Migrantenkinder in den USA Schwere Vorwürfe gegen Betreiber von Notunterkünften

Was passiert mit den Kindern, die illegal in die USA reisen? Einige werden in private Unterkünfte gebracht, für die der Staat viel Geld bezahlt. Doch dort sollen mitunter brutale Zustände herrschen.
Kinder vor der Notunterkunft Casa Padre in Brownsville, Texas

Kinder vor der Notunterkunft Casa Padre in Brownsville, Texas

Foto: LOREN ELLIOTT/ REUTERS

Die Bilder gingen um die Welt: Das weinende Mädchen, die in Käfige eingesperrten Kinder. Wochenlang haben die US-Behörden an der Grenze zu Mexiko illegal eingereiste Familien getrennt. Für die Regierung von Donald Trump war das Teil einer verschärften Einwanderungspolitik - für die Betroffenen oft eine Qual. Für die Anbieter von Betreuungsplätzen hingegen geht es um viel Geld.

Denn in den Unterkünften der US-Grenzschutzbehörde CBP dürfen die Kinder und Jugendlichen maximal drei Tage bleiben. Danach muss das Office of Refugee Resettlement (ORR), eine Abteilung des US-Gesundheitsministeriums, eine andere Unterbringung für sie finden.

Für diesen Zweck finanziert die Behörde rund hundert Unterkünfte in mindestens 17 US-Bundesstaaten, die von mehr als 70 privaten oder religiösen Non-Profit-Organisationen betrieben werden. Dort sind in der Vergangenheit vor allem unbegleitete Migrantenkinder gelandet. Doch seit die Trump-Regierung mit aller Härte gegen Migranten vorgeht, ist der Bedarf an Notunterkünften gestiegen.

Der US-Präsident hatte die Familientrennungen nach dem öffentlichen Aufschrei zwar beendet und per Dekret angeordnet, die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern zu inhaftieren. Doch die Regelung gilt nicht rückwirkend, ein Plan für eine Zusammenführung der bereits getrennten Familien fehlt. Mehr als 2300 Kinder waren bislang betroffen. Inzwischen sollen etwa 500 von ihnen wieder bei ihren Eltern sein, heißt es.

Zwei Monate Notunterkunft - ohne Eltern

Im Schnitt bleiben die Kinder nach Angaben der Behörde knapp zwei Monate lang in einer der staatlich finanzierten Unterkünfte, bevor sie zu Verwandten oder Pflegefamilien kommen.

Allerdings: Es gibt Hinweise darauf, dass einige der Kinder dort unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. Einem Bericht der Non-Profit-Rechercheorganisationen "Texas Tribune" und "Reveal" zufolge werden 13 Betreibern solcher Unterkünfte teils schwere Verstöße vorgeworfen . Betreiber, die seit 2014 insgesamt ungefähr 1,5 Milliarden Dollar vom Staat erhalten haben sollen.

In vielen privat geführten Unterkünften haben staatliche Inspekteure den Angaben zufolge wiederholt Missstände moniert. Mitunter sollen die Kinder medizinisch schlecht versorgt sein, die Rede ist zudem von Misshandlungen und sexuell motivierten Übergriffen.

Manche der Vorwürfe beziehen sich auf Vorfälle in den vergangenen Monaten, andere sollen sich in den Neunzigerjahren ereignet haben - also bevor das Gesundheitsministerium die Non-Profit-Organisationen finanzierte. Die Reporter berufen sich bei ihren Recherchen auf Regierungsunterlagen und andere Aufzeichnungen.

"Da war ein Mann, der mich geschlagen hat"

Da wäre zum Beispiel das Shiloh Treatment Center im ländlichen Manvel in Texas. Seit 2013 fördert der Staat die Einrichtung mit mehr als 25 Millionen Dollar. 2001 soll dort eine 16-Jährige in der Einrichtung gestorben sein, nachdem Mitarbeiter sie gewaltsam festhielten. Seitdem habe es immer wieder Vorwürfe von Kindesmisshandlungen gegeben.

Eines der Kinder war demnach der neunjährige Sohn einer Asylbewerberin aus Honduras. Er sei wegen mutmaßlicher psychischer Probleme nach Shiloh gekommen. Seine Mutter wirft dem Personal laut "Texas Tribune" und "Reveal"  vor, den Jungen gegen ihren Willen Psychopharmaka verabreicht und körperlich misshandelt zu haben. "Da war ein Mann, der mich geschlagen hat", habe das Kind gesagt. Nach einem Gerichtsverfahren wurde der Junge im April entlassen.

In einer anderen Einrichtung in Texas sollen Betreuer einem Mädchen ein Medikament gegeben haben, gegen das es allergisch war, obwohl dies auf seinem Notfallarmband vermerkt war. Außerdem soll es Fälle von "unangemessenem Kontakt" zwischen Kindern und Personal gegeben haben.

458 Millionen Dollar - 246 Missstände

Eine Erzieherin in einer Unterkunft in Florida wurde 2017 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatte gestanden, mit Minderjährigen explizite sexuelle Fotos und SMS ausgetauscht zu haben. Der Bericht von "Texas Tribune" und "Reveal" konstatiert, dass Inspekteure allein in Texas - dem Bundesstaat mit den meisten privaten, staatlich bezuschussten Unterkünften - insgesamt mehr als 400 Mängel gemeldet hätten.

Ein Großteil der Vorwürfe richtet sich demnach gegen die Non-Profit-Organisation Southwest Key Programs. Sie ist der wichtigste Vertragspartner der Behörden , erhält von ihnen im Fiskaljahr 2018 mehr als 458 Millionen Dollar. Dem US-Radiosender NPR zufolge  betreibt Southwest Key insgesamt 26 Unterkünfte für die US-Regierung, 16 davon in Texas. Hier fanden die staatlichen Inspektoren laut "Texas Tribune" und "Reveal" 246 Missstände.

Auch die Nachrichtenagentur AP berichtete über Misshandlungsvorwürfe von minderjährigen Migranten gegen ihre Betreuer. Im Shenandoah Valley Juvenile Center in Virginia sollen mehrere Kinder gefesselt, geschlagen und eingesperrt worden sein.

Betreiber bekommen unter neuem Namen wieder Aufträge

Vor Konsequenzen müssen sich die Betreiber kaum fürchten. Nur in zwei Fällen wurden die Verträge dem Bericht zufolge nicht erneuert. Allerdings ist es offenbar übliche Praxis, von Vorwürfen betroffene Unterkünfte unter neuem Namen wieder zu eröffnen. 2013 musste die Lutheran Social Services of the South nach dem Tod eines Babys in einer Pflegestelle in Cedar Park ihre Arbeit einstellen.

Die Organisation benannte sich daraufhin in "Upbring" um und durfte unter strengeren Auflagen wieder Kinder aufnehmen. Von 2015 bis 2018 äußerten staatliche Inspekteure erneut Bedenken.

Präsidentengattin Melania Trump besuchte am Donnerstag unter anderem eine von Upbring betriebene Unterkunft in Texas. Die Vorwürfe gegen die Organisation waren dabei wohl kein Thema.

Auch die Notunterkunft in Florida, deren Mitarbeiterin zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, stellte im April 2017 zunächst den Betrieb ein. Im Februar 2018 wurde sie wieder eröffnet. Die Betreiber hatten mit den Behörden einen Vertrag über mehr als 30 Millionen Dollar unterzeichnet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.