Militärschlag gegen Assad Drei große Gefahren für den Westen

Welche Folgen hätte eine westliche Attacke gegen Assad? Experten befürchten, dass sich der Syrien-Konflikt rasch auf die Nachbarländer ausweiten würde. Der Flächenbrand könnte auch Europa bedrohen - mit neuen Terroranschlägen.

AFP/ SNN

Von , Beirut


Nahost-Kenner warnen davor, dass ein militärisches Eingreifen westlicher Truppen in den syrischen Bürgerkrieg unabsehbare Folgen für den Nahen Osten und weltweit haben könnte. Angesichts der Drohungen Irans, im Falle einer Einmischung des Westens nicht untätig zuzuschauen, könne der syrische Krieg sich schnell auf die ganze Region ausweiten, sagt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. "Die mit einem Eingreifen einhergehende Gefahr ist außerordentlich groß", so Meyer.

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Heft 35/2013
Vor den Augen der Welt: Massenmord in Syrien

Syriens Informationsminister hatte am Wochenende gedroht, eine militärische Intervention der USA werde "sehr ernste Konsequenzen" haben und den Nahen Osten in "einen Feuerball" verwandeln. Ein Angriff auf Syrien werde "kein Picknick", versprach Omran Soabi, der als Sprachrohr Baschar al-Assads gilt.

Tatsächlich stellen sich einer möglichen Koalition der Willigen, die gegen Assad vorgehen will, große Gefahren - die drei großen Probleme:

  • Das iranische Problem: Syrien steht mit Iran und der Hisbollah in einem engen Verteidigungsbündnis. Schon jetzt unterstützt Teheran Damaskus großzügig mit Kämpfern, mit Know-how, mit Waffen und Geld. "Nach einem Schlag auf Assad würde Iran sein Engagement sicher intensivieren", sagt der Arabien-Experte Meyer. Das wiederum könnte Israel auf den Plan rufen. "Je stärker Teheran in Syrien involviert ist, desto größer Israels Motivation, Iran anzugreifen." Es sei nicht auszuschließen, dass der lange angekündigte israelische Angriff auf Irans Nuklearanlagen im Windschatten einer westlichen Intervention in Syrien stattfinden könnte. Das wäre gegen die Interessen westlicher Länder, die auf eine politische Lösung des Nuklearkonflikts mit Iran setzen.
  • Das Hisbollah-Problem: Die Schiiten-Miliz Hisbollah hat im Süden des Libanon, in Rufweite Israels, ein Waffenarsenal von geschätzt 40.000 Kurz- und Mittelstreckenraketen versteckt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die "Partei Gottes" Angriffe auf das syrische Regime mit einem Raketenhagel auf Israel rächt. Jerusalems größte Sorge ist angesichts der jüngsten Entwicklungen in Syrien nun, dass das Assad-Regime seinen libanesischen Verbündeten auch Chemie- oder Biowaffen geliefert haben könnte. Israel hat lange angekündigt, beim nächsten Waffengang mit der Hisbollah keine Rücksicht auf Zivilisten, sondern den gesamten Libanon unter Beschuss zu nehmen.
  • Das Terror-Problem: Ein militärisches Eingreifen des Westens in Syrien könnte weltweit eine Welle von Terrorakten auslösen. "Westliche Botschaften und insbesondere Vertretungen der USA könnten zum Ziel von schiitischen Terroristen werden", sagt Meyer. Absurderweise könnten auch sunnitische Extremisten eine Einmischung des Westens in den zunehmend sektiererischen Krieg in Syrien als Anlass für neuen Terror nehmen. "Sollten sich die USA und ihre Verbündeten wider Erwarten entschließen, doch Bodentruppen nach Syrien zu schicken, würden sunnitische Gotteskrieger das als Einmarsch ansehen und sich reflexhaft gegen den Westen wenden", sagt Wolfgang Mühlberger, Nahost-Experte an der Landesverteidigungsanstalt Wien.

Mühlberger mahnt, die Unterstützer eines Eingreifens in den Bürgerkrieg müssten sich genau fragen, welchen Zweck dieses Eingreifen verfolgt, welche Methoden angewandt werden sollen und welche Auswirkungen man sich auf den Bürgerkrieg erhofft. Die Erfahrung zeige, dass eine Intervention Bürgerkriege eher verlängere. "Viele Leute wollen den Fall Libyen duplizieren, doch so einfach ist das nicht", sagt Mühlberger. Zum einen sei das syrische Regime militärisch weit besser gestellt als der bröckelnde Staat Muammar al-Gaddafis. Vor allem aber könne man Libyen nicht als Erfolg und gutes Beispiel anführen. "Das Resultat der Intervention kennen wir ja." Gut zwei Jahre nach dem Sturz Gaddafis herrschen in Libyen wieder zunehmend bürgerkriegsartige Zustände.

Beobachter warnen, dass ein Angriff auf Assad die Situation in Syrien verschlimmern statt verbessern könnte. "Die Situation in Syrien ist so verfahren, dass ein militärischer Einsatz das Mosaik erst recht explodieren lässt", sagt Mühlberger. Meyer warnt vor noch größeren Flüchtlingsströmen in die Nachbarländer.

Sieg der radikalen Islamisten

Joshua Landis, Direktor des Zentrums für Nahost-Studien an der Universität Oklahoma, stellte im US-Fernsehen die Frage, was der Einsatz überhaupt bezwecken soll. Selbst wenn Amerika in Syrien einmarschiere und dem sunnitisch geprägten Aufstand zum Erfolg verhelfe, werde dadurch das grundlegende Problem nicht gelöst. "Das haben wir im Irak gemacht. Wir haben den Schiiten dort zum totalen Sieg über die Sunniten verholfen. Und nun sind die Sunniten da radikalisiert und schließen sich al-Qaida an."

Auch in Syrien seien sunnitische Dschihadisten-Gruppen das große Problem, sagt Mühlberger. "Wenn man Pech hat, verhilft man mit einem militärischen Eingreifen dort nur den radikalen Islamisten zum Sieg."

insgesamt 203 Beiträge
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Seite 1
hinterdir 26.08.2013
1. und was ist mit der Gefahr, dass sich Russland und China
Zitat von sysopAFP/ SNNWelche Folgen hätte eine westliche Attacke gegen Assad? Experten befürchten, dass sich der Syrien-Konflikt rasch auf die Nachbarländer ausweiten würde. Der Flächenbrand könnte auch Europa bedrohen - mit neuen Terroranschlägen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaereinsatz-in-syrien-experten-warnen-vor-folgen-a-918647.html
oder nur einer von beiden einmischen und zwar nicht auf der US Seite?
Spiegelkritisches 26.08.2013
2.
Zitat von sysopAFP/ SNNWelche Folgen hätte eine westliche Attacke gegen Assad? Experten befürchten, dass sich der Syrien-Konflikt rasch auf die Nachbarländer ausweiten würde. Der Flächenbrand könnte auch Europa bedrohen - mit neuen Terroranschlägen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaereinsatz-in-syrien-experten-warnen-vor-folgen-a-918647.html
Der dort gärende Konflikt wird sich so oder so auf Europa ausweiten, das prognostizieren doch viele Nahostexperten schon seit Jahrzehnten. Insofern geht es doch gar nicht darum, ob er sich nach Europa ausweitet, sondern nur wann. Und ob Europa agieren oder reagieren wird. Es wäre nicht das erste Mal, das gezaudert und gezögert wird, bis es zu spät ist und wir die ersten echten Opfer auch bei uns zu beklagen haben.
couprevers 26.08.2013
3. Ein...
...künstlicher Horizont des Grauens.
sysiphus-neu 26.08.2013
4. einfache Lösung
Es wäre alles ganz einfach, wenn die üblichen Bellizisten dieses eine Mal auf ihre Killerreflexe verzichten könnten. 1. Die NATO verzichtet auf einen krieg gegen Syrien. 2. Alle Staaten verpflichten sich, Waffen, Geld, Menschen oder relevante Informationen nach Syrien zu liefern oder passieren zu lassen. 3. Man lässt die Syrer ihre Probleme allein lösen und befördert die nationale Aussöhnung. Garantiert wären dann innerhalb weniger Monate Zehntausende gefährliche Terroristen und Söldner inhaftiert oder tot und der Krieg in Syrien beendet. Danach könnten unter UNO-Aufsicht Wahlen und demokratische Reformen stattfinden und eine Regierung der nationalen Einheit gebildet werden. Ich finde das klingt toll und wäre erreichbar - nur leider widerspricht es der NATO-Strategie der Entstaatlichungskriege in der Region. Und so gebiert kriminelles Denken kriminelle Handlungen.
stefansaa 26.08.2013
5.
Zitat von hinterdiroder nur einer von beiden einmischen und zwar nicht auf der US Seite?
Dann wird aus dem syrischen Bürgerkrieg der dritte Weltkrieg und wir schweben in Orwellsche Sphären auf... Man kann nur hoffen, dass die da oben alle wieder zur Besinnung kommen. Man sollte auch berücksichtigen, wie sich Saudi Arabien verhalten könnte oder die VAE. Es gibt ja da unten ziemlich viele Faktoren.
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