Militärstudie Wie die Amerikaner im Irak vom Kriegsende überrascht wurden

Die US-Streitkräfte waren für den Feldzug gegen Saddam Hussein gerüstet, nicht aber auf das vorbereitet, was danach kam. Eine neue Studie legt jetzt zahlreiche Fehler offen, die in den Monaten nach dem Krieg gemacht wurden. Den Bericht ließ das Pentagon selbst anfertigen.


Washington - "Mission accomplished" - "Mission beendet" stand auf dem Transparent auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, als George Bush dort am 1. Mai 2003 in einer vom Fernsehen ausgestrahlten Rede verkündete: Die Hauptkampfhandlungen im Irak sind beendet.

Bush bei seiner "Mission accomplished"-Rede: "Okay, wir sind in Bagdad, und was dann", fragte sich mancher im Pentagon
AP

Bush bei seiner "Mission accomplished"-Rede: "Okay, wir sind in Bagdad, und was dann", fragte sich mancher im Pentagon

Das war nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn. Doch die größten Herausforderungen hatten die US-Streitkräfte noch vor sich - und darauf waren sie nicht eingestellt.

Die Kritik ist nicht neu, doch jetzt wird sie nach übereinstimmenden Berichten der "New York Times" und der "Washington Post" auch durch eine Studie des Pentagon gestützt: Die Militärs hatten es versäumt, das Erstarken einer irakischen Widerstandsbewegung vorherzusehen und waren mangels Truppen nicht in der Lage, die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten.

"Die aufgewendeten militärischen Mittel", heißt es in der Studie, "reichten aus, um das Saddam-Regime zu zerstören; sie reichten aber nicht aus, um es mit der Art von Nationalstaat zu ersetzen, die den Vereinigten Staaten vorschwebten." Das knapp 700 Seiten starke Dokument ist der zweite Band einer militärhistorischen Chronik des Irak-Kriegs und befasst sich mit der entscheidenden Kriegsphase von Mai 2003 bis Januar 2005.

"Ich erinnere mich, dass ich während der Kriegsplanungen die Frage gestellt habe: 'Okay, wir sind in Bagdad, und was dann?'", wird der Kommandeur der Dritten Infanteriedivision, Thomas Torrance, wird in dem Bericht zitiert: "Es kamen keine vernünftigen Antworten."

Unterbesetztes Hauptquartier, unerfahrener General

Vor allem dem Befehlshaber der Invasion in den Golfstaat lasten die Verfasser der Studie eine folgenreiche Umstrukturierung des Militärkommandos in Bagdad an: General Tommy R. Franks habe den Schritt gegen den Widerspruch des stellvertretenden Generalstabschefs angeordnet, zitiert die "New York Times" aus der am kommenden Montag erscheinenden Studie. Die Folge sei ein unterbesetztes US-Hauptquartier in Bagdad mit einem unerfahrenen Drei-Sterne-General an der Spitze gewesen.

"Der Schritt kam plötzlich und für die meisten hochrangigen Kommandeure im Irak unerwartet", heißt es. Die neue Zentrale der US-Streitkräfte in Bagdad sei nicht für die Aufgaben gerüstet gewesen, die auf sie zugekommen seien. Ein wesentliches Problem habe darin bestanden, dass vor der Invasion keine detaillierten Planungen für die Zeit nach dem Krieg erarbeitet worden seien, heißt es in der Studie. Die Kommandeure seien zu fokussiert auf den militärischen Sieg gewesen.

Eine fundamentale Fehleinschätzung des Militärs sei gewesen, dass man davon ausgegangen war, die irakischen Ministerien und Behörden würden auch nach dem Sturz des Regimes weiterhin funktionieren. Dass dem nicht so war, lag nicht zuletzt auch daran, dass Paul Bremer, den Bush im Mai 2003 zum Zivilverwalter im Irak ernannte, Dekrete erließ, wonach zum Beispiel Tausende ehemalige Mitglieder der Baath-Partei nicht mehr für die Verwaltung arbeiten durften - eine Entscheidung, auf die die Kommandeure im Feld nicht eingestellt waren und die einen Pool unzufriedener, arbeitsloser Sunniten zur Folge hatte, aus dem sich die neue Widerstandsbewegung speiste.

Dem damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sei zudem die Modernisierung der Streitkräfte wichtiger gewesen als der bereits als gewonnen betrachtete Krieg im Irak. Für die Publikation führten Militärhistoriker rund 200 Interviews.

dab/Reuters



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