Trump-Vize Die unheimliche Macht des Mike Pence

Donald Trump zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch im Hintergrund arbeitet der künftige Vizepräsident Mike Pence daran, der einflussreichste zweite Mann der US-Geschichte zu werden.

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Von , Washington


In Barnaby Woods, einer kleinen und feinen Gegend außerhalb von Washington DC, gibt es derzeit nur ein Thema: Mike Pence. Der künftige Vizepräsident der USA wohnt bis zur Inauguration in einem Mietshaus im Zentrum der Ortschaft. Der Republikaner, ein knallharter Gegner der Homo-Ehe, hat die liberale Nachbarschaft politisiert. An vielen Häusern hängen auf einmal Regenbogenfahnen - eine stille Botschaft an den Gast, dass er nicht willkommen ist.

Der Rest des Landes interessiert sich noch nicht so sehr für Pence. Doch das dürfte sich bald ändern. In dem Vorhaben Donald Trumps, die Präsidentschaft seines Vorgängers auszuradieren, wird der bisherige Gouverneur von Indiana eine ganz wesentliche Figur sein. Angesichts von Trumps Desinteresse an gesetzgeberischen Abläufen, gehen viele davon aus, dass Pence die Regierungsarbeit weit stärker beeinflussen könnte als das Vizepräsidenten gemeinhin tun.

Schon jetzt deutet sich an, wie einflussreich der ultrakonservative Republikaner in Trumps Mannschaft werden könnte. Seit Wochen ist Pence damit beschäftigt, die "Transition" - den Prozess des Machtübergangs - zu koordinieren und Hunderte Regierungsjobs zu vergeben. Trump hat ihn bewusst damit beauftragt: Pence weiß, wie Washington funktioniert, er wird von der Führungsriege der Republikaner respektiert, ist bestens vernetzt in dem Kongress.

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Mike Pence: Amerikas Nummer zwei

An vielen Stellen ist bereits seine Handschrift erkennbar: Pence hilft bei der Zusammensetzung des Kabinetts. Auf sein Anraten hin soll Trump den Hardliner Mike Pompeo zum CIA-Chef und einen der obersten Kritiker von Obamas Krankenversicherung, Tom Price, zum Gesundheitsminister gemacht haben. Beide sind mit Pence gut bekannt. Der designierte Vizepräsident vermittelte zwischen Trump und Paul Ryan, dem Sprecher im Kongress, und sorgte dafür, dass dieser trotz seiner Skepsis gegenüber dem Milliardär seinen Posten behalten konnte. Zudem fädelte Pence in seinem Heimatstaat den Deal mit dem Klimaanlagenhersteller Carrier ein, der die Firma von einer geplanten Arbeitsplatzverlagerung nach Mexiko abbrachte.

"Ich bin Christ, Konservativer und Republikaner"

Seine politische Biografie ist für viele Liberale des Landes eine Zumutung: Pence ist entschiedener Abtreibungsgegner, er lehnte die Förderung von Frauenkliniken ab, warb einst für vermeintliche Therapiemodelle gegen Homosexualität und legte sich in Indiana mit Gewerkschaften an. Als Gouverneur war er zudem für ein Religionsgesetz verantwortlich, das Ladenbesitzern das Recht zusprach, Schwule und Lesben nicht mehr zu bedienen, sofern sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen. "Ich bin Christ, Konservativer und Republikaner. In dieser Reihenfolge", sagt Pence.

Dass der Evangelikale eine ungewöhnliche Machtfülle bekommen könnte, hat viel mit Trump selbst zu tun. Trump braucht jemanden, der die Partei heilt, die Flügel zusammenführt, Mehrheiten sichert. Er benötigt eine Person, die den Konservativen die Zweifel an der Ernsthaftigkeit der neuen Regierung nimmt, ihn selbst temperamentsmäßig ausbalanciert und der Regierung ein zumindest halbwegs freundliches Gesicht gibt. An allen Fronten bringt Pence die idealen Voraussetzungen mit.

Pence wird Trumps Zwangslage auszunutzen wissen, auch was die Inhalte angeht. Er weiß: Auf den Feldern, auf denen Trump den Kurs der USA fundamental korrigieren möchte - der Einwanderung, der Gesundheitspolitik, Handelsfragen, dem Steuersystem - ist er unentbehrlich.

Trump selbst fehlt die Erfahrung in legislativen Prozessen. Sein Chefstratege Steve Bannon, der in vielen Fragen gefährlichere Vorstellungen als Pence hat, hat kaum Rückhalt unter führenden Republikanern. Ohne seinen Vize als Bindeglied zwischen Weißem Haus und Kongress wird es also schwierig, zumal Trump viele seiner Pläne am liebsten sofort umsetzen möchte. Reince Priebus , Trumps Stabschef, könnte einspringen. Aber Pence bringt in den Verhandlungen nicht zuletzt aufgrund seiner exekutiven Arbeit in Indiana die ungleich größere Autorität mit. "Ohne Frage wird Pence einer der wichtigsten Vizes aller Zeiten", sagt David Gergen, der schon vier US-Präsidenten beraten hat.

Vorbild: Dick Cheney

"In der Arbeit mit dem Kongress wird Pence große Bedeutung haben", glaubt auch Micky Edwards vom Aspen-Institut, der 16 Jahre lang für die Republikaner im Kongress saß. Inwieweit Pence allerdings in der Lage sein wird, Trumps Kurs entscheidend zu prägen und zu verändern, müsse man abwarten. "Nur weil Trump an vielen Stellen so unideologisch erscheint, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er leicht steuerbar wäre", sagt Edwards.

Als loyaler Befehlsempfänger allerdings dürfte Pence sein Amt kaum verstehen. Vor einiger Zeit verriet er, dass er sich an der Rolle Dick Cheneys orientieren wolle. Der Strippenzieher von George W. Bush prägte wie kein anderer zweiter Mann den Kurs der USA, gerade was die Außenpolitik und die Interventionen im Mittleren Osten angeht.

In Sachen Strategie und Powerplay ist Pence womöglich eine Liga unter Cheney angesiedelt. Der Bush-Mann war vor seinem Amt als Vizepräsident schon Verteidigungsminister und Stabschef im Weißen Haus, Pence lediglich Gouverneur. Wie ambitioniert aber auch er ist, zeigte sich im Wahlkampf, als er sich mehrfach von seinem Chef distanzierte, unter anderem in der Debatte um Trumps Frauenbild. Sich eine eigene Machtbasis aufzubauen, liegt schon beruflich in seinem Interesse: Wenn es darum geht, einen Nachfolger für Trump zu finden, dürfte Pence mit Sicherheit genannt werden wollen.

Mit 57 Jahren ist er im besten Alter.

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ackergold 09.12.2016
1. Nicht zu vergessen:
Pence ist klar und eindeutig ein Mann des Establishments. Aber George Wanker Bush wurde ja bekanntlich auch schon von seinem Vize regiert. Ceney hat sogar zentrale Erlasse zur Gründung des Orwell'schen Heimatschutzministeriums ("Minilove") sowie die Erlaubnis der NSA unterschrieben, dass diese an Firmen sog. "national security letters" ohne richterliche Anordnung verschicken dürfen. Damit wurden Firmen verpflichtet, all ihre Daten an Geheimdienste herauszugeben. Bush, der ja bekanntlich selbst Kinderbücher kaum richtig lesen konnte, war zu diesen Maßnahmen gar nicht in der Lage. Bei Trump dürfte das wohl ähnlich liegen: was über Twitter hinausgeht, versteht er wohl nicht. Ob das gut ist oder schlecht, das wird sich erst noch herausstellen müssen.
busytraveller 09.12.2016
2. Großer Kommunikator ?
Ein schwacher Präsident und ein starker Vize. Das hatten wir tatsächlich schon bei George W. Bush. Bei Trump könnte das noch stärker so sein, da Trump nach Allem was man hört und liest a - kein Interesse an Details hat, bzw. dieses schnell verliert, b - keine politische Erfahrung besitzt und c - von der eigenen Partei zunächst abgelehnt wurde, dort also keine Machtbasis hat. Er könnte sich immer noch als "großer Kommunikator" profilieren, während Pence die Geschäfte betreibt. Dann wäre er allerdings immer noch ein Risiko, da seine Kommunikationswilligkeit ja eher gefürchtet wird.
opinio... 09.12.2016
3. Was macht superreich?
Ein System, dass den "cleveren Geschäftemachern" das Geld lässt und nicht dazu zwingt etwas abzugeben an die, die eben nicht so "clever" sind. Winner and Looser. Und wenn Looser, dann so dämlich sind, die Winner an die politische Macht zu bringen, dann sollten sie fest an den Weihnachtsmann glauben. Die Dummheit der Menschen ist grenzenlos.
j.bunyan 09.12.2016
4. Unheimliche Macht?
In den aufgeführten Informationen über Pence finde ich nichts, was so einen Titel rechtfertigen könnte. Er scheint ein sehr fähiger, solider Politiker zu sein, der weiß, was er tut. Hätten wir in unserer aktuellen - oder zukünftigen Regierung - einen Politiker mit nur halb soviel Format, könnten wir äußerst stolz sein.
dirk warkner 09.12.2016
5. Herzlich willkommen....
....im Kabinett des Grauens. Mike Pence ist hier ja nur ein Beispiel für eine Reihe von Personalentscheidungen, die für Menschen, die das Mittelalter im Kopf überwunden haben, die jeweils schlechteste Lösung darstellen dürften. Herzlichen Glückwunsch, Amerika....und fröhliches Erwachen, denn dies wird in jeder Beziehung nicht lange dauern....
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