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23. März 2011, 20:58 Uhr

Militärtribunal um Morde in Afghanistan

Kill-Team-Mitglied bekennt sich schuldig

Ein 22-jähriger US-Soldat hat vor einem Militärgericht gestanden, drei unbewaffnete Zivilisten in Afghanistan getötet zu haben. Ihm und vier anderen Mitgliedern des "Kill Teams" wird vorgeworfen, ihre Opfer unter Vorwänden umgebracht zu haben. Sie fotografierten ihre Taten und nahmen Trophäen mit.

Washington - Ein junger US-Soldat hat sich am Mittwoch vor einem Militärgericht im Bundesstaat Washington schuldig bekannt, drei unbewaffnete Zivilisten in Afghanistan getötet zu haben. Der 22-jährige Jeremy Morlock gehört zu einer Gruppe von insgesamt fünf Infanteristen, die sich "Kill Team" nannten und nun wegen Mordes angeklagt worden sind.

Sie sollen zwischen Januar und Mai 2010 die Zivilisten mit Gewehren und Granaten getötet haben, obwohl die Menschen keinerlei Bedrohung für sie darstellten. Laut Anklage nahmen einige der Männer außerdem Körperteile als Trophäen mit und ließen sich mit einem ihrer toten Opfer ablichten.

Neben den fünf Soldaten sind noch sieben weitere angeklagt, unter anderem wegen Behinderung der Ermittlungen. Das Militärverfahren gegen Morlock auf dem Stützpunkt Fort Lewis ist das erste in diesen Mordfällen.

Mit dem Eingeständnis könnte der Angeklagte einen Strafprozess vor einem Zivilgericht vermeiden und mit einer milderen Strafe davonkommen. Angeblich haben sich Anklage und Verteidigung auf eine 24-jährige Haftstrafe geeinigt, der zuständige Militärrichter muss diesem Vergleich aber zustimmen. Bei einem Schuldspruch in einem Strafprozess könnte Morlock für den Rest seines Lebens hinter Gittern landen.

"Dann haben sie ihn niedergemäht"

Der SPIEGEL hatte in seiner aktuellen Ausgabe einige der Gräueltaten rekonstruiert und drei bisher unbekannte Bilder gezeigt. Unter anderem ist darauf zu sehen, wie zwei der mutmaßlichen Mörder neben einer Leiche posieren. Bei dem Opfer handelt es sich um den am 15. Januar 2010 in dem Dorf La Mohammed Kalay getöteten Afghanen Gul Mudin. Die drei Bilder, die der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE veröffentlicht haben, sind nur ein verschwindender Teil von Tausenden Fotos, die unter den Soldaten kursierten. Viele Bilder sind der Öffentlichkeit nicht zumutbar. Die US Army hat 4000 Fotos sichergestellt und hält diese unter Verschluss. Viele davon haben die Angeklagten selbst aufgenommen.

Den Männern wird vorgeworfen, die Zivilisten grundlos und aus reiner Mordlust getötet zu haben. Die Morde ließen sie demnach so aussehen, als hätten sie in Notwehr gehandelt. Dazu seien regelrechte Drehbücher entwickelt worden, berichteten Angeklagte.

In einem der anhand der Ermittlungsakten rekonstruierten Fälle fingierte das Kill Team etwa einen Angriff durch einen Afghanen, indem die Soldaten selbst eine Handgranate zündeten, um es so aussehen zu lassen, als seien sie attackiert worden, bevor sie den Mann töteten. Einer der Beteiligten, Adam Winfield, 21, hatte sich kurz nach dem Mord über Facebook seinem Vater anvertraut: "Sie haben es so aussehen lassen, als hätte der Junge eine Granate nach ihnen geworfen, und dann haben sie ihn niedergemäht", zitiert der SPIEGEL aus dem Chat.

In einem zweiten Vorfall, am 22. Februar 2010, sollen Mitglieder des Kill Teams einem anderen Afghanen, Marach Agha, mutmaßlich eine alte Kalaschnikow untergeschoben haben, bevor sie auch ihn erschossen. Am 2. Mai 2010 gab es einen dritten Fall, in dem offenbar erneut ein Handgranatenangriff fingiert wurde, bevor Mullah Allah Dad ebenfalls durch Schüsse getötet wurde.

Das US-Militär nannte die Handlungen auf den Bildern "widerwärtig für uns als Menschen". Sie stünden im Widerspruch zu den Standards und Werten der US-Streitkräfte. "Wir entschuldigen uns für das Leid, das diese Fotos auslösen."

ffr/dpa/AP

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