Milosevic-Prozess Anklage zeigt schockierende Videos aus Internierungslagern

Um die Vorwürfe gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Milosevic zu untermauern, hat die Anklage in Den Haag begonnen, Videos aus bosnischen Gefangenenlagern zu zeigen. Wann der Angeklagte zu Wort kommen wird, steht noch nicht fest.


Angeklagter Milosevic in Den Haag: Kann ihm Chefanklägerin Del Ponte die Verwantwortung für Gräueltaten auf dem Balkan nachweisen?
AFP

Angeklagter Milosevic in Den Haag: Kann ihm Chefanklägerin Del Ponte die Verwantwortung für Gräueltaten auf dem Balkan nachweisen?

Den Haag - Die Anklage des Kriegsverbrecher-Tribunals zeigte Bilder von abgemagerten und verängstigten Insassen des Lagers in Trnopolje aus dem Jahr 1992 und erklärte, in zahlreichen ähnlichen Lagern seien Häftlinge gefoltert und ermordet worden. Milosevic werden Völkermord, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

Die Gefangenen in Trnopolje, Omarska und Keraterm im Osten Bosniens seien ausgehungert, geschlagen und sexuell missbraucht worden, erklärten die Vertreter der Anklage. Ihre Leichen seien in Massengräbern verscharrt worden.

Die Aufnahmen hatten zu Beginn der neunziger Jahre einen internationalen Aufschrei ausgelöst und führten schließlich 1993 zur Gründung des Uno-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien. Laut der Anklage waren die Lager Teil einer Kampagne, um Nicht-Serben aus großen Teilen Kroatiens, Bosniens und des Kosovo zu vertreiben.

Da die erste Stellungnahme der Anklage länger dauerte als ursprünglich geplant, war nicht klar, ob Milosevic wie vorgesehen am Mittwoch erstmals Gelegenheit zu einer Antwort bekommen würde. Er hat bereits erklärt, dass er das Gericht nicht anerkennt.

Er lehnte es ab, Verteidiger zu benennen, und wird sich selbst vor Gericht vertreten. Dem Vernehmen nach will er sich um die Vorladung zahlreicher ehemaliger und gegenwärtiger Staats- und Regierungschefs bemühen, darunter den früheren US-Präsidenten Bill Clinton.

Insgesamt liegen 66 Einzelklagen gegen Milosevic vor. Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte will in dem vermutlich zwei Jahre dauernden Prozess rund 300 Zeugen aufrufen, darunter den kosovo-albanischen Politiker Ibrahim Rugova und den früheren Leiter der OSZE-Mission im Kosovo, William Walker.

Barbarei und Grausamkeit

Del Ponte hatte am Dienstag erklärt, Milosevic stehe wegen Verbrechen "von mittelalterlicher Barbarei und kalkulierter Grausamkeit" vor Gericht. Angetrieben von seinem Machtwillen habe er seine Ziele zum Preis unsäglichen Leids seiner Gegner verfolgt.

Im Oktober 2000 war Milosevic gestürzt worden. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde er 2001 an das Uno-Tribunal in Den Haag überstellt.



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