Milliarden-Kontinent Afrika Musterland Ruanda bekämpft die Überbevölkerung

Horand Knaup

Von , Nairobi

2. Teil: "Zeitbombe" mit Millionen von arbeitslosen Jugendlichen


Malawi ist eines der wenigen Länder, in denen die Regierung zumindest ein Problembewusstsein entwickelt hat. Bei einer Veranstaltung der US-Botschaft vor einiger Zeit wurden erschreckende Zahlen erörtert: Bis 2040 muss das Land 6000 zusätzliche Grundschulen bereitstellen, im Gesundheitsbereich werden über 10.000 zusätzliche Krankenschwestern benötigt. Heute muss ein Hektar nutzbaren Landes in Malawi 500 Menschen ernähren, 2040 werden es rund 1400 sein. Die Steigerung ist kaum zu realisieren, nachdem sich die Produktivität der Landwirtschaft in Schwarzafrika in den vergangenen 30 Jahren so gut wie nicht verbessert hat.

Und in den meisten Ländern, so dämmert es allmählich aufgeschlosseneren Politikern, braucht es über Jahre ein zweistelliges Wirtschaftswachstum, um den Bevölkerungszuwachs zu kompensieren und zudem Wohlstandsfortschritte zu erzielen.

Allein in Uganda, so rechnete im vergangenen Jahr Finanzminister Aston Kajara vor, müsste das jährliche Wirtschaftswachstum auf rund elf Prozent ansteigen, um die rasant wachsenden Bedürfnisse abzudecken. Tatsächlich lag das Wachstum im vergangenen Jahr nur bei 4,5 Prozent.

Die britische Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, wonach die Länder Ostafrikas immer weniger in der Lage sein werden, sich selbst zu versorgen. Demnach werde die Bevölkerung bis 2031 um 50 Prozent wachsen, die Maisproduktion aber nur um 30 Prozent.

"Wir wollen ein besseres Leben für unsere Einwohner"

Vor einer "Zeitbombe" mit Millionen von arbeitslosen Jugendlichen warnte die kenianische Tageszeitung "Star" und vor der "unzufriedensten Jugend, die wir jemals hatten".

"All die gute Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit bleibt erfolglos, wenn das Bevölkerungswachstum weiter anhält", sagt auch Ulrike Neubert von der Stiftung Weltbevölkerung. Vor allem bei Jugendlichen versucht die Stiftung, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Neubert: "Das Bevölkerungswachstum ist eine der größten Herausforderungen für die Entwicklung der armen Länder."

Immerhin, es gibt auch Licht am Ende des Tunnels, zum Beispiel in Ruanda. Keine Regierung in Afrika geht die Herausforderung so energisch an wie das "Land der tausendHügel". Nirgendwo ist allerdings auch der Handlungsdruck so hoch. Vor dem Genozid 1994 lebten acht Millionen Menschen im Land, danach sieben Millionen, und heute sind es bereits elf Millionen.

"Wir haben eine Vision", sagt Gesundheitsministerin Agnes Binagwaho in ihrem Büro hoch über Kigali. "Wir wollen ein besseres Leben für unsere Einwohner, wir wollen bessere Schulen, bessere Krankenhäuser, bessere Straßen." Diese Vision allerdings sei mit Familien mit durchschnittlich fünf oder mehr Kindern kaum zu verwirklichen.

Also haben die Ruander immens in das Bildungs-, vor allem aber in ihr Gesundheitswesen investiert. Sie haben Kranken- und Servicestationen im ganzen Land aufgebaut, die Familienplanung in jedes Beratungsgespräch integriert, Berater ausgebildet, die von Tür zu Tür gehen und Hilfe anbieten, oder sämtliche Gesundheitszentren ans Internet angebunden.

Außerdem: Jeder Distriktchef - es gibt 30 im ganzen Land - muss einmal im Jahr persönlich dem Präsidenten einen Fortschrittsbericht abliefern und dabei auch vortragen, wie sich Mutter- und Kindersterblichkeit, Geburtenrate und der Einsatz von Verhütungsmitteln entwickelt haben.

Die Lebenserwartung der Ruander ist deutlich gestiegen

"Es gibt kein Land in Afrika, das die Familienplanung so ernst nimmt", sagt auch Elisabeth Girrbach, Sektor-Koordinatorin der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit, die das ruandische Gesundheitssystem in fünf Distrikten unterstützt. Es scheint gut investierte Hilfe zu sein, Girrbach sagt jedenfalls: "Die Nutzung der Gesundheitszentren samt ihrer Beratungsangebote ist erstaunlich hoch."

Die nüchternen Zahlen belegen es: Die Lebenserwartung der Ruander ist deutlich gestiegen, die Kindersterblichkeit deutlich gefallen, der Einsatz von Verhütungsmitteln so hoch wie kaum irgendwo sonst in Afrika, die durchschnittliche Kinderzahl von noch 6,1 im Jahr 2005 auf 4,6 (2010) gesunken.

Das alles reicht der ruandischen Regierung aber noch nicht. Nur 45 Prozent der Ruander greifen auf Verhütungsmittel zurück, "im Jahr 2015 wollen wir bei 75 Prozent sein", sagt die Gesundheitsministerin fröhlich.

Die Bauersfrau Domitille Mushimimana jedenfalls hat die neue Zeitrechnung verstanden. Sieben Kinder würde sie nicht mehr in die Welt setzen: "Selbst drei Kinder sind schon eine Herausforderung und vielleicht manchmal zu viel."

So weit wie Ruanda sind jedoch die wenigsten Länder in Afrika. Wenn Entwicklungsexpertin Ulrike Neubert versucht, das Thema mit kenianischen Politikern zu problematisieren, stößt sie häufig immer noch auf völliges Unverständnis: "Die halten einem dann entgegen: 'Ihr wollt wohl, dass wir weniger werden...' "



insgesamt 62 Beiträge
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sorum11 31.10.2011
1. Dilemma
Der Spiegel brachte schon Artikel über die Klimaflüchtlinge aus afrikanischen Ländern, die irgendwann in Scharen über die Meere kommen werden, das wird in der Tat noch "heiter". Es stellt sich hier aber ein unlösbares Dilemma: a) Ist aus moralischer Sicht ein dickes US-Baby mit rosigem Gesicht "mehr wert" als ein ostafrikanisches, unterentwickeltes Kind? contra b) Was bringen diese und Milliarden andere Menschen aus 2. und 3.Welt-Ländern als z.B. Bauern überhaupt für eine Wertschöpfung ein? Keine Innovationen, keine Evolution, nichts. Wir im reichen Westen haben es längst überwunden, scharenweise Kinder zum Überleben in einer Agrarnation bekommen zu müssen, 3/4 der Welt aber nicht. Wo soll das noch hinführen? Wird die Natur für Dezimierung sorgen, oder Biolabore? ... .. .
hansulrich47 31.10.2011
2. Es ist fast schon zu spät!
Endlich mal ein Bericht, der das wirkliche Problem angeht. Leider sind afrikanischen Politikern immer noch hungernde Massen wichtiger als satte Bürger, denn die lassen sich nicht zum Rauben und Morden ins Nachbarland oder gegen die Opposition aufstacheln. Das Problem mit den jungen Leuten ohne Zukunft hat das gesammte Nordafrika! Was für eine Arbeit soll ein junger Ägypter finden? Die Asiaten sind fixer, und haben die bessere Ausbildung? Die Pille für alle und Kondome umsonst, und den Papst und seine Bande raushalten, das könnte helfen .....
Porgy, 31.10.2011
3. Auch die Afrikaner selbst haben Verantwortung
Zitat von sysopAfrikas Bevölkerung explodiert, 1,2 Milliarden Menschen leben auf dem Kontinent - Tendenz rasant steigend. Die Folgen sind dramatisch: Hunger, Armut,*Umweltzerstörung. Nun steuern Regierungen verzweifelt gegen. Als Musterbeispiel gilt das ehemalige Bürgerkriegsland Ruanda. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794677,00.html
Afrikaner müssen lernen, dass sie selbst auch Verantwortung für ihre Situation haben. Die Haltung "Ist doch egal wie viele Kinder wir kriegen. Europa/der Westen wird's schon richten." ist keine akzeptable Haltung. Das klang auch gestern in diesem Beitrag des ARD-"Weltspiegel" völlig zu Recht durch: http://www.daserste.de/weltspiegel/beitrag_dyn~uid,gw3bttiwzsd1kbeg~cm.asp Hoffentlich wird Ruanda diesbezüglich zum Vorbild.
roland.vanhelven 31.10.2011
4. oh mann
1,2 Mrd sind fuer einen Kontinent wie Afrika gar nichts. und Bill Gates und Warren Buffet raffen mit ihren impf programmen sowieso schon genug nieder. was ich hier lese hoert sich an wie Deutschland 1936. mannomann...
Lutz W. 31.10.2011
5. Der Planet steht kurz vor seinem Ende
Zitat von sysopAfrikas Bevölkerung explodiert, 1,2 Milliarden Menschen leben auf dem Kontinent - Tendenz rasant steigend. Die Folgen sind dramatisch: Hunger, Armut,*Umweltzerstörung. Nun steuern Regierungen verzweifelt gegen. Als Musterbeispiel gilt das ehemalige Bürgerkriegsland Ruanda. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794677,00.html
In Afrika und Südamerika werden die Wälder gerodet und man kann nichts dagegen unternehmen. Die Meere werden weltweit verseucht und überfischt. Die Luft wird aufgeheizt und vergiftet. Grenzenlose Gier treibt gewissenlose Menschen an, den Planeten immer schneller zu ruinieren. Die Ursachen sind vielfältig, *eine Lösung gibt es nicht.* Wir werden den Problemen, gleich welcher Art, immer hinterher laufen, immer einen Schritt zu weit hinten sein. Wenn die Menschheit nicht sehr kurzfristig zu einer anderen Bewusstseinsebene aufsteigt, ist hier auf der Erde sehr bald Armaggedon und danach Wüste. Viel zu selten wird einem klar, wie gut man es hier (noch) hat.
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