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10. Juni 2011, 09:54 Uhr

Militäroffensive in Syrien

Assad schickt 30.000 Soldaten gegen Aufständische

Das syrische Regime hat im Norden des Landes einen großangelegten Militäreinsatz begonnen - nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Truppen sind bereit zum Sturm auf die Stadt Dschisr al-Schugur. Tausende Menschen sind schon in die Türkei geflüchtet.

Istanbul - Syrische Truppen haben nach Angaben des staatlichen Fernsehens in der Stadt Dschisr al-Schugur einen großangelegten Militäreinsatz gestartet. Die Aktion, die an diesem Donnerstagmorgen begann, zielt laut der Propaganda des Regimes darauf ab, "bewaffnete Banden" festzunehmen und sei angeblich "auf Wunsch der Bevölkerung" begonnen worden. Insgesamt 30.000 Soldaten seien an dem Einsatz beteiligt, hieß es im Staatsfernsehen. Von Dutzenden Panzern unterstützte Truppen stünden vor der Stadt und seien zum Einmarsch bereit, berichtete ein Reporter.

In der Stadt, die nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt, hatten die Menschen seit Tagen eine Vergeltungsaktion der Armee befürchtet, nachdem vor einer Woche angeblich 120 Polizisten durch Aufständische ermordet worden waren.

Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle weisen die Darstellung der Regierung jedoch zurück: Es habe vielmehr eine Meuterei in den Reihen der Polizei gegeben, offenbar nachdem sich Sicherheitskräfte geweigert hätten, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen. Die Meuterer seien dann von einer Miliz des Regimes erschossen worden.

Eine Million Flüchtlinge erwartet

Elitesoldaten, die unter dem Kommando des Bruders von Präsident Baschar al-Assad, stehen, waren Anfang der Woche in den Norden des Landes vorgerückt. Der Bruder des Präsidenten, Maher al-Assad, gilt als besonders brutal und als treibende Kraft hinter der Unterdrückung der Protestbewegung.

Berichte über eine bevorstehende Militäroperation in Dschisr al-Schugur hatten in den vergangenen Tagen eine Flüchtlingswelle in die nahe gelegene Türkei ausgelöst. Etwa 2700 Menschen haben bis jetzt schon im Nachbarland Zuflucht gesucht. Ankara erwartet Berichten zufolge bis zu eine Million Flüchtlinge aus Syrien.

Die Türkei warnte Präsident Assad, es dürfe nicht zu einer Eskalation kommen wie 1982 in der Stadt Hama. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ging auf Distanz zu seinem Verbündeten: "Syrien sollte nicht ein weiteres Massaker wie Hama erleben." Er habe dies dem syrischen Präsidenten persönlich gesagt.

In Hama hatte Assads Vater und Amtsvorgänger Hafis al-Assad 1982 einen Islamisten-Aufstand mit brutaler Gewalt ersticken lassen: Während tagelanger Bombardierungen wurden Tausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Kinder. Das Massaker von Hama gilt vielen Syrern als Menetekel. Die jahrzehntelange politische Grabestille in dem Land wird auch auf die Angst der Menschen vor einem "neuen Hama" zurückgeführt. Erst im Zuge des arabischen Frühling sind nun vielerorts Proteste ausgebrochen, auf die das Regime brutal reagiert: Menschenrechtsgruppen zufolge sind seit Beginn der Unruhen in Syrien mehr als 1300 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen und über 10.000 festgenommen worden.

Dschisr al-Schugur ist mittlerweile fast vollständig verlassen. "Es ist praktisch eine Geisterstadt", sagte ein Bewohner der Nachrichtenagentur AP. "Fast jeder ist in benachbarte Dörfer geflohen, aber viele sind darauf vorbereitet, in die Türkei weiterzuziehen, falls Assads Truppen anfangen, sie zu jagen."

amz/AFP/dpa

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