa, hier in Ceuta, Spanien

Foto: Reuters TV/ REUTERS

Die Festung Europa ist lebensgefährlich. Laut Uno-Migrationsorganisation IOM starben dieses Jahr bereits mehr als 1000 Menschen beim Versuch, über das Mittelmeer von Afrika nach Europa zu gelangen.

Zugleich ist die Festung eine Illusion: Denn gut 75.000 mutige Einwanderer schafften es übers Meer. Und trotz sechs Meter hoher Zäune, gekrönt mit messerscharfem Nato-Draht, stiegen bislang knapp 4600 Afrikaner in Ceuta und Melilla in die EU ein, über die einzige Landgrenze der Union mit Afrika.

Eine neue Uno-Studie zeigt nun, wer diese irregulär Eingewanderten sind, woher sie kommen, was sie antreibt. Die meisten von ihnen sagen, trotz der entwürdigenden, lebensgefährlichen Reise: Ich würde es wieder tun. Und: Fast nichts hätte mich abgehalten.

Für Achim Steiner, Leiter des Uno-Entwicklungsprogramms und Auftraggeber der Studie "Scaling Fences", sind die Aussagen vor allem eine harsche Anklage gegen die Herkunftsländer der Migranten, die ihnen keinerlei Perspektiven bieten. Sie sind aber auch ein Auftrag an Europa, seine Einwanderungspolitik zu überdenken.

Zur Person
Foto: Sebastian Pani / dpa

Achim Steiner, 58, ist als Chef des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP mit 6000 Mitarbeitern und verantwortlich für einen Jahresetat von mehr als fünf Milliarden Dollar. Früher leitete Steiner den Außenposten der Uno in Ostafrika, und stand dem Uno-Umweltprogramms UNEP in Nairobi, Kenia, vor.

SPIEGEL: Was hat Sie an der Studie "Scaling Fences" am meisten überrascht?

Steiner: Wie viel die Geflüchteten bereits vor Antritt ihrer gefährlichen Reise nach Europa über die bevorstehenden Schwierigkeiten und Strapazen wussten - und dass die meisten die irreguläre Einreise trotz des Elends und der Gefahr wieder auf sich nehmen würden.

Vor allem junge Menschen wollen einem Leben entfliehen, in dem sie überhaupt keine Möglichkeit sehen, sich zu entfalten und an politischen Prozessen teilzunehmen. Vielen erscheint das nicht lebenswert. Das ist die erstaunliche Kraft, die Migration treibt.

SPIEGEL: Dazu passt: Fast die Hälfte sagte, nichts hätte sie aufhalten können.

Steiner: Ja. Und es sind nicht unbedingt immer die Ärmsten der Armen, nicht die Ungebildeten. Es gehen die Menschen los, die letztlich die Kraft, die Fantasie und auch den Willen und das Interesse haben, aufzustehen und sich ein besseres Leben zu suchen. Das ist ja in der Geschichte der Migration nicht ungewöhnlich. Das sind Menschen, die jeden Tag im Internet sehen, wie der 'European Dream' aussieht. Für viele auf der Welt ist unser Leben heute noch etwas attraktiver als der 'American Dream'. Interessant auch, dass Europa sich in seinem Selbstverständnis so nicht wahrnimmt. Das positive Bild Europas wirkt so stark, dass Menschen wirklich alles riskieren, um teilzuhaben.

SPIEGEL: Was bedeuten die Ergebnisse für die EU-Migrationspolitik?

Steiner: Man muss verstehen, dass die Politik unter Druck steht und mit der aufgeheizten Debatte umgehen muss. Grenzen zu schließen - zu sichern, wie es dann immer heißt - ist als tagespolitisches Signal nachvollziehbar.

Aber der Bericht zeigt, dass wir letztendlich mit sehr viel Geld die Ströme nur zeitweise an manchen Orten zurückhalten können. Nur mit Zäunen, also defensiv, ist das Problem nicht zu bewältigen. Wir müssen es schaffen, dass wir von einer ungeregelten Migration mit apokalyptischen Bildern - Stacheldrahtzäunen und Tausenden Ertrunkenen im Mittelmeer - zu einer geregelten Migration kommen.

SPIEGEL: Wie kann die aussehen?

Steiner: Die meisten Migranten können heute nur auf dem Wege eines Asylantrags in Deutschland Fuß fassen. Das soll anders werden. Gesundheitsminister Jens Spahn versucht ja gerade, in Ländern wie den Philippinen und Mexiko Arbeitskräfte für das Gesundheitswesen zu finden. Die deutsche Bevölkerung wird älter, wir müssen mehr Versorgung und Pflege bereitstellen, und das Personal fehlt. Darum müssen wir die Migrationsdebatte weniger vor dem emotionalen Hintergrund der Furcht führen. Vielmehr müssen wir uns fragen: Wie können wir Einwanderung intelligent gestalten?

SPIEGEL: Und was kann junge Menschen in Afrika dazu bringen, in ihren Ländern zu bleiben?

Steiner: Für die afrikanischen Länder ist unser Report auch ein schwieriges Feedback. Er zeigt, dass ihnen die kommende Generation verloren geht. Durch ihre Entscheidung, wegzugehen, klagen die jungen Afrikaner ihre eigenen Regierungen an. Die Frage lautet: Wie verhindern wir, dass junge Menschen nur noch eine Entscheidung treffen können, nämlich zu packen und loszuziehen? Afrikanische Regierungen müssen sich bewusster und schneller in einem viel größeren Ausmaß mit den Fragen ihrer eigenen Jugend befassen. Die gegenwärtige Zahl von Migranten aus Afrika ist erst einmal ein Problem, das vor allem mit der Perspektivlosigkeit in eigenen Ländern zu tun hat.

SPIEGEL: Und was, wenn der Migrationsdruck nicht abnimmt?

Steiner: Wenn Afrika und Europa es nicht verstehen, sich in diesem Kontext mit gemeinsamen Interessen weiterzuentwickeln, führt das letztlich nur zu Chaos. Europa und Afrika sind im 21. Jahrhundert eine Schicksalsgemeinschaft. In den nächsten 40 Jahren kommen noch einmal eine Milliarde Menschen in Afrika dazu. Deswegen müssen wir Entwicklungszusammenarbeit auch in einem erweiterten Verständnis sehen. Afrika ist für Europa zukunftsweisend, was Märkte angeht, Potenziale und Fachkräfte. Ich glaube, was wir gerade erleben, wird eines Tages in Geschichtsbüchern nur als eine Episode erscheinen. Und hoffentlich nicht: ein Auseinanderdriften von zwei Kontinenten, die letztlich in diesem Jahrhundert einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden müssen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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