Mikrofinanz-Banken Gewinnmaximierung in der Armutszone

Wer einen Dollar am Tag verdient, ist für Banker eigentlich uninteressant. Doch seit der neue Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gezeigt hat, dass sich auch mit Mikrokrediten für Arme richtig Geld verdienen lässt, steigen selbst Schweizer und US-Investmentfonds in das Geschäft ein.


Berlin - Für Europäer ist ein Leben ohne Girokonto und Kreditkarten unvorstellbar. Für die meisten Menschen der Welt ist es jedoch Alltag. Eine Studie der Weltbank von 2005 demonstriert eindrucksvoll die Kluft zwischen Nord und Süd: In Deutschland oder Spanien stehen 50 Bankfilialen für 100.000 Menschen bereit - in Ländern wie Äthiopien, Honduras oder Uganda gerade mal eine. In den USA kommen auf 100.000 Bürger hundert Geldautomaten, in Bangladesch teilen sich statistisch gesehen 200.000 Menschen einen einzigen.

Nobelpreisgewinner Yunus: Eine Idee , die um die Welt ging
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Nobelpreisgewinner Yunus: Eine Idee , die um die Welt ging

Menschen, die nur wenige Dollar am Tag verdienen, wurden von den Banken lange ignoriert. Doch ändert sich das zunehmend - dank der Mikrofinanzbewegung. Einer ihrer Pioniere ist Muhammad Yunus, der dafür gestern den Friedensnobelpreis erhielt.

1976 gründete der Wirtschaftsprofessor die Grameen Bank in Bangladesch. Dahinter steckte zunächst eine entwicklungspolitische Idee: Mit dem Zugang zum Kapital sollten auch die Ärmsten der Armen die Möglichkeit erhalten, Unternehmer zu werden und eigenständig ihren Weg aus der Armut zu finden. Die Zielgruppe waren Frauen mit einem Einkommen von weniger als einem Dollar am Tag. Um einen so genannten Mikrokredit zu beantragen, müssen sich fünf Frauen zusammentun. Der soziale Druck führt dazu, dass die Rückzahlungsrate solcher Kredite bei 98 Prozent liegt.

Aus der kleinen Revolution wurde schnell eine große. Denn Yunus verbesserte nicht nur das Los von Millionen Menschen, sondern verdiente obendrein auch noch Geld damit. Heute hat die Grameen Bank 2200 Filialen, 6,6 Millionen Kunden und ist eine der größten Banken von Bangladesch. Insgesamt hat sie 4,5 Milliarden Euro an Krediten vergeben. Vor allem jedoch verbreitete sich das Modell rasant in aller Welt.

Mancherorts sind Mikrofinanz-Banken größer als gewöhnliche

In Lateinamerika, Asien, Afrika und Osteuropa schießen immer neue Mikrofinanzhäuser aus dem Boden. Sie heißen Xac Bank (Mongolei), Sogesol (Haiti) oder Opportunity Bank (Montenegro). In einigen Ländern wie Bolivien ist die Branche so weit entwickelt, dass sie bereits mehr Kunden hat als der traditionelle Bankensektor. Weltweit dürfte die Zahl der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Banken, die Mikrokredite vergeben, in die Tausende gehen.

Mit der Wahl des Mikrofinanz-Gurus Yunus hat die Nobelpreis-Jury wieder einmal ihr Gespür für politische Trends bewiesen. In der Entwicklungshilfe gelten Mikrokredite längst als Wunderwaffe gegen die Armut - auch bei den deutschen Entwicklungshelfern von GTZ und KfW. Denn anders als klassische Transferzahlungen an Regierungen setzen die Kredite unten an: bei den Straßenhändlern, Näherinnen, Bauern, Souvenirverkäufern und sonstigen Kleinunternehmern, die das Wirtschaftsleben in den meisten Ländern bestimmen. Mit dem Kapital können diese eine Existenz im informellen Sektor aufbauen oder expandieren. Häufig werden die Kredite nur an Frauen vergeben, weil sie das Wohl des Haushalts im Auge haben und die besseren Schuldner sind.

Happige Zinsen, niedrige Kreditausfallrate

Zwar müssen sie happige Zinsen von 20 Prozent und mehr berappen. Dennoch ist die Kreditausfallrate mit einem bis drei Prozent gering. Die Zahlungsmoral der Ärmsten ist gut - deutlich besser als die der Mittelschichtskunden der traditionellen Banken. Das bolivianische Mikrofinanzhaus BancoSol, gegründet 1992, hat inzwischen 85.000 Kunden und eine Kreditsumme von 150 Millionen Dollar. Zwei Drittel der vergebenen Kredite liegen unter 300 Dollar. BancoSol verzeichnete im vergangenen Jahr Gewinnmargen von stolzen 19 Prozent.

Deshalb steigen zunehmend auch kommerzielle Banken und westliche Investoren in das Banking mit den Armen ein. Was einst als entwicklungspolitische Bewegung gestartet ist, stellt sich heute als globales Geschäft dar. Noch geht es nicht um das ganz große Geld, aber die Wachstumsraten locken. Der Luxemburger Dexia Micro-Credit Fonds etwa ist der erste Fonds, der sein gesamtes Anlagevermögen von derzeit 112 Millionen Dollar in Mikrofinanzhäuser investiert, vor allem in Lateinamerika. Für die Anleger gab es nach sechs Jahren einen kumulierten Gewinn von 30 Prozent.

Der US-Fonds MicroVest strebt für kommendes Jahr ein Wachstum von 50 Prozent an. Das Anlagevermögen ist gerade durch eine 500.000-Dollar-Einlage des Netzwerkriesen Cisco auf 22 Millionen Dollar gewachsen. Unter Philantropen gilt Mikrofinanz als schick, weil es die Ideale von Unternehmertum und Eigenverantwortung stärkt und gute Resultate verspricht. Ebay-Gründer Pierre Omidyar stellte im vergangenen "Jahr des Mikrokredits" (Uno) 100 Millionen Dollar bereit. Ein Konsortium aus Merrill Lynch, Deutsche Bank und Hewlett-Packard gab 75 Millionen Euro für eine Initiative des früheren US-Präsidenten Bill Clinton. Auch die CreditSuisse hat einen Mikrofinanz-Fonds aufgelegt, der bis Jahresende auf 150 Millionen Dollar anwachsen soll.

Kritik an der Kommerzialisierung der Grundidee

Auch wenn es den Großunternehmen dabei häufig nur um den Imagegewinn geht: Sie pumpen Geld in die aufstrebende Branche. Mit den Investoren kommt auch eine stärkere Kontrolle. Erste spezialisierte Rating-Agenturen wie die Washingtoner MicroRate bewerten die finanziellen Eckdaten und Bonität der Mikrobanken.

NGO-Vertreter kritisieren jedoch, dass bei der zunehmenden Kommerzialisierung der sozialpolitische Anspruch verloren geht und die Ärmsten auch bei einigen Mikrofinanzhäusern inzwischen durchs Raster fallen. Tatsächlich steigt die durchschnittliche Höhe der vergebenen Kredite seit Jahren. Bei tausend Dollar, argumentieren die Kritiker, könne man nicht mehr von einem Mikrokredit reden.

Trotz aller Professionalisierung bleibt das Geschäft mit den Straßenhändlern und Bauern mühsam. Kreditberater sitzen nicht am Schreibtisch, sondern müssen ihre Kunden besuchen. Dokumente gibt es nicht, also lassen sich die Vermögenslage und der Cash-Flow eines Kunden nur vor Ort prüfen. Die aufwendigen Prüfungen sind ein wesentlicher Grund für die niedrigen Kreditausfallraten. Ein weiterer ist die hohe Flexibilität der Kleinunternehmer. Sie leiden weniger unter nationalen Wirtschaftskrisen als größere Unternehmen. Letztere gehen in der Krise häufig bankrott, und die Hausbank bleibt auf den Schulden sitzen.

Wie viele Mikrofinanzhäuser es weltweit gibt, ist nicht bekannt. Es sind jedoch immer noch viel zu wenig. Laut einer Schätzung der Weltbank sind 500 Millionen Menschen potenzielle Mikro-Unternehmer. Für Herrn Yunus bleibt also noch einiges zu tun.



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