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27. Juli 2019, 20:32 Uhr

Bosnische Auswanderer

Im Sog des Westens

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In Bosnien-Herzegowina lernen Tausende Deutsch. Sie wollen ihre Heimat in Richtung Bundesrepublik verlassen. Es sind die Jungen und die Begabten - sie fehlen dann zu Hause.

Sie sind im Anfängerkurs, die meisten sprechen noch kaum Deutsch. Aber sie kennen schon so schöne Wörter wie "Abschlusszeugnis", "Gehaltsvorstellung", "Bewerbungsunterlagen". Oder lesen Sätze vor wie diesen: "Herr Kindler möchte in einer Kfz-Werkstatt arbeiten."

In der zweiten Bankreihe sitzt Josip Strkalj und schaut sehr konzentriert in sein Unterrichtsheft. Der 24-Jährige hat im vergangenen Jahr einen Uni-Abschluss als Ingenieur für Arbeitssicherheit gemacht, jetzt lernt er voller Eifer Deutsch. Er will in die Bundesrepublik auswandern, vielleicht sogar schon in einigen Monaten. Seine Freundin lebt bereits in Ulm. "Bei uns im Land werden keine Regeln eingehalten", sagt er. "Ich mag Deutschland. Mir gefällt, dass dort alles seinen Platz hat und alles berechenbar ist."

Im Gebäude der Berufsschule Jajce, einer Kleinstadt in Zentralbosnien, unterrichten Dragana Crnoja und ihr Kollege Tarik Zjajo abends Deutsch für Erwachsene. Mehrmals in der Woche, die Kurse haben großen Zulauf. Denn viele Menschen aus dem Städtchen und aus den umliegenden Dörfern wollen nach Deutschland oder Österreich auswandern.

Es ist kein lokales Phänomen, sondern eines der gesamten Westbalkanregion. Länder wie Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien oder Albanien erleben in den vergangenen Jahren eine der größten Auswanderungsbewegungen, die sie je zu Friedenszeiten hatten. Ursache ist die schlechte wirtschaftliche Lage, aber auch ein Gefühl von Perspektivlosigkeit.

Gehälter, die zu Hause unerreichbar sind

Fast überall sind die Regierungen korrupt und schlecht geführt. In die EU wollen alle Länder der Region, aber Brüssel ist gerade erweiterungsmüde. Wenn also Europa nicht auf den Balkan kommt, dann müssen die Menschen eben nach Europa gehen. Deutschland und andere Mitgliedsländer suchen dringend Pfleger und Schwestern, Informatiker oder Handwerker. Und sie bieten Gehälter, die zu Hause unerreichbar sind.

Dragana Crnoja, 38, die Lehrerin, ist gern Pädagogin. Aber diesen Kurs betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. "Aus den allgemeinen Schulen verschwinden immer mehr Kinder, weil die Eltern auswandern", sagt sie. "Dafür kommen immer mehr Leute in meine abendlichen Deutschkurse. Ich freue mich nicht wirklich darüber."

Der Sog des Westens hat abseits der Ballungszentren auf dem Westbalkan entvölkerte Landstriche hinterlassen. Kleinstädte veröden, ganze Dörfer stehen leer, manche Grundschule hat nur noch sechs, sieben Schüler, Häuser verfallen, die Straßen und öffentlichen Gebäude verkommen.

So wie in Jajce und seiner Umgebung. Das Städtchen war im Mittelalter Sitz der bosnischen Könige, zu Zeiten Jugoslawiens eines der beliebtesten Touristenziele und während des Bosnienkriegs schwer umkämpft. Von den mehr als 45.000 Einwohnern, die 1991 im Gemeindegebiet Jajce lebten, sind offiziell noch um die 27.000 übrig. In Wirklichkeit dürfte die Zahl weit niedriger liegen.

Auf dem Weg durch sein Heimatdorf Carevo Polje deutet Strkalj auf Häuser links und rechts der Straße und sagt: "Deutschland." - "Österreich." - "Deutschland." - "Deutschland." - "Schweden."

Strkalj lebt mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern in einem großen Haus, umgeben von vielen leeren Nachbarbauten. Der Vater, Ivica Strkalj, von Beruf Schlosser, wurde als Soldat an der Schulter schwer verwundet und flüchtete 1994 mit seiner Frau nach Schweden. Dort kam auch Josip zur Welt. Nach Kriegsende kehrten die Eltern, getrieben von Heimweh, nach Jajce zurück. Der Vater erhielt den Status eines Kriegsinvaliden, bekommt eine Rente und arbeitete nebenbei viele Jahre an einer Tankstelle. Die Mutter ist Köchin in einem Hotel.

Ivica Strkalj, heute 50, hat nie bedauert, dass er zurückgekehrt ist. Er hängt an seinem Heimatdorf. Aber er sagt auch: "Dies ist nicht das Land, für das ich gekämpft habe. Es ermöglicht unseren Kindern, selbst wenn sie einen guten Uni-Abschluss haben, kein anständiges Leben. Für viele Jobs braucht man Beziehungen oder eine Parteimitgliedschaft, überall mischt die Politik mit, oder man muss Schmiergeld zahlen. Deshalb kann ich verstehen, dass Josip weggehen will."

Josip Strkalj hat im vergangenen Jahr seinen Ingenieurabschluss gemacht und arbeitet seitdem als Praktikant bei einer privaten Metallverarbeitungsfirma in Jajce. Mit viel Glück wird er ab Herbst übernommen. Auf andere Arbeitsplätze in der Gegend, etwa im örtlichen Elektrizitätswerk, kann er nicht hoffen. "Dafür braucht man Verbindungen", sagt er.

Er hat sich nach Arbeitsmöglichkeiten in Süddeutschland umgesehen, war zu Besuch bei Verwandten in Stuttgart und bei seiner Freundin Valentina in Ulm, die dort in einer Eisdiele jobbt. "C2" heißt jetzt sein Ziel, das "Große Deutsche Sprachdiplom", das er braucht, um in Deutschland eine Stelle als Ingenieur für Arbeitssicherheit zu bekommen.

Die Region um Jajce hat viele Gesichter, Verfall und Fortschritt: Von dem Geld, das sie in der Fremde verdienen, lassen viele Auswanderer daheim große Häuser mit Terrassen, Garagen und ansehnlichen Auffahrten bauen. Häuser, die sie ein-, zweimal im Jahr bewohnen und in die sie vielleicht als Rentner zurückkehren.

In dem Dorf Podmilacje sind von einst 700 nur 100 Einwohner geblieben. Zur Wallfahrtskirche dort pilgern einmal im Jahr Tausende Katholiken. Aber drumherum überwuchert Gestrüpp Bauruinen, sind Fenster vor langer Zeit halbherzig vernagelt worden. Es ist der Ort eines stillen, gespenstischen Verfalls.

Ganz am Ende des Dorfs wohnen auf einer weiten Anhöhe die Eheleute Slavko und Kata Tankuljic mit ihren beiden Kindern Ivan und Lucia. Sie haben sich nach dem Krieg, als sie flüchten mussten und ihr Haus zerschossen wurde, ein neues Anwesen errichtet. Eine perfekte Idylle mit einem großen Obstgarten, einer eigenen Mineralwasserquelle und einem fantastischen Blick ins Tal.

Ivan Tankuljic, der 20-jährige Sohn, lebt gern hier. Er ist Profifußballer bei einem Verein in Jajce, der in der zweiten Liga Bosnien-Herzegowinas spielt. Er war schon oft in Deutschland und hat immer schnell Heimweh bekommen. Er findet Deutschland "zu reguliert", zu wenig spontan. Dennoch wird er wohl nach München gehen. Er will versuchen, vom Fußballklub TSV 1860 übernommen zu werden.

Auch ihn stören die Verhältnisse im Land. Aber er könnte sich arrangieren, sagt er. Wären nicht schon so viele seiner Freunde weggegangen. Wäre da nicht die Angst, den Anschluss zu verlieren. Wäre da nicht dieser Sog. Seine Mutter hört ihm still und ernst zu. "Eines Tages komme ich doch zurück, ganz sicher", beschwichtigt Ivan.

Doch sie glaubt ihm nicht: "Das sagen die jungen Leute immer."

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