Minderheit in Pakistan Zufällig deutsch

Viele Probleme bei der Integration sind hausgemacht: Jedes Kind mit einem deutschen Elternteil bekommt die Staatsbürgerschaft. Doch so wächst im Ausland eine deutsche Minderheit heran, die außer ihrem Reisepass keinen Bezug zu Deutschland hat - zum Beispiel in Pakistan.

Asif Akram packt einen dicken Stapel Papier in seine Aktentasche. Es sind Unterlagen, die er kopiert hat, damit seine drei Kinder den deutschen Pass bekommen. Demnächst wird er aus seiner Heimatstadt Lahore nach Islamabad fahren, vier, fünf Stunden mit dem Bus, er wird sich in die Schlange einreihen vor der deutschen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt.

Er wird Geburtsurkunden einreichen, Lebensläufe, einen Brief, in dem er seine Zeit in Deutschland schildert, wie er dort selbst Deutscher wurde. Sie werden von ihm einen Nachweis der Vaterschaft verlangen. "Kein Problem", sagt Akram, "ich bin ja der Vater." Und dann wird er wieder zurückfahren nach Lahore, wieder vier, fünf Stunden im Bus. Nach ein paar Wochen oder Monaten wird er einen Anruf erhalten, sie werden ihm sagen, dass er die bordeauxroten Pässe für seine Kinder abholen kann.

Damit sind auch sie jetzt offiziell Deutsche. Aber warum das alles?

"Ich will die Pässe nur als Rückversicherung", sagt er. Für den Fall, dass es in Pakistan einmal kracht und er sich und seine Familie in Sicherheit bringen will.

Pakistan

Asif Akram und seine Kinder gehören zur wachsenden Gemeinde der deutschen Minderheit in . Es ist eine Gruppe, die sich erst in den vergangenen dreißig Jahren gebildet hat, seit immer mehr Pakistaner ihr Lebensglück in Deutschland gesucht, dort aber nicht gefunden haben. Eine Gruppe von Rückkehrern, die, wie man im Auswärtigen Amt in Berlin mit Erschrecken feststellt, "kaum oder gar keinen soziokulturellen Bezug zu Deutschland hat und kaum ein Wort Deutsch spricht". Im Gegenteil, diese Menschen seien fest in der pakistanischen Gesellschaft integriert. "Deren einziger Bezug zur Bundesrepublik ist der Besitz eines deutschen Passes", sagt ein Beamter.

Zwar fehlen Daten über die Größe dieser Gruppe, aber Experten in Außen- und Innenministerium gehen davon aus, dass sie in etwa so stark wächst wie die gesamte pakistanische Bevölkerung. Im Schnitt bekommt eine pakistanische Frau vier Kinder, der Altersdurchschnitt der Bevölkerung liegt bei knapp über 18 Jahren. Durch das Abstammungsrecht - ein deutscher Elternteil gibt seine Staatsangehörigkeit weiter - wird also auch diese deutsche Minderheit immer größer. Auf "ein paar tausend Leute" schätzt sie ein Ministerialbeamter in Berlin, die deutsche Vertretung in Islamabad gibt an, dass 95 Prozent aller Passanträge von Deutschen mit pakistanischem Hintergrund kommen.

Asif Akram hat nichts anderes getan als die Möglichkeiten zu nutzen, die die deutschen Gesetze ihm bieten. Trotzdem hat er Angst, Wut auf sich zu ziehen in dieser aufgeheizten Integrationsdebatte in Deutschland. Er heißt in Wirklichkeit nicht Asif Akram, zu seinem Schutz hat er um ein Pseudonym gebeten.

Akram ist ein Deutscher, wie ihn sich Thilo Sarrazin nicht wünscht: Er spricht nur ein paar Brocken Deutsch, er zahlt nicht in die deutschen Sozialkassen ein, mit deutscher Kultur hat er nichts am Hut.

Akram kam 2001 nach Deutschland - als Asylbewerber

Der Mann war im Jahr 2001 als Asylbewerber nach Deutschland gereist, hatte dort eine deutsche Frau kennengelernt, kurze Zeit später heirateten sie. Der Verdacht der Behörden, es handele sich um eine Scheinehe, um Akram einen langfristigen Aufenthalt zu ermöglichen, bestätigte sich nicht. Das Gesetz sieht vor, dass ein Ausländer, der drei Jahre lang legal in Deutschland gelebt hat und dessen Ehe mit einem deutschen Partner seit zwei Jahren besteht, einen Antrag auf eine Einbürgerung stellen kann. Dem ist stattzugeben, wenn nicht schwerwiegende Gründe dagegen sprechen.

Ohne Ehe hat seit der Reform der Zuwanderungs- und Staatsangehörigkeitsgesetze 1999 durch Rot-Grün jeder Ausländer nach acht Jahren rechtmäßigem Aufenthalt in Deutschland einen Anspruch auf Einbürgerung - vorausgesetzt, er hat keine Straftaten begangen, ist nicht Mitglied einer extremistischen Organisationen und nimmt nicht selbstverschuldet Sozialleistungen in Anspruch. Wer an einem Integrationskurs teilnimmt, kann die Frist auf sieben Jahre verkürzen. Die FDP will diese Zeit auf vier Jahre reduzieren und damit "Offenheit und Aufnahmewillen" signalisieren.

Die deutschen Behörden gaben dem Einbürgerungsantrag von Akram statt. Die Ehe hielt knapp drei Jahre, der Mann kehrte nach der Scheidung zurück nach Pakistan, zurück zu seiner ersten Frau. Ob er tatsächlich von ihr geschieden war? Akram sagt: "Wir sind jetzt wieder zusammen."

Seither sind aus dieser Beziehung drei Kinder hervorgegangen, allesamt in Lahore geboren - und nach geltendem Recht deutsche Staatsbürger, da ein Elternteil deutscher Staatsbürger ist. Alle seine Kinder haben Anspruch auf einen deutschen Pass, auch seine Enkelkinder, die allerdings nur, wenn sie in Deutschland geboren werden - denn ausnahmsweise erwirbt das Kind eines Deutschen die Staatsbürgerschaft nur dann nicht, wenn der deutsche Elternteil nach dem 1. Januar 2000 selbst im Ausland geboren wurde und weiterhin dort lebt.

Eine Lücke im Gesetz - und ein politisches Instrument

Akram hat weder Dokumente gefälscht noch hat er einen Schleuser genutzt, er war ja nicht einmal illegal in Deutschland. Ihm hat genützt, dass das Staatsbürgerschaftsrecht trotz hoher Scheidungsraten in der Ehe noch immer eine unerschütterliche, dauerhafte Institution sieht, die allein den Erwerb der Staatsbürgerschaft rechtfertigt. Hat Akram sich schuldig gemacht, weil er die Möglichkeiten dieser Gesetze ausgeschöpft hat?

"Wir haben überhaupt nichts gegen diese Menschen", sagt der Beamte aus dem Innenministerium. "Wir wundern uns nur, wenn die Politik solche Gesetzeslücken lässt und sich anschließend darüber beschwert, dass Integration nicht so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat." Die rot-grüne Bundesregierung, findet der Beamte, habe " zum Ziel" gehabt, aber herausgekommen sei, wie die aktuelle Debatte zeige, "vor allem Frust und Ärger".

Akram sagt, er habe derzeit nicht vor, nach Deutschland zu ziehen. Von Freunden in Deutschland bekomme er mit, wie aufgeheizt die Stimmung derzeit sei und wie schwer es muslimische Einwanderer derzeit hätten.

Das Staatsbürgerschaftsrecht ist ein politisches Instrument

Bis zum Jahr 2000 war der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft zwar wesentlich eingeschränkter und konzentrierte sich auf einen Personenkreis, der eine deutsche Abstammung nachweisen konnte, zum Beispiel die Russlanddeutschen.

"Aber jetzt gibt es ein Bevölkerungsproblem", sagt der auf Ausländerrecht spezialisierte Rechtsanwalt Alexandros Kakridas aus Kronberg. "Der demografische Wandel wirkt sich auf die Renten- und Sozialkassen aus. Das Staatsbürgerschaftsrecht ist ja auch ein politisches Instrument, und das nutzt man seit einigen Jahren, um einem größeren Personenkreis die deutsche Staatsbürgerschaft zu ermöglichen."

Natürlich könne dieses Privileg, wie jedes andere auch, missbraucht werden. Aber hat Akram das Recht missbraucht? "Es kann einen niemand daran hindern, sich nach Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft scheiden zu lassen und in das Ursprungsland zurückzukehren", sagt Kakridas.

Seine pakistanische Frau, sagt Akram, solle auch Deutsche werden. Dazu allerdings müsste er nach jetziger Rechtslage mit seiner Familie nach Deutschland ziehen - dann hätte seine Frau Anspruch auf "Familienzusammenführung", wie es bürokratisch heißt. Sie müsste Deutschkenntnisse nachweisen, die sie sich in einem Kurs in Pakistan aneignen könnte.

Unüblich scheinen solche Fälle nicht zu sein. Die deutsche Botschaft sucht gerade einen Mitarbeiter, "für die Passstelle der Rechts- und Konsularabteilung auf Vollzeitbasis", heißt es in der Stellenausschreibung. Der künftige Angestellte soll sich vor allem um eben jene Fälle von Familienzusammenführung kümmern.

Deshalb soll er neben sehr guten Deutsch- und Englischkenntnissen auch Urdu und Punjabi können. Damit ihn alle Deutschen auch wirklich verstehen.

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