Militäroffensive in Syrien Assad schickt 30.000 Soldaten gegen Aufständische

Das syrische Regime hat im Norden des Landes einen großangelegten Militäreinsatz begonnen - nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Truppen sind bereit zum Sturm auf die Stadt Dschisr al-Schugur. Tausende Menschen sind schon in die Türkei geflüchtet.

AP/ SHAAM News Network

Istanbul - Syrische Truppen haben nach Angaben des staatlichen Fernsehens in der Stadt Dschisr al-Schugur einen großangelegten Militäreinsatz gestartet. Die Aktion, die an diesem Donnerstagmorgen begann, zielt laut der Propaganda des Regimes darauf ab, "bewaffnete Banden" festzunehmen und sei angeblich "auf Wunsch der Bevölkerung" begonnen worden. Insgesamt 30.000 Soldaten seien an dem Einsatz beteiligt, hieß es im Staatsfernsehen. Von Dutzenden Panzern unterstützte Truppen stünden vor der Stadt und seien zum Einmarsch bereit, berichtete ein Reporter.

In der Stadt, die nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt, hatten die Menschen seit Tagen eine Vergeltungsaktion der Armee befürchtet, nachdem vor einer Woche angeblich 120 Polizisten durch Aufständische ermordet worden waren.

Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle weisen die Darstellung der Regierung jedoch zurück: Es habe vielmehr eine Meuterei in den Reihen der Polizei gegeben, offenbar nachdem sich Sicherheitskräfte geweigert hätten, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen. Die Meuterer seien dann von einer Miliz des Regimes erschossen worden.

Eine Million Flüchtlinge erwartet

Elitesoldaten, die unter dem Kommando des Bruders von Präsident Baschar al-Assad, stehen, waren Anfang der Woche in den Norden des Landes vorgerückt. Der Bruder des Präsidenten, Maher al-Assad, gilt als besonders brutal und als treibende Kraft hinter der Unterdrückung der Protestbewegung.

Berichte über eine bevorstehende Militäroperation in Dschisr al-Schugur hatten in den vergangenen Tagen eine Flüchtlingswelle in die nahe gelegene Türkei ausgelöst. Etwa 2700 Menschen haben bis jetzt schon im Nachbarland Zuflucht gesucht. Ankara erwartet Berichten zufolge bis zu eine Million Flüchtlinge aus Syrien.

Die Türkei warnte Präsident Assad, es dürfe nicht zu einer Eskalation kommen wie 1982 in der Stadt Hama. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ging auf Distanz zu seinem Verbündeten: "Syrien sollte nicht ein weiteres Massaker wie Hama erleben." Er habe dies dem syrischen Präsidenten persönlich gesagt.

In Hama hatte Assads Vater und Amtsvorgänger Hafis al-Assad 1982 einen Islamisten-Aufstand mit brutaler Gewalt ersticken lassen: Während tagelanger Bombardierungen wurden Tausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Kinder. Das Massaker von Hama gilt vielen Syrern als Menetekel. Die jahrzehntelange politische Grabestille in dem Land wird auch auf die Angst der Menschen vor einem "neuen Hama" zurückgeführt. Erst im Zuge des arabischen Frühling sind nun vielerorts Proteste ausgebrochen, auf die das Regime brutal reagiert: Menschenrechtsgruppen zufolge sind seit Beginn der Unruhen in Syrien mehr als 1300 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen und über 10.000 festgenommen worden.

Dschisr al-Schugur ist mittlerweile fast vollständig verlassen. "Es ist praktisch eine Geisterstadt", sagte ein Bewohner der Nachrichtenagentur AP. "Fast jeder ist in benachbarte Dörfer geflohen, aber viele sind darauf vorbereitet, in die Türkei weiterzuziehen, falls Assads Truppen anfangen, sie zu jagen."

amz/AFP/dpa

insgesamt 71 Beiträge
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Die_Sonne 10.06.2011
1. Die Welt ist klein
Zitat von sysopDas syrische Regime hat*im Norden des Landes einen großangelegten Militäreinsatz begonnen - nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Tausende Menschen sind in die Türkei geflüchtet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767823,00.html
Ist das die vorbildiche Führung eines muslimischen Staates? Die Waffen gegen das eigene Volk einzusetzen? Ich finde das abscheulich. Man sollte sich in Europa auch überlegen, sollche Konfliktländer zu Grenzländern der EU zu machen?!?!? Die Flüchtlinge der Türkei würden dann z.B. zu Flüchtlingen Deutschlands, wohin viele streben würden. Alles hängt mit allem zusammen.
Andreas58 10.06.2011
2. Syrien ist nicht Libyen
hier zeigt sich die ganze Verlogenheit unserer Realpolitik
m.n.n 10.06.2011
3. Wahnsinn
Es ist für mich schockierend was in Syrien "abgeht"!!!! Dank diverser Gruppen auf Facebook/Twitter können/werden diese Gräueltaten nicht unter den Tisch gekehrt...
Bengurion, 10.06.2011
4. Telegramm
Libyen - Ölreserven 41 Milliarden Barrel = Intervention Syrien - Ölreserven 2,4 Milliarden Barrel = Keine Intervention Verantwortete Außenpolitik kann so einfach sein... (Um nicht missverstanden zu werden: damit rede ich keiner weiteren bewaffneten Intervention das Wort. Aber was die "hehren" Gründe für die Intervention in Libyen angeht, habe ich da mehr als Zweifel.)
Gereon, 10.06.2011
5. In der ausländischen Presse...
Zitat von sysopDas syrische Regime hat*im Norden des Landes einen großangelegten Militäreinsatz begonnen - nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Tausende Menschen sind in die Türkei geflüchtet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767823,00.html
In der ausländischen Presse ist weniger verbrämt zu lesen, daß die NATO, wenn sie grade daunten zu Gange ist, auch gleich Syrien mit fertig machen möchte. Was an solchen Artikeln wahr ist, und was nicht, wird man erst hinterher wissen. Mir ist das zu einseitige Berichterstattung die deutlich auf die Akzeptanz der Bevölkerung für ein weiteres UNO-Mandat abzielt. Das Deutschland hier besonders zu ebarbeiten ist, sollte noch von der Libyen-Resolution bekannt sein, bei der man aus einer Flugverbotszone einen regelrechten Offensivkrieg ableitete. Russland ist darob schon sehr verstimmt und verurteilt die Bemühungen der NATO um Syrien scharf. Dabei wird unverholen zur Sprache gebracht, daß man a) nicht glaubt, daß die Demonstranten von sich aus so aggressiv wurden und auch an Waffen kamen, daß über die Polizei Gräuelgeschichten verbreitet werden und das die Oppositionellen von dre USA finanziert uns aufgestachelt werden. Russland hat einen Marinestützpunkt in diesem Land und gedenkt nicht, diesen aufzugeben. Wir sollten Vorsichtig sein, es könnte sein, daß man den ganzen Nahen Osten in Brand stecken will, um von den Wirren zu profitieren. Amerika braucht dringend einen neuen großen Krieg mit Notstandsgesetzen, sonst geht das Land Pleite (ist es eigentlich schon) und bricht auseinander. Wenn so ein Koloß umfällt, ist es gut, sich davon etwas wegzuhalten und eigenständige Politik zu machen. Und vor allem alles dreifach überprüfen, was man von deren Geheimdiensten an 'Erkenntnissen' präsentiert bekommt.
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