Oligarch Prochorow vs. Putin Der Milliardär will's wissen

Der russische Oligarch Michail Prochorow hat ein großes Ziel: Mit seiner neuen Partei drängt er in die Regionalparlamente und will Putins "Einiges Russland" übertrumpfen. Zumindest einen Achtungserfolg konnte der Milliardär schon erzielen.

Russischer Milliardär Prochorow: "100 Prozent meiner Zeit der Politik widmen"
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Russischer Milliardär Prochorow: "100 Prozent meiner Zeit der Politik widmen"

Von und Claudia Thaler, Moskau


Schwarz glänzt die Limousine, die im Stadtzentrum von Iwanowo stoppt, einer schmucklosen Arbeiterstadt, 250 Kilometer östlich von Moskau. Heraus springt Michail Prochorow, der Milliardär, der auch Politiker sein will.

Ein Gewitter hat seine Ankunft mit dem Privatflugzeug aus Moskau verzögert. Prochorow läuft zu dem Gebäude, in dem er die neue Parteizentrale seiner "Bürgerplattform" eröffnen soll. Dutzende Anhänger umringen ihn, man reicht ihm eine Schere, mit der durchschneidet Prochorow das blaue Band vor dem Büro und ruft "Hurra". Dann eilt er weiter und dreht vor den Augen der verdutzten Bürger Iwanowos eine Runde im "Jo-Mobil", seinem Elektroauto mit futuristischem Design.

Prochorow ist spät dran: Nach seinem Überraschungserfolg als Dritter bei den Präsidentschaftswahlen 2012 kam seine Karriere als Politiker ein Jahr lang nicht recht in Gang. In der Gunst der Öffentlichkeit drohte ihm die eigene Schwester Irina den Rang abzulaufen, eine scharfsinnige Intellektuelle. Die Gründung seiner Partei musste Prochorow mehrfach verschieben.

Russlands Provinzen sollen Prochorow wählen

Damit soll es jetzt vorbei sein. "Ich will nun 100 Prozent meiner Zeit der Politik widmen", sagt er. Dmitrow, Jaroslawl, Iwanowo, Irkutsk am fernen Baikalsee sind die Stationen seiner Reise durch Russlands Provinzen. Dort werden im Herbst Gouverneure und Regionalparlamente gewählt. Dort will Prochorow, dessen Vermögen "Forbes" auf 13 Milliarden Dollar taxiert, beweisen, dass er das Zeug zum Anführer der russischen Opposition hat.

2012 hat Prochorow landesweit acht Prozent bei den Präsidentschaftswahlen erreicht. In der Hauptstadt Moskau waren es sogar 20 Prozent. Er hatte deshalb mit einer Kandidatur bei den Bürgermeisterwahlen geliebäugelt, die ursprünglich für 2015 geplant waren. In einem gewieften Schachzug zog Amtsinhaber Sergej Sobjanin, ein treuer Gefolgsmann von Wladimir Putin, die Abstimmung jedoch auf den 8. September dieses Jahres vor. Dadurch schaltete er Prochorow als Konkurrenten aus, denn nach einem neuen Gesetz dürfen russische Politiker nur dann bei Wahlen antreten, wenn sie keine Konten oder Firmen im Ausland besitzen. Der Magnat konnte sich auf die Schnelle aber nicht von seinen Firmen in Europa und Amerika trennen.

Prochorow musste in Moskau die Segel streichen. Dafür konzentriert er nun alle Kräfte auf die Provinz. Mehr als 300 Kandidaten hat seine "Bürgerplattform" für die Regionalwahlen aufgestellt. Mindestens 14 Prozent hat Prochorow als Ziel ausgegeben. 2016 will er seine Partei in die Staatsduma führen, und mittelfristig die Kreml-Partei "Einiges Russland" als stärkste Kraft verdrängen.

Versprechen einer neuen Revolution

Prochorows Chancen auf Wahlerfolge stehen nicht schlecht. Das liegt auch daran, dass der Oligarch charismatische Personen ins Boot holen konnte. So fordert in der Millionenstadt Jekaterinburg ein Mann namens Jewgenij Roisman den amtierenden Gouverneur heraus. Roisman ist landesweit mit seinem Verein "Stadt ohne Drogen" berühmt geworden, der private Drogenfahnder auf Streife schickt. In den Entzugszentren des Vereins wurden Süchtige schon mal mit Handschellen ans Bett gefesselt, auf dem Speiseplan stehen dort tagelang nur Wasser, Brot und Zwiebeln. Die ruppigen Praktiken klingen für westliche Ohren verstörend, in Jekaterinburg aber haben sie Roisman den Status eines Volkshelden eingebracht.

Prochorows Wahlliste im Moskauer Umland führt Jewgenij Urlaschow an, der Bürgermeister der Provinzstadt Jaroslawl. Urlaschow hatte im vergangenen Jahr schon den Kandidaten von "Einiges Russland" besiegt. Anfang Juli aber wurde der Prochorow-Vertraute von Elitepolizisten in Kampfanzügen abgeführt. Ihm wird Korruption zur Last gelegt. Prochorow hält die Festnahme dagegen für einen Racheakt seiner Gegner.

Urlaschow war früher selbst Mitglied der Kreml-Partei, lief aber über ins Lager des Milliardärs. Das tun derzeit viele: In Ulan-Ude an der Grenze zur Mongolei hat sich der ehemalige Bürgermeister der "Bürgerplattform" angeschlossen, im südrussischen Rostow kandidiert ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter von Wladimir Schirinowskis Nationalisten für Prochorow. Im St. Petersburger Stadtparlament ist die "Bürgerplattform" bereits vertreten, weil einige Oppositionsabgeordnete zu Prochorows Partei wechselten.

Seinen Wählern verspricht der Oligarch nicht weniger als "eine Revolution". Der Kreml schaut Prochorows Wahlkampf dennoch gelassen zu. Der Moskauer Politologe Jewgenij Mintschenko glaubt den Grund dafür zu kennen: "Die 'Bürgerplattform' spielt die Rolle der geduldeten Opposition". Prochorows Partei werde lediglich die zahme linkszentristische Partei "Gerechtes Russland" verdrängen.

Prochorow sagt zwar, er "fürchte niemanden, keine Konfrontation". Zum Sturm auf den Kreml aber wird er nicht aufrufen. Für Präsident Putin hege er vor allem "großen Respekt".

insgesamt 18 Beiträge
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peeka 03.08.2013
1. Noch ein Oligarch
Hat Prochorow eigentlich auch politische Forderungen? Er soll lt. "FAZ" das städtisch-liberale Feigenblatt bilden, würde wohl Chodorkowskij rehabilitieren wollen, aber worum es hier politisch konkret geht, ist aus dem Artikel leider nicht zu entnehmen.
kone 03.08.2013
2. Anstatt ...
Zitat von sysopREUTERSDer russische Oligarch Michail Prochorow hat ein großes Ziel: Mit seiner neuen Partei drängt er in die Regionalparlamente und will Putins "Einiges Russland" übertrumpfen. Zumindest einen Achtungserfolg konnte der Milliardär schon erzielen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/milliardaer-michail-prochorow-angriff-auf-putins-partei-a-913615.html
... unsere - westlichen - Sympathien und Hoffnungen ständig mit superreichen Oligarchen bzw. ähnlich zweifelhaften sog. "Oppositionellen" zu verbinden, sollten wir unser Augenmerk viel eher darauf richten, ob und wie das russische Volk, flächendeckend, von dem rohstoffgetriebenen Wirtschaftsboom der letzten Jahre profitiert. Daß sich die Wohnungspreise in Moskau in den letzten zehn Jahren auf 1000$/sqm verzehnfacht haben, sagt noch nichts über das flache Land! Hat sich die Qualität der öffentlichen Infrastruktur auch in Tula, Smolensk oder Jekaterinburg etc. verbessert ?? Herrscht Aufbruchstimmung im Land? Die Russen sind vielfach extrem kluge und kreative Köpfe. Insbesondere in den "harten" MINT-Fächern haben sie oft hervorragende Fertigkeiten. Haben die, die Chance sich in marktwirtschaftlich-fairem Wettbewerb etwas aufzubauen, und damit auch ihre Gesellschaft nach vorn zu bringen ... ?? Wenn diese Fragen positiv beantwortet werden, muss man sich hierzulande keine Sorgen über Menschenrechte o.ä. machen! Aber diesen Diskurs vermisse ich in der deutschen Medienlandschaft!
Jonny_C 03.08.2013
3. Da fragt man sich....
...ist der Mann lebensmüde, hat keinen Bock mehr auf Freiheit und zieht den Gulag vor, oder verfügt er über einen eigenen Geheimdienst und Kampftruppen ? Mutig, mutig der Herr Prochorow, Putin-Gegner werden ja auch schon mal verurteilt weil sie angeblich ein paar Klafter Holz unterschlagen haben sollen. Das er ein Vermögen von 13 Milliarden haben soll besagt gar nichts, andere Puting Gegner hatten auch viel Geld. Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute ! Wetten würde ich auf ihn allerdings nicht......
avers 03.08.2013
4. Politspiele
Leider sind die letzten 3 Sätze des Artikels die wesentlichen. Prochorow ist eine Marionette des Kreml mit der Aufgabe die Opposition zu spalten und zu schwächen. Volksverdummung und politische Ränke hat Putin beim KGB hervorragend gelernt. Dazu gehoert auch, dass er gestern kommunistische Gesprächspartner dezidiert als Genosse anspricht und von diesen als solcher angesprochen werden will.
Simoneke 03.08.2013
5.
Vielleicht sollten die Redakteure des SPON mal ihren journalistischen Tätigkeiten nachgehen und hinterfragen wie dieser Oligarch innerhalb kürzester Zeit an soviel Vermögen kommen konnte...
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