Militante Palästinenser "Es wird noch mehr Entführungen geben"

Während Israel um das Leben eines entführten Soldaten im Gaza-Streifen bangt, wurde ein gekidnappter Siedler in Ramallah bereits ermordet aufgefunden. Haben militante Palästinenser eine gefährliche neue Taktik entwickelt? Ein Besuch bei Hamas und Al-Aksa-Brigaden.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Ramallah - Das Büro ist schmucklos, von außen nicht gekennzeichnet: Hier, im siebten Stock eines Hochhauses in der Innenstadt von Ramallah residiert die Hamas. An normalen Tagen in den vergangenen sechs Monaten, seit die Radikal-Islamisten die Macht in den Palästinensergebieten übernommen haben, konnte man hier lachende und feixende Hamas-Politiker erleben, die sich auf die Schenkel klopften, weil sie endlich am Ruder waren.

Heute aber ist alles etwas anders: An den müden Augen von Ziad Dayeh kann man ablesen, dass der Sprecher der Hamas lange nicht mehr geschlafen hat. Bei neongelbem Orangensaftverschnitt sitzt er jetzt auf einem abgewetzten Schreibtischstuhl und muss die ganze Propagandaarbeit alleine erledigen. Wegen der Verhaftung von zwei Dutzend Hamas-Abgeordneten ist ja sonst niemand mehr hier. "Hamas kann für die Eskalation nicht verantwortlich gemacht werden", spult er herunter, "es ist nicht unsere Schuld, dass Israel von vornherein nicht bereit war, einen Preis für die Freilassung des Soldaten zu bezahlen".

Was der Sprecher hier gerade zu einem normalen Akt des Handels schönzureden versucht, ist in Wahrheit ein Vorfall, der an psychischer und womöglich auch physischer Brutalität nur schwer zu überbieten ist: Nachdem sie zuerst zwei seiner Kameraden getötet haben, entführten palästinensische Militante am Sonntag im Gaza-Streifen einen 19-jährigen israelischen Korporal. Für seine Freiheit verlangen die Militanten diejenige von angeblich über 300 in israelischen Gefängnissen befindlichen Frauen und Jugendlichen - ein Deal, den Israel sofort ablehnte, auch wenn in der Vergangenheit ähnliche Handel zustande kamen. Insgesamt sollen sich nach palästinensischen Angaben 12.000 Palästinenser in israelischer Haft befinden.

Seitdem stehen die Zeichen in Nahost wieder auf Sturm, die israelische Armee ist bereits wieder im Gaza-Streifen. Und viele stellen sich die Frage: Haben militante Palästinenser eine neue Taktik ersonnen, sich vielleicht sogar aus dem Irak abgeschaut? Die Entführung von unliebsamen Personen ist bislang eher selten gewesen im Gegeneinander von Israelis und Palästinenser. Heute früh jedoch wurde in Ramallah bereits die Leiche eines gekidnappten israelischen Siedlers entdeckt, der einer Erklärung des "Populären Widerstandskomitees" zufolge - ebenfalls ganz im irakischen Stil gehalten - "hingerichtet" wurde. Die Organisation setzt sich aus Kämpfern verschiedener militanter Gruppen zusammen.

Zwei Fälle innerhalb weniger Tage - die Sorge vor einer neuen Art von Terror geht um. Hamas-Sprecher Dayeh kann an der neuen Taktik allerdings nichts Unrechts finden - im Gegenteil: "Das ist unser Recht!", betont er, denn die israelische Armee entführe selbst beständig Menschen. Zwar ist es richtig, dass israelische Kommandos regelmäßig Razzien durchführen und tatsächliche oder angebliche Militante zu Dutzenden verhaften, die oft Monate oder länger ohne Anklage hinter Gitter wandern. Aber einen Unterschied will Dayeh nicht wahrhaben: Dass die palästinensischen "Geiseln" nicht kaltblütig ermordet werden; nicht einmal die Palästinenser erheben diesen Vorwurf.

Eine lebende Geisel löst Traumata aus

Israel ist traditionell durchaus bereit, hohe Verluste hinzunehmen, wenn es seine Sicherheit bedroht sieht - genau wie die Palästinenser. Aber eine lebende Geisel, das löst Traumata zwischen Eilat und Akko aus. Egal welche Terrorgruppe israelische Geiseln nahm, ob Hisbollah oder linke palästinensische Nationalisten, noch nie überlebte ein Verschleppter. Auch das erklärt, warum die israelische Führung bereits angekündigt hat, sehr hart zuzuschlagen, um die Geisel zu befreien - oder zu vergelten.

"Wir haben davor keine Angst", behaupten drei junge Männer auf der Hauptstraße von Ramallah, die alle aus den umliegenden Dörfern kommen. Bombenangriffe, Panzereinkesselung, Abriegelung - "alles schon gesehen und überlebt", sagten Abd al-Rahman, Thair und Wisam. Die Geiselnahme in Gaza und die Ermordung des Entführten in ihrer Heimatstadt rechtfertigen sie mit dem Hamas-Argument von den israelischen Entführungen Unschuldiger, obwohl sie selbst Anhänger der Fatah-Partei des verstorbenen Jassir Arafat und seines Nachfolgers Mahmud Abbas sind. Überdies machen sie aber klar: Was sie sagen, gilt nur für Entführungen von Soldaten und Siedlern in den Besetzten Gebieten, nicht aber von Zivilisten oder gar Ausländern, wie im Irak: "Das ist verboten, feige und bestialisch. Alles andere ist Teil unseres Rechtes auf bewaffneten Widerstand".

Einer, der solche Geiselnahmen in Zukunft vielleicht sogar organisieren wird, nennt sich Abd al-Salam. Er ist ein drahtiger Mann von vielleicht Mitte dreißig, trägt ein weißes Polohemd und fährt einen weißen Fiat Uno. "Es wird viel mehr solcher Kidnappings geben", sagt der Mann, der zur mittleren Befehlsebene der Al-Aksa-Brigaden in Ramallah zählt, dem militärischen Zweig der Fatah. "Auch wir haben schon einen Siedler als Geisel genommen und getötet", brüstet er sich. Er bezieht sich auf den angeblichen Mord an einem 62-Jährigen in Tel Aviv, zu dem sich seine Truppe bekannte. Die Israelis behaupten allerdings, der Mann sei eines natürlichen Todes gestorben. "Die beruhigen nur ihre Leute, reine Propaganda!", winkt der Milizionär ab.

Lebende Zielscheiben in der Westbank

Abd al-Salam sagt: "Man kann schon sagen, wir haben uns eine neue Taktik zurechtgelegt." Entführungen, kündigt er an, würden jetzt häufiger stattfinden. Über hunderttausend Siedler leben in der Westbank - für die Brigaden und die "Widerstandskomitees" allesamt lebende Zielscheiben, will er suggerieren. Als Rechtfertigung nennt er Rache für die über ein dutzend Zivilisten, die in Gaza dem Dauerbeschuss der israelischen Artillerie zum Opfer fielen. Die Zahl stimmt sogar, der umstrittene Fall einer achtköpfigen getöteten Familie am Strand von Gaza ist nicht einmal eingerechtet. Diese Toten haben die Palästinenser quer durch alle Fraktionen und Parteien erregt. "Wir haben die Schnauze einfach voll, wir müssen uns rächen", meint nun Abd al-Salam. Die Entführungen seien für die Israelis derart empfindlich, dass man eigentlich schon früher damit hätte anfangen müssen, heißt es fast schon voller Vorfreude bei den Militanten.

Das Szenario von massenhaften Kidnappings ist der "ultimative Alptraum der israelischen Armee", wie es in der israelischen Presse heißt. Im schlimmsten Fall könnten Entführungen den Nahostkonflikt auf eine Art prägen, wie es einst die Selbstmordattentate taten. Auf der anderen Seite: Noch ist nicht abzusehen, wie viel von den Ankündigungen der militanten Gruppen nur Propaganda ist. Und letztlich stehen sie ziemlich allein: Sowohl Abbas als auch der Hamas-Premier Ismail Hanija unterstützen die Geiselnehmer nicht. Von der Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung ganz zu schweigen: "Diese Idioten", schimpft etwa der Automechaniker Salih, "jetzt denken die im Westen noch, wir wären total verrohte Terroristen".



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