Syriens Herrscher Assad Despot in der Defensive

Ein Militärschlag einer US-geführten Koalition gegen Syrien scheint nur noch eine Frage der Zeit, als mögliche Ziele gelten Militärflughäfen und die Flugabwehr. Doch wie wird Damaskus auf potentielle Luftangriffe reagieren? Experten tippen: gar nicht.

Assad-treue Soldaten in Homs: Kaum Kapazitäten für einen Gegenschlag
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Assad-treue Soldaten in Homs: Kaum Kapazitäten für einen Gegenschlag

Von , Beirut


Es wird ernst. Nach den USA bereitet sich in diesen Stunden auch Großbritannien auf einen Syrien-Einsatz vor. Washington hatte am Montag deutlich gemacht, dass seine Streitkräfte bereit sind, in den dortigen Bürgerkrieg einzugreifen. Präsident Barack Obama könnte schon in den kommenden Tagen die Entscheidung zum Angriff fällen, die Briten wollen am Donnerstag im Parlament über einen Einsatz entscheiden.

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Heft 35/2013
Vor den Augen der Welt: Massenmord in Syrien

Die militärischen Optionen werden bereits diskutiert. Als wahrscheinlich gilt ein Angriff aus der Ferne. So könnten "Tomahawk"-Marschflugkörper - aus sicherer Entfernung von im Mittelmeer kreuzenden Zerstörern und U-Booten abgefeuert - Militärflughäfen und syrische Flugabwehrgeschütze treffen.

Allein: Die Zerstörung von Start- und Landebahnen und die Dezimierung der syrischen Flotte an Kampfjets und Helikoptern wird nicht das Ende des Krieges bedeuten. Das sei wohl auch nicht beabsichtigt, sagt Gunter Mulack, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Berlin. "Es geht bei den Angriffen nicht darum, die Rebellen offen zu unterstützen. Es geht darum, Assad zu zeigen, dass die Weltgemeinschaft den Einsatz von Massenvernichtungswaffen nicht hinnimmt." So ähnlich formulierte es auch eine namentlich nicht genannte Quelle aus dem Umfeld der möglichen Koalition der Eingreifenden. Von "Abschreckung" ist laut Nachrichtenagentur Reuters die Rede.

Wenn die Rebellen durch die Ausschaltung von Assads Luftwaffe als Nebeneffekt leicht gestärkt würden, sei das sicher im Sinne des Westens, sagte Mulack, der von 1999 bis 2002 Deutschlands Botschafter in Damaskus war. "Luftschläge würden das Kräfteverhältnis zwischen Rebellen und Regime etwas zurechtrücken." Zuletzt hatte das Regime einige Erfolge verzeichnen können, was die Hoffnung auf eine politische Lösung schrumpfen ließ.

Chemiewaffen-Depots werden nicht Ziel des Angriffs sein

Das Chemiewaffen-Arsenal des syrischen Regimes hingegen wird ganz sicher nicht Ziel möglicher Luftschläge gegen Baschar al-Assad sein. Zwar soll ein potentieller Angriff unter Führung der USA vor allem dazu dienen, Damaskus daran zu hindern, künftig nicht-konventionelle Waffen gegen die eigenen Bevölkerung einzusetzen. Dennoch ist ein Angriff auf die Lager mit C-Waffen keine Option.

"Das Zerstören der Chemiewaffenlager durch Einwirkung von Waffen käme dem Einsatz der Waffen ungefähr gleich", sagt Wolfgang Mühlberger, Nahost-Experte an der Landesverteidigungsakademie Wien. Im Zuge eines Bombardements lasse es sich kaum vermeiden, dass Gifte oder bakteriologische Kampfstoffe freigesetzt würden. Wolle man die Depots sichern, müsse das durch Bodentruppen geschehen. Doch die wollen auch die USA, Großbritannien und Frankreich, die die womöglich anstehende Militärintervention vorantreiben, nicht nach Syrien schicken.

Wird Assad einen Angriff einfach aussitzen?

Die große Frage ist nun, wie Assad auf einen möglichen Angriff reagieren könnte. In den vergangenen Tagen hatten Damaskus und Teheran düstere Drohungen ausgestoßen und davor gewarnt, Attacken auf Syrien würden den Nahen Osten in einen "Feuerball" verwandeln. Am Dienstag jedoch schlug Syriens Außenminister Walid al-Muallim plötzlich andere Töne an. Zwar kündigte er an, dass Syrien seine Militärkampagne gegen die vom Regime als "Terroristen" titulierten Rebellen auch im Falle von Luftschlägen fortsetzen werde. Doch von einem möglichen Gegenangriff war bei Mualem nicht die Rede.

Tatsächlich erscheint es denkbar, dass Assad und seine Genossen einen potentiellen Angriff einfach aussitzen könnten. Der Westen hat klargemacht, dass er nur in sehr begrenztem Umfang in Syrien eingreifen will. Die "Washington Post" will aus Militärkreisen erfahren haben, dass die Angriffe "wahrscheinlich nicht länger als zwei Tage dauern" werden. Stillhalten könnte also die beste Option für das Regime sein.

"Wir werden wütende Proteste sehen", sagt Syrien-Kenner Mulack voraus. Militärische Reaktionen hält aber auch er für unwahrscheinlich. Assad sei vollauf mit dem Krieg im eigenen Land beschäftigt, auch die Hisbollah sei dort eingebunden und habe für Vergeltungsangriffe gegenüber Israel vermutlich wenig Kapazitäten frei. "Und Iran dürfte sich militärisch auch zurückhalten, denn sonst könnte Israel die Gelegenheit zum Angriff nutzen."

insgesamt 215 Beiträge
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Seite 1
brainwayne 27.08.2013
1.
Sehe ich genauso. Und sollte sich ein zweiter Assad erheben, macht man es halt genaus so noch einmal. Irgendwann sollte es sich bei potentiellen Nachfolgern herumgesprochen haben, dass die zu erwartende Amtszeit recht kurz sein wird!
nochmehrunsinn 27.08.2013
2. Die Syrer können einem nur
Leid tun. Ist es doch nur eine Frage wer sie umbringt Assad, die Rebellen oder Bomben der Allianz !
kurter 27.08.2013
3. Ja klar
Assad sitzt auf einem Haufen Kurz- und Mittelstreckenraketen mit chemischen Waffen, die er angeblich gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Da frag ich mich doch wieso er nicht ein paar Chemiewaffen nach Israel schickt oder in die Türkei? Ich meine er wird diesen Krieg wahrscheinlich eh nicht überleben und seine Religionsgruppe wird verfolgt werden wenn die Terroristen gestärkt werden. Er hätte nichts zu verlieren!! Es sei denn er hat garkeine C Waffen eingesetzt und dann braucht man auch nicht zu fürchten das er sie jetzt einsetzt.
olli_b 27.08.2013
4. kann man machen...
Abgesehen davon, daß vor ein Gericht stellen und alles aufarbeiten besser wäre: Was soll danach kommen? Wer soll regieren? Wer sorgt dafür, daß die Sicherheit aller Bürger und der umliegenden Länder gewährleistet ist? Wer zieht das Giftgas aus dem Verkehr?
crazy-horse 27.08.2013
5. Reaktion
Mit diesen Informationen könnten die Rebellen doch weiter profitieren, indem sie weitere Giftgase auf den Militärflughäfen deponieren... Für mich ist klar: Das alles ist und bleibt eine hinterhältige, ignorante Farce wie sie nicht schöner im Bilderbuch illustriert sein könnte. Die Gefahr eines dritten Weltkrieg nimmt damit stündlich zu!
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