Militärstrategien "Die Stadt wird das Grab des Feindes"

Die alliierten Streitkräfte melden aus Bagdad einen Erfolg nach dem anderen. Die Gefahr eines blutigen Fiaskos aber bleibt bestehen. Militärhistoriker sind sich einig: Sollte die irakische Führung nennenswerten Widerstand organisieren, könnten in Bagdad Tausende Zivilisten und alliierte Soldaten sterben.

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US-Truppen bei der Durchsuchung eines verlassenen Lagers der Republikanischen Garde: Angst vor opferreichem Häuserkampf
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US-Truppen bei der Durchsuchung eines verlassenen Lagers der Republikanischen Garde: Angst vor opferreichem Häuserkampf

Hamburg - Alles sah nach einem Blitzsieg für die Deutschen aus. Ende August 1942 erreichten die 6. Armee und die 4. Panzerarmee die Außenbezirke Stalingrads, vier Wochen später waren 90 Prozent der Stadt in deutscher Hand. Das Ende ist hinlänglich bekannt: Die Rote Armee leistete in letzten "Widerstandsnestern" entlang der Wolga hartnäckigen Widerstand, während sie zugleich mit starken Einheiten unbemerkt einen Ring um die Stadt schloss und die Angreifer einkesselte. Im brutalen Straßenkampf starben 200.000 deutsche Soldaten sowie etwa eine Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten.

Das Gespenst der blutigsten Häuserschlacht der Geschichte schwebt auch über Bagdad. Zwar dürfte die irakische Armee kaum zu einem groß angelegten Gegenangriff in der Lage sein, doch der Kampf Mann gegen Mann um jeden Wohnblock, jedes Haus und jedes Zimmer ist der Alptraum der amerikanischen und britischen Strategen. Der urbane Zermürbungskrieg - im amerikanischen Militärjargon "Military Operations on Urbanized Terrain", kurz "Mout" genannt - würde aller Wahrscheinlichkeit nach einen extrem hohen Blutzoll unter Soldaten und Zivilisten fordern und die technologische Überlegenheit westlicher Armeen bedeutungslos werden lassen.

Hinter jeder Straßenecke lauert der Tod

Wenn "Panzer aus Garagen und Häusern heraus schießen" und Fußsoldaten zu "überfallartigen Angriff" ansetzen, wie der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber für Europa, Wesley Clark, vor dem Angriff auf Bagdad befürchtete, nützen auch Hightech-Kampfjets und Präzisionsbomben wenig. Im Chaos des Nahkampfs, bei dem hinter jeder Straßenecke der Tod lauert, können die angreifenden Soldaten Gegner und Zivilisten nur schwer unterscheiden, zumal es offenbar zur Strategie der Iraker gehört, ihre Kämpfer als Zivilisten zu tarnen.

Deutsche Soldaten nach der Kapitulation in Stalingrad: Massengrab für 1,2 Millionen Opfer
DPA

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Die irakische Führung kennt ihren Vorteil: Statt sich wie im Golfkrieg von 1991 den haushoch überlegenen Alliierten in offener Feldschlacht zu stellen, räumten sie im jetzigen Krieg die Ebene und zogen sich in die Städte zurück. "Der Feind wird nicht anders können, als nach Bagdad hineinzugehen, und die Stadt wird sein Grab werden", drohte der irakische Verteidigungsminister Sultan Haschim Achmed.

Die Geschichte gibt den Irakern Grund zum Optimismus. "Wenn die Bevölkerung Widerstand leistet und die Verteidiger mit Nachschub versorgt werden, wäre Bagdad nur unter größten Verlusten einzunehmen", sagt Bernhard Kroener, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam. Ob eine Fünf-Millionen-Stadt wie Bagdad dermaßen lückenlos eingeschlossen werden kann, dass jeglicher Nachschub abgeschnitten wird, hält Kroener angesichts des dafür nötigen Aufwands für fraglich. Und ob sich die Bevölkerung, wie von den Alliierten erhofft, gegen das Regime erheben werde, wisse derzeit niemand.

"Goldene Division" verteidigt Bagdad

Zudem steht für Militärexperten fest, dass den alliierten Truppen ein ernst zu nehmender Gegner gegenübersteht. Die Spezielle Republikanische Garde Saddam Husseins verteidigt den Stadtkern von Bagdad. Die rund 26.000 Mann starke Elitetruppe, auch als "Goldene Division" der Republikanischen Garde bekannt, besteht nach Informationen des Washingtoner Think Tanks "Globalsecurity.org" nahezu ausschließlich aus Soldaten aus Stämmen und Gebieten, die Saddam in bedingungsloser Treue ergeben sind. Hinzu kommen mehrere Tausend fanatische "Fedajin"-Kämpfer und bewaffnete Mitglieder der regierenden Baath-Partei.

Die "Goldene Division" soll speziell für den Häuserkampf in Bagdad trainiert sein und jede Gasse der Hauptstadt kennen. Sie kann die alliierten Truppen trotz ihrer vergleichsweise primitiven Mittel empfindlich treffen. Für Scharfschützen, die in der Stadt überall Deckung finden und ständig ihre Position wechseln, sind die alliierten Truppen ein leichtes Ziel. Auf kurze Distanz können auch die Hartkerngeschosse aus den veralteten irakischen T-72-Panzern die Mehrschicht-Panzerung der amerikanischen "Abrams"-Kampfpanzer durchdringen.

Neuartige Taktik der US-Truppen

"Natürlich kann man Bagdad erobern, wenn man mit genügend Kräften Häuserblock für Häuserblock einnimmt", sagt Kroener. "Aber das wäre ein blutiges Unterfangen, dessen politische Kosten für westliche Regierungen kaum tragbar wären." Gerd Krumeich, Militärhistoriker an der Uni Düsseldorf, erkennt im aktuellen Vorgehen der Amerikaner in Bagdad dagegen eine völlig neue Taktik, die eventuell zu einer Eroberung der Stadt ohne größeres Blutvergießen führen könnte. "Die Amerikaner erobern strategisch und symbolisch wichtige Einrichtungen und warten dann ab, wie sich die Bevölkerung verhält", sagt Krumeich. "Das sind hoch clevere Aktionen. So viel taktische Intelligenz hätte ich den Amerikanern nicht zugetraut."

Ob das neuartige Vorgehen Erfolg haben werde, entscheide sich in den nächsten 24 Stunden. Sollten sich die Iraker aber entschließen, "jeden Keller und jede Dachluke" zu verteidigen, sieht auch Krumeich eine Katastrophe auf Bagdad zukommen, schon angesichts der bekannten Taktik der US-Truppen: "Die Amerikaner legen lieber alles in Schutt und Asche, als auch nur einen ihrer Soldaten zu opfern."

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