Militärschule Fort Benning Terrortraining im Auftrag der US-Regierung

Für die einen sind es Terroristen, für die anderen Freiheitskämpfer. Die USA haben über Jahrzehnte Offiziere und Guerilleros aus Lateinamerika in Folter und Erpressung geschult. Die Militärschule in Fort Benning im Bundesstaat Georgia existiert noch heute - ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit US-amerikanischer Außenpolitik.

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Einsatztraining in Fort Benning
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Einsatztraining in Fort Benning

Berlin - Es war der erste Tag der Luftangriffe auf Afghanistan, und George Bush zeigte Entschlossenheit. "Wenn irgendeine Regierung die Gesetzlosen und die Mörder von Unschuldigen sponsert, ist sie selbst gesetzlos und zum Mörder geworden. Und sie wird diesen einsamen Weg auf eigene Gefahr nehmen", drohte der US-Präsident am Tag der ersten Luftangriffe auf Afghanistan.

Ein Ausbildungscamp für Terroristen liegt freilich auch vor Bushs eigener Haustür, im US-Bundesstaat Georgia.

"Western Hemisphere Institut for Security Cooperation" heißt die Militärschule im Fort Benning. Nach Mitteilung auf der schuleigenen Homepage wurde sie im Januar 2001 gegründet. Tatsächlich aber existiert die Militärakademie bereits seit 1946 und hieß vor der Umbenennung "School of the Americas" (SOA).

Zuchtanstalt für Staatsfeinde: Die "School of the Americas"
AP

Zuchtanstalt für Staatsfeinde: Die "School of the Americas"

In Lateinamerika ist sie besser bekannt unter dem Spitznamen "Schule der Diktatoren". Fast 60.000 Soldaten und Offiziere aus Mittel- und Südamerika kamen über Jahrzehnte in den Genuss des Unterrichts bis 1984 in Panama, danach in Fort Benning, Georgia.

Die Liste der Absolventen liest sich wie das "Who's who" der lateinamerikanischen Diktatorengeschichte: Leopoldo Galtieri, Anfang der Achtziger Chef der argentinischen Militärjunta, die über 30.000 Menschen ermorden oder "verschwinden" ließ. Oder Roberto D'Aubuisson, Anführer von El Salvadors Todesschwadronen. Ein anderer Ex-Schüler wurde erst im Juni dieses Jahres in Guatemala verurteilt: Colonel Byron Lima Estrada ermordete 1998 den Bischof Juan Gerardi. In Chile befehligten Ex-SOA-Schüler die Geheimpolizei von Augusto Pinochet, und auch Panamas General Manuel Noriega rekrutierte fleißig aus der Eliteschule.

Rekrutierte von der Militärakademie seine Schergen: Panamas Diktator General Manuel Noriega
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Rekrutierte von der Militärakademie seine Schergen: Panamas Diktator General Manuel Noriega

"Zu ihren Absolventen zählen die meisten der schlimmsten Folterknechte in Lateinamerika", sagte der ehemalige CIA-Agent Philip Agee im Jahr 1999. "Schule der Mörder" nennt sie Pater Roy Bourgeois, Vietnam-Veteran und Gründer der Menschenrechtsbewegung "SOA Watch". Die Schule habe "einige der brutalsten Mörder, einige der grausamsten Diktatoren und einige der schlimmsten Verletzer von Menschenrechten" hervorgebracht, die die westliche Hemisphäre je gesehen habe, so der demokratische Kongressabgeordnete Joe Moakley aus Massachusetts, der inzwischen verstorben ist.

Nach offiziellen Angaben sollten die Soldaten und Offiziere den Umgang mit amerikanischen Waffen und Respekt für amerikanische Werte erlernen, zum Beispiel die Achtung der Menschenrechte. Doch sieben Lehrbücher, die das Pentagon 1996 auf öffentlichen Druck veröffentlichen musste, sprechen eine andere Sprache. Sie empfahlen unter anderem Erpressung, Folter, Hinrichtungen und die Verhaftung von Verwandten von Zeugen. Mindestens zwei Dutzend Textpassagen monierte eine interne Kommission des US-Verteidigungsministeriums.

Präsent, aber nicht transparent: Die Internetseite des "Western Hemisphere Institute"

Präsent, aber nicht transparent: Die Internetseite des "Western Hemisphere Institute"

Dieses "Problem", sagte damals ein Pentagon-Sprecher, sei "1992 entdeckt, ordnungsgemäß gemeldet und gelöst" worden. Daraufhin sei der Stundenplan um ein "Pflichttraining zu Menschenrechten" erweitert worden. Die Methoden seien "Folge eines bürokratischen Versehens" gewesen, so das US-Verteidigungsministerium. Die Lehrbücher seien vernichtet worden, teilten die Militärs mit. Für die US-Regierung war damit dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte abgeschlossen.

Aber noch immer sind SOA-Absolventen mit US-Unterstützung in schmutzige Kriege verwickelt. Noch vergangenes Jahr ermittelte die Organisation "Human Rights Watch", dass sieben ehemalige SOA-Studenten in Kolumbien paramilitärische Gruppen im so genannten Krieg gegen die Drogen leiten und dabei Entführungen und gezielte Morde begingen. Im Februar dieses Jahres wurde einer von ihnen wegen Beteiligung an der Folterung und Tötung von 30 Bauern verurteilt.

Doch als Kongressabgeordnete im vergangenen Jahr versuchten, die Terroristenschule schließen zu lassen, unterlagen sie knapp mit zehn Stimmen. Das Repräsentantenhaus beschloss stattdessen, die Schule unter anderem Namen zu führen. Seit Januar 2001 also heißt sie "Western Hemisphere Institut for Security Cooperation" (WHISC).

"Der Ruf der School of the Americas ist so schlecht, selbst wenn sie diese Änderungen umsetzen, bin ich nicht sicher, dass sie weit genug gehen", sagte damals Demokrat Moakley. "Das ist, als sprühe man Parfum auf eine Müllkippe."

Selbst ein Verteidiger der Militärakademie wie der inzwischen verstorbene Senator Paul Coverdell aus Georgia gab später zu, dass die Neugründung nichts anderes ist als die Fortsetzung der alten Tradition unter neuem Namen: Die Änderungen seien "grundsätzlich kosmetisch", so der Senator.

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