Misshandlungsvorwürfe Mehr als 25 Tote in US-Militärgefangenschaft

In Irak und Afghanistan wurden nach Ermittlungen der US-Armee mindestens 26 Häftlinge seit 2002 getötet. Ein Pentagon-Bericht ging vergangene Woche noch von nur sechs Fällen aus, in denen Gefangene durch Misshandlungen von US-Soldaten gestorben seien.


US-Soldaten mit Gefangenen: Mindestens 26 Häftlinge getötet
AP

US-Soldaten mit Gefangenen: Mindestens 26 Häftlinge getötet

Washington - Die Zahl der vermuteten und bestätigten Todesfälle von Gefangenen sei viel höher, als die US-Armee bisher zugegeben habe, berichtet die "New York Times" heute. Einer aktuellen Untersuchung der US-Armee und Marine zufolge starben seit 2002 insgesamt 26 Häftlinge in amerikanischer Gefangenschaft. 18 Fälle wurden nach dem Armeebericht zur Strafverfolgung weitergeleitet. In weiteren acht Fällen dauern die Untersuchungen noch an, sagten Vertreter der Armee und Marine gegenüber der Zeitung.

In einem Bericht, den das Pentagon in der vergangenen Woche an den Kongress geschickt hat, war von sechs Todesfällen durch Misshandlungen die Rede. Die Anzahl war darin auf "abgeschlossene, gesicherte Missbrauchs-Fälle" reduziert, berichtet die Zeitung heute. Der Autor des Dokuments, Vizeadmiral Albert T. Church, schlussfolgerte daraus, dass der Missbrauch von Gefangenen in Irak und Afghanistan lediglich ein Resultat fehlender Disziplin und irreführender Befehle gewesen sei. Er bezog sich aber in seinem Bericht nur auf Daten bis zum September letzten Jahres.

Lediglich einer der 26 Todesfälle ereignete sich laut "New York Times" in dem berüchtigten irakischen Gefängnis Abu Ghureib. Das sei ein Zeichen dafür, dass sich ein großer Teil der Gewalt außerhalb der Gefängnismauern abspielte, schreibt das Blatt weiter. Es widerspreche auch dem Eindruck, dass sich das Fehlverhalten nur auf eine kleine Zahl von Militärpolizisten beschränke. In mindestens vier Fällen, die zurzeit im Justiz-Ministerium geprüft werden, sollen Mitarbeiter der CIA verstrickt gewesen sein. Wegen eines Mordes in Afghanistan im Juni 2003 muss ein CIA-Mitarbeiter jetzt vor Gericht.

Menschenrechtsorganisationen äußerten sich gegenüber der "New York Times" bestürzt über die Zahl der Todesfälle und forderten eine umfangreiche Untersuchung. Der Pentagon-Sprecher Lawrence Di Rita versicherte, dass Militär-Behörden jeden Fall energisch verfolgen würden. Nach seinen Angaben sollen die amerikanischen Truppen in den letzten drei Jahren rund 50.000 Häftlinge in Irak und Afghanistan gefangen gehalten haben. Mindestens acht US-Soldaten sind bisher im Zusammenhang mit dem Tod von Häftlingen verurteilt worden. 13 weitere Soldaten werden jetzt angeklagt, sagten Vertreter der Armee. In einigen Fällen, wie bei dem Tod eines Irakers in Abu Ghureib im November 2003, kamen viele der Angeklagten mit kleineren Strafen davon. Weder ihre Namen noch ihre Bestrafungen wurden veröffentlicht.

Insgesamt seien 68 Untersuchungen zu Todesfällen mit 79 Opfern bis Februar diesen Jahres eingeleitet worden, sagte Pamela Hart, eine Sprecherin der US-Armee gegenüber der "New York Times".



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