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31. Oktober 2011, 16:19 Uhr

Milliarden-Kontinent Afrika

Musterland Ruanda bekämpft die Überbevölkerung

Von , Nairobi

Afrikas Bevölkerung explodiert, 1,2 Milliarden Menschen leben auf dem Kontinent - Tendenz rasant steigend. Die Folgen sind dramatisch: Hunger, Armut, Umweltzerstörung. Nun steuern Regierungen verzweifelt gegen. Als Musterbeispiel gilt das ehemalige Bürgerkriegsland Ruanda.

Der Fortschritt heißt Domitille Mushimimana, ist 47 Jahre alt, Bauersfrau und Mutter. Domitille wohnt im Dörfchen Gafunzo im Süden von Ruanda. Sie hat sieben Kinder im Alter von 8 bis 24 Jahren. Das ist ein guter Durchschnitt in Ruanda, aber eigentlich zu viel, um alle Kinder auch ausreichend ernähren, versorgen und ausbilden zu können. "Ich werde meinen Kindern sehr raten, weniger Nachwuchs in die Welt zu setzen", sagt Bäuerin Mushimimana.

Der Fortschritt und Frauen wie Domitille Mushimimana sind noch die Ausnahme in Afrika, zumindest was das Bevölkerungswachstum und Familienplanung angehen. Nirgendwo auf der Welt vermehren sich die Menschen so schnell wie zwischen Kairo und Kapstadt. 1,2 Milliarden Menschen bevölkern inzwischen den Kontinent, davon sind rund 70 Prozent unter 25 Jahre alt.

Die Prognosen sind beängstigend: In Uganda, heute rund 34 Millionen Einwohner stark, erwartet die Regierung 2030 bereits 55 Millionen und 2050 sagenhafte 130 Millionen Menschen.

Für Nigeria gibt es Uno-Prognosen, die die Zahl der Einwohner von derzeit 160 Millionen bis zum Jahr 2100 auf 730 Millionen anwachsen sehen. Eine britische Studie aus dem vergangenen Jahr prophezeite dem Land bereits ein "demographisches Desaster".

Im Wüstenstaat Niger liegt die durchschnittliche Kinderzahl bei 7,1, im kleinen Burundi bei 6,8 und selbst im fortschrittlichen Kenia immer noch bei nahezu fünf Kindern pro Frau.

Überall fehlt es an Energie und zunehmend auch an Nahrung

Vor wenigen Jahren noch war das Problem Bevölkerungszuwachs für die afrikanischen Regierungen ein Nicht-Thema. Staatenlenker wie Yoweri Museveni in Uganda propagierten fröhliches Wachstum - schließlich hätten sich auch die britischen Ex-Kolonialherren seit dem 19. Jahrhundert kräftig vermehrt. Mit beträchtlichem wirtschaftlichem Erfolg, wie man schließlich wisse.

Auch in Kenia gibt es noch ungebrochene Anhänger einer rasch wachsenden Kopfzahl: "Die Vorstellung eines dynamischen Kenia mit 85 Millionen Menschen ist eine, die wir begrüßen sollten", verkündete erst kürzlich ein Richter des Obersten Gerichtshofes. Und in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung "Daily Nation" hieß es: "Eine geringere Fruchtbarkeit mag die Ökonomie eines weniger entwickelten Landes anfänglich beflügeln, weil dadurch, dass es weniger Kinder gibt, Ressourcen freigesetzt werden, aber langfristig wären die Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung desaströs."

Vermutlich wäre im Falle von Kenia schon viel gewonnen, wenn die Bevölkerung nur noch langsam wachsen würde. Doch generell sind die Probleme in vielen Ländern inzwischen so dramatisch geworden, dass sie nicht mehr zu ignorieren sind. Der tropische Regenwald, der sich vor 200 Jahren noch in einem breiten Gürtel vom Kongo bis zum Indischen Ozean hinzog, ist in Kenia und Uganda abgeholzt. In Kenia steht noch ein karger Rest von rund hundert Quadratkilometern, Uganda will gerade ein Drittel seines geschützten Mabira-Waldes für eine Zuckerplantage opfern.

Überall fallen die Bäume, weil in Schwarzafrika noch immer 70 Prozent der Energie mit Holzkohle erzeugt wird. Überall kommen die Regierungen nicht mehr mit dem Bau von Straßen, Krankenhäusern und Schulen nach, überall fehlt es an Energie und zunehmend auch an Nahrung - nicht zuletzt wegen des rapiden Bevölkerungswachstums.

"Zeitbombe" mit Millionen von arbeitslosen Jugendlichen

Malawi ist eines der wenigen Länder, in denen die Regierung zumindest ein Problembewusstsein entwickelt hat. Bei einer Veranstaltung der US-Botschaft vor einiger Zeit wurden erschreckende Zahlen erörtert: Bis 2040 muss das Land 6000 zusätzliche Grundschulen bereitstellen, im Gesundheitsbereich werden über 10.000 zusätzliche Krankenschwestern benötigt. Heute muss ein Hektar nutzbaren Landes in Malawi 500 Menschen ernähren, 2040 werden es rund 1400 sein. Die Steigerung ist kaum zu realisieren, nachdem sich die Produktivität der Landwirtschaft in Schwarzafrika in den vergangenen 30 Jahren so gut wie nicht verbessert hat.

Und in den meisten Ländern, so dämmert es allmählich aufgeschlosseneren Politikern, braucht es über Jahre ein zweistelliges Wirtschaftswachstum, um den Bevölkerungszuwachs zu kompensieren und zudem Wohlstandsfortschritte zu erzielen.

Allein in Uganda, so rechnete im vergangenen Jahr Finanzminister Aston Kajara vor, müsste das jährliche Wirtschaftswachstum auf rund elf Prozent ansteigen, um die rasant wachsenden Bedürfnisse abzudecken. Tatsächlich lag das Wachstum im vergangenen Jahr nur bei 4,5 Prozent.

Die britische Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, wonach die Länder Ostafrikas immer weniger in der Lage sein werden, sich selbst zu versorgen. Demnach werde die Bevölkerung bis 2031 um 50 Prozent wachsen, die Maisproduktion aber nur um 30 Prozent.

"Wir wollen ein besseres Leben für unsere Einwohner"

Vor einer "Zeitbombe" mit Millionen von arbeitslosen Jugendlichen warnte die kenianische Tageszeitung "Star" und vor der "unzufriedensten Jugend, die wir jemals hatten".

"All die gute Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit bleibt erfolglos, wenn das Bevölkerungswachstum weiter anhält", sagt auch Ulrike Neubert von der Stiftung Weltbevölkerung. Vor allem bei Jugendlichen versucht die Stiftung, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Neubert: "Das Bevölkerungswachstum ist eine der größten Herausforderungen für die Entwicklung der armen Länder."

Immerhin, es gibt auch Licht am Ende des Tunnels, zum Beispiel in Ruanda. Keine Regierung in Afrika geht die Herausforderung so energisch an wie das "Land der tausendHügel". Nirgendwo ist allerdings auch der Handlungsdruck so hoch. Vor dem Genozid 1994 lebten acht Millionen Menschen im Land, danach sieben Millionen, und heute sind es bereits elf Millionen.

"Wir haben eine Vision", sagt Gesundheitsministerin Agnes Binagwaho in ihrem Büro hoch über Kigali. "Wir wollen ein besseres Leben für unsere Einwohner, wir wollen bessere Schulen, bessere Krankenhäuser, bessere Straßen." Diese Vision allerdings sei mit Familien mit durchschnittlich fünf oder mehr Kindern kaum zu verwirklichen.

Also haben die Ruander immens in das Bildungs-, vor allem aber in ihr Gesundheitswesen investiert. Sie haben Kranken- und Servicestationen im ganzen Land aufgebaut, die Familienplanung in jedes Beratungsgespräch integriert, Berater ausgebildet, die von Tür zu Tür gehen und Hilfe anbieten, oder sämtliche Gesundheitszentren ans Internet angebunden.

Außerdem: Jeder Distriktchef - es gibt 30 im ganzen Land - muss einmal im Jahr persönlich dem Präsidenten einen Fortschrittsbericht abliefern und dabei auch vortragen, wie sich Mutter- und Kindersterblichkeit, Geburtenrate und der Einsatz von Verhütungsmitteln entwickelt haben.

Die Lebenserwartung der Ruander ist deutlich gestiegen

"Es gibt kein Land in Afrika, das die Familienplanung so ernst nimmt", sagt auch Elisabeth Girrbach, Sektor-Koordinatorin der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit, die das ruandische Gesundheitssystem in fünf Distrikten unterstützt. Es scheint gut investierte Hilfe zu sein, Girrbach sagt jedenfalls: "Die Nutzung der Gesundheitszentren samt ihrer Beratungsangebote ist erstaunlich hoch."

Die nüchternen Zahlen belegen es: Die Lebenserwartung der Ruander ist deutlich gestiegen, die Kindersterblichkeit deutlich gefallen, der Einsatz von Verhütungsmitteln so hoch wie kaum irgendwo sonst in Afrika, die durchschnittliche Kinderzahl von noch 6,1 im Jahr 2005 auf 4,6 (2010) gesunken.

Das alles reicht der ruandischen Regierung aber noch nicht. Nur 45 Prozent der Ruander greifen auf Verhütungsmittel zurück, "im Jahr 2015 wollen wir bei 75 Prozent sein", sagt die Gesundheitsministerin fröhlich.

Die Bauersfrau Domitille Mushimimana jedenfalls hat die neue Zeitrechnung verstanden. Sieben Kinder würde sie nicht mehr in die Welt setzen: "Selbst drei Kinder sind schon eine Herausforderung und vielleicht manchmal zu viel."

So weit wie Ruanda sind jedoch die wenigsten Länder in Afrika. Wenn Entwicklungsexpertin Ulrike Neubert versucht, das Thema mit kenianischen Politikern zu problematisieren, stößt sie häufig immer noch auf völliges Unverständnis: "Die halten einem dann entgegen: 'Ihr wollt wohl, dass wir weniger werden...' "

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