Mikrokredite in Kambodscha Lukratives Geschäft mit der Armut

Millionen Menschen in Kambodscha haben Mikrokredite aufgenommen, das Geld kommt auch aus Deutschland. Nun zeigt ein Bericht: Mitunter kommt es infolge der Kreditvergabe zu Menschenrechtsverletzungen.

Angst vor der Überschuldung: Eine Frau aus Kambodscha steht in einem Maniok-Feld
Adrees Latif/ Reuters

Angst vor der Überschuldung: Eine Frau aus Kambodscha steht in einem Maniok-Feld

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Als der kambodschanische Bauer Sokha vor drei Jahren einen Mikrokredit aufnahm, ahnte er wohl noch nicht, in welche Schwierigkeiten ihn das bringen würde. Der fünffache Vater lebt von dem, was ihm der Anbau des Maniok, auch Yuca genannt, einbringt. 3250 Dollar lieh er sich bei der Sathapana Bank, davon wollte er neue Maschinen für sein Feld kaufen. Doch dann fiel der Preis für Maniok.

Sokha konnte seine Raten nicht mehr bezahlen. Einen Hektar seines Landes hatte er als Sicherheit hinterlegt. Zwei Mal innerhalb weniger Tage schickte die Bank einen Mitarbeiter vorbei, um nach dem ausstehenden Geld zu fragen. Sokha musste einen Teil seines Landes verkaufen - unter dem Marktwert. Also nahm er wieder einen Mikrokredit auf, um den Rest des bestehenden zu tilgen.

Der Maniok-Preis fiel weiter und Sokha häufte Schulden an. Heute hat er nach eigenen Angaben Darlehen über 11.000 Dollar aufgenommen. Aus Verzweiflung holte er zwei seiner Kinder aus der Schule, sieben und zehn Jahre alt. Sie schuften nun mit ihm auf dem Feld.

Sokha heißt eigentlich anders, seine Geschichte hat er den Mitarbeitern der Menschenrechtsorganisationen Cambodian League for the Promotion and Defense of Human Rights (LICADHO) und Sahmakum Teang Tnaut (STT) erzählt. Für ihren Bericht haben sie mehr als 60 Kreditnehmer aus vier Provinzen des Landes befragt, einer von ihnen war Sokha. Er möchte anonym bleiben, seine Erfahrungen mit dem Mikrokredit aber hat er den beiden Organisationen detailliert geschildert.

Das Ergebnis des Berichts: Immer wieder müssen kambodschanische Kreditnehmer zu Mitteln greifen, die ihnen langfristig mehr schaden als nutzen.

In 22 Fällen mussten die Befragten demnach ein Grundstück verkaufen, das häufig als Sicherheit für einen Kredit hinterlegt wird. Noch häufiger aßen die Familienmitglieder weniger oder mangelhafte Lebensmittel, um den Zahlungen nachkommen zu können. In 13 Haushalten wurden Kinder zur Arbeit gezwungen.

Reisbauern in der Provinz Kampong Chhnag
Samrang Pring/ REUTERS

Reisbauern in der Provinz Kampong Chhnag

Eigentlich sollte das System der Mikrokredite die arme Bevölkerung des südostasiatischen Landes unterstützen. In der Tat helfen die Kredite armen Menschen, an Geld zu kommen. Der Bericht jedoch legt die Schattenseiten des Systems offen - und zeigt, wie aus den Mikrokrediten sogar Menschenrechtsverletzungen resultieren können.

Niedrigzinsen in den westlichen Industriestaaten

Der Cambodia Microfinance Association zufolge hatten im März dieses Jahres mehr als 1,9 Millionen Kambodschaner Mikrokredite aufgenommen. Die komplette Verschuldung durch Mikrokredite im Land liegt heute bei mehr als 5,5 Milliarden US-Dollar - das ist mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes Kambodschas. Experten gehen davon aus, dass die tatsächliche Schuldenlast sogar bei 8 Milliarden Dollar liegt. In wenigen anderen Ländern der Welt sind Mikrokredite so verbreitet.

Das hat auch historische Gründe. Nach dem Ende des Terrorregimes der Roten Khmer im Jahr 1979 gab es keinen funktionierenden Bankensektor im Land. Mikrokredite galten als gute Möglichkeit für arme Familien, sich Geld zu leihen. Ein eigenes Geschäft eröffnen, den Aufstieg schaffen - das war das Versprechen.

Seinen Höhepunkt erreichte der Hype 2006. Damals gewann der aus Bangladesch stammende Muhammad Yunus mit seiner Mikrofinanzbank Grameen den Friedensnobelpreis. Vier Jahre später jedoch nahmen sich im indischen Andhra Pradesh mehrere Kreditnehmer das Leben. Sie konnten ihre Raten nicht mehr bezahlen.

Seitdem stehen Mikrokredite in der Kritik, in den vergangenen Jahren wurden sie jedoch wieder vermehrt vergeben. Ein Grund dafür sind die Niedrigzinsen in den westlichen Industriestaaten. Sie lassen europäische Anleger nach Renditen suchen, die sie zu Hause nicht bekommen. Für Geldgeber lohnen sich die Mikrokredite. In Kambodscha wurde der Zinssatz inzwischen bei 18 Prozent im Jahr gedeckelt. Kritiker werfen den Banken jedoch vor, die gesunkenen Zinsen durch zusätzliche Gebühren wieder auszugleichen.

Das Geschäft lohnt sich für die Kreditgeber aus noch einem Grund: In Kambodscha sind nur 1,8 Prozent der Schuldner nach offizieller Darstellung mehr als 30 Tage in Verzug mit ihren Raten. Das wurde zunächst als Zeichen dafür interpretiert, dass das System gesund sei und gut laufe.

Landenteignungen als Konsequenz

Menschenrechtler hingegen drängen darauf, die Hintergründe der niedrigen Ausfallquote zu betrachten. Häufig würden Landtitel als Sicherheit für die Darlehen abgegeben. Das sind nicht nur Grundstücke, die landwirtschaftlich genutzt werden, sondern auch solche, auf denen die Häuser der Schuldner stehen. In der Untersuchung von LICADHO und STT berichten Betroffene, dass sie von den Kreditgebern gedrängt worden seien, die Grundstücke zu verkaufen, um ihre Raten zahlen zu können. Dabei brauchen sie genau diese Grundstücke, um ihr Einkommen zu erwirtschaften.

Ein Bauer bestellt sein Feld nahe Phnom Penh
Samrang Pring/ REUTERS

Ein Bauer bestellt sein Feld nahe Phnom Penh

Sechs Anbieter beherrschen einen Großteil des Sektors. Sie vergeben zusammen zwei Drittel der Mikrokredite. An einem der größten Anbieter, der Amret Microfinance Institution, ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beteiligt, die weltweit führende nationale Förderbank. Zwischen 2009 und Juni 2016 habe die KfW in Kambodscha insgesamt Kredite in Höhe von 370 Millionen Dollar ausgegeben.

Die niedrige Ausfallquote bei der Tilgung der Kredite führt die KfW in einer öffentlichen Broschüre auf das gute Portfolio der unterstützten Geldgeber zurück: "Das zeugt von ihrer zunehmenden Professionalität und dem Verständnis für die Unternehmen ihrer Klienten."

Studie zur Überschuldung zeigt: 50 Prozent sind betroffen

Doch die Sorge vor der Überschuldung der Kreditnehmer taucht in einem internen Bericht auf. Der Titel: "Studie zu Überschuldung Kambodscha II". Das Papier wurde im Oktober 2017 mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der KfW erstellt. Mehr als 1.660 kambodschanische Mikrofinanzkunden wurden dafür befragt. Die Ergebnisse sind als "vertraulich" gekennzeichnet, sie liegen dem SPIEGEL vor.

Das Ergebnis: Die Hälfte der Kreditnehmer ist überschuldet, 16 Prozent der Betroffenen gelten sogar als "höchst überschuldet". Selbst diejenigen, die noch nicht in diese Kategorien fielen, würden teilweise bereits mehr als ihr monatliches Einkommen für die Tilgung ausgeben. Weiter heißt es in dem Bericht: "Schuldner wenden unterschiedliche Strategien an, um die Kredite zurückzuzahlen. Sie brauchen etwa ihre Ersparnisse auf, bitten Familienmitglieder um finanzielle Hilfe, machen Überstunden oder passen ihr Essverhalten an."

Zudem nehmen viele Kunden laut dem Bericht noch weitere Kredite auf, um die bestehenden abzahlen zu können. Von den Befragten hatten 56 Prozent mehr als einen Kredit, fast jeder zehnte sogar vier. Damit sind sie gefährdet, in einen Kreislauf zu geraten, in dem die bestehenden Kredite nicht ohne einen neuen zu bedienen sind - für den jeweils neue Bearbeitungsgebühren anfallen.

KfW sieht kein "alarmierendes Niveau"

Trotz der relativ hohen Überschuldungsquote von 50 Prozent kann die KfW offenbar kein ernsthaftes Problem erkennen. "Im Kern hat die Studie ergeben, dass kein ernstes Überschuldungsniveau besteht", teilte sie in einem schriftlichen Statement an den SPIEGEL mit. "Weder die Daten der Mikrofinanzinstitutionen noch die Daten der Kunden bestätigen ein eindeutig alarmierendes Niveau und auch ein Überhandnehmen liegt nicht vor." Dennoch seien Handlungsanweisungen abgeleitet worden, etwa flexiblere Rückzahlungsmöglichkeiten für die Kreditnehmer.

Für die kambodschanische Regierung waren Mikrokredite nach der Jahrtausendwende noch ein zentrales Mittel, um die Armut auf dem Land zu bekämpfen. Doch auch sie distanziert sich inzwischen von der Idee. In einem Bloomberg-Bericht heißt es, auf der offiziellen Webseite der Regierung habe sich ein Hinweis in roter Schrift befunden: "Alle Mikrofinanzinstitutionen sind privat und nicht staatlich".

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Malshandir 07.08.2019
1. Mikrokredite nicht das Problem
Die Kredite sind nicht das Problem. Es sind die unternehmerischen Entscheidungen. Ein Unternehmer hat eben ein Risiko. Risiko hier sind fallende Preise für Maniok. Eine Bank wird immer Sicherheiten verlangen.
frenchie3 07.08.2019
2. Mikrokredit war für mich
auch immer ein Synonym für kleine Zinsen, anders macht das System doch gar keinen Sinn. Falsch gedacht, ganz offensichtlich. Hier könnten doch NGOs einsetzen die aus Spenden rückzahlbare Zuwendungen machen, auf eine Art die nicht mit Bankgesetzen kollidiert. Vereinfacht gesagt, kurz ausgeholfen vom Nachbarn. Ansonsten allerdings muß man sagen daß man auch bei Mikrokrediten den Marktregeln unterliegt, im Falle der Yuca eben aufs falsche Pferd gesetzt
schorsch_69 07.08.2019
3. Och Joh!
"Armut und "Leiden" war und ist schon seit Jahrzehnten höchst lukrativ! Zwar nicht für die Betroffenen, aber stets für die beteiligten Unternehmen/Personen im "Verteilmechanismus"! Würden denn die Menschen sich deutlich äussern, die unmittelbar mit den lokal abzockenden Personen zu tun haben, würde vermutlich jede Spendenbereitschaft zu Recht gen Null gehen!
schnabelnase 07.08.2019
4. Willkommen im Kapitalismus
Wo ist da der Unterschied zu den Gepflogenheiten bei der Kreditvergabe in Deutschland? Wenn man hier aufgrund einer Veränderung seiner Lebensumstände oder auch der allgemeinen wirtschaftlichen Umstände seine Kreditraten nicht mehr bedienen kann, verliert man auf Initiative der Gläubigerbanken seine Immobilie im Zwangsversteigerungsverfahren, und zwar meist weit unter Wert. Oft haben die Schuldner zuvor versucht, sich durch weitere Kreditaufnahme zu retten und sich nur noch weiter in die Tiefe gerissen. In der Privatwirtschaft ist es für kleine und mittlere Unternehmen nicht anders. Den Begriff "Menschenrechtsverletzungen" habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört.
eisfuchs 07.08.2019
5. und nun?
Ist das ein reiner Informationsartikel oder ein Kommentar? Sollte es das erstere sein ist er unausgewogen und mir fehlen wichtige Informationen (warum fielen die Preise, war das warum unerwartet, wieviele Bauern betrifft das, habe andere mit anderen Produkten in Kambodschs mehr Erfolg und wieso, wie hoch sind Raten...). Wenn es ein Kommentar ist fehlt ein vernünftiges Fazit (was sollte sich warum ändern?).
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