Romneys Europa-Tour Reise in den Sozialismus

Schluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen.

Mitt Romney: "Europa? Zum Teufel!"
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Mitt Romney: "Europa? Zum Teufel!"

Von , Washington


Ach, Europa. Wieder und wieder hat Mitt Romney in den vergangenen Monaten über das Unglück des alten Kontinents gesprochen. "Zum Teufel", hat der Präsidentschaftskandidat gerufen, "Europa funktioniert nicht mal in Europa!" Und der Präsident? Barack Obama hole sich Rat bei den Europäern, "er will uns zu einer Nation der Leistungsempfänger machen".

So munter ging es zu während des Vorwahlkampfs der Republikaner. Auf Veranstaltungen, wo sie Obama für einen Sozialisten halten, also quasi einen Europäer. Der Kandidat Romney indes ließ keinen Zweifel daran, dass er keineswegs gedenkt, sich und Amerika in den Strudel des untergehenden Abendlands hineinziehen zu lassen.

An diesem Mittwoch aber macht ausgerechnet Mitt Romney rüber in den Sozialismus. Der Kandidat startet zu einer Sechs-Tage-Tour nach Europa, besucht die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London, reist weiter nach Israel und Polen. Ursprünglich hatte Romney auch einen Besuch in Deutschland geplant, sich dann aber dagegen entschieden. Die angeschlagene Euro-Zone wird er somit nicht betreten.

Geschäftsmann Romney muss zeigen, dass er Außenpolitik kann

Hintergrund des Trips: Der Geschäftsmann Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Es ist ein Feld, auf dem er in Umfragen bisher nicht an die Werte von Amtsinhaber Obama herankommt. Der genießt dort insbesondere seit der erfolgreichen Jagd auf Terror-Fürst Osama Bin Laden Zustimmung. Laut einer CBS-Erhebung sagen 47 Prozent der Befragten, Obama sei in der Außenpolitik besser als Romney; der Republikaner kommt nur auf 40 Prozent Zustimmung.

Und wofür steht Romney eigentlich? Neben stetem Europa-Bashing ist er mit Verbal-Attacken auf Chinesen und Russen aufgefallen. Das rote Riesenreich nannte er einen Währungsmanipulator; Russland "ohne Frage unseren geopolitischen Gegner Nummer eins". Gegen Irans Mullah-Regime fordert er eine härtere Linie, Obama wirft er vor, Israel zu "opfern". Den US-Militärhaushalt will er aufstocken, 100.000 zusätzliche Soldaten rekrutieren. Die Festlegung auf 2014 als Jahr des Abzugs aus Afghanistan hat er stets kritisiert.

So schaut man jetzt gespannt auf Romneys Europa-Tournee. Nicht wenige Republikaner-Strategen sind besorgt: Warum überlässt der Kandidat eine ganze Woche Obama das Feld im Inland? Der nämlich ist just auf Wahlkampftour an der Westküste. Und warum verschiebt Romney damit selbst den Fokus? Weg von der Wirtschaftspolitik, dem Bereich, in dem er doch höhere Zustimmungswerte hat als der Präsident?

Die Spiele in London als Wahlkampfvorlage

Andererseits: Wenn es gut läuft, kann sich Romney seinen Landsleuten in Übersee als Staatsmann zeigen, als einer, der sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Zudem sind die Olympischen Spiele in London eine denkbar gute Wahlkampfvorlage für den Mann, der die Winterspiele von Salt Lake City im Jahr 2002 erfolgreich zu managen wusste.

Kurz vor seinem Abflug nach Europa - bei einem Treffen von US-Veteranen in Nevada - versuchte Romney, außenpolitische Duftmarken zu setzen. Die Form: harsche Kritik am Präsidenten. Dem Weißen Haus unterstellte er, Informationen über Obamas Schattenkriege, etwa den Cyber-Krieg gegen Iran, an die Medien durchsickern zu lassen. Damit würde das Leben amerikanischer Soldaten für "politische Gewinne" riskiert.

Obamas Umgang mit Israel - "einen unserer erlesensten Freunde" - bezeichnete Romney als schäbig. Und natürlich Iran: "Es gibt heute keine größere Gefahr in der Welt als die Aussicht darauf, dass Teherans Ajatollahs Atomwaffen herstellen könnten." Aber konkrete Gegenvorschläge zu Obamas Sanktionspolitik gegen das Mullah-Regime? Blieb Romney schuldig.

Team Obama wiederum reagiert hart, attackiert Romney im Vorfeld seiner Reise wegen dessen unklarer Äußerungen in Sachen Afghanistan-Abzug. Immer im Blick der Wahlkämpfer: die kriegsmüde Bevölkerung. Obama selbst stellte fest: "Wenn man Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, dann schuldet man den Truppen und dem Land einen Plan. Das bedeutet auch zu erkennen, wie man Kriege nicht nur beginnt, sondern sie auch wieder beendet."

Zeitgleich ließ er ein Wahlwerbevideo veröffentlichen, das ihn zeigt, wie er die aus dem Irak heimkehrenden Truppen willkommen heißt: "Präsident Obama hat sein Versprechen gehalten", lautet der Sprechertext. Und seine Berater vergessen dieser Tage nicht zu erwähnen, dass der Präsident im Falle eines Wahlsiegs Israel selbstverständlich einen Besuch abstatten werde.

Dennoch: Dass Obamas Leute derart heftig auf Romneys Europa-Tour reagieren, zeigt die Sorge, der Herausforderer könnte in Übersee Punkte sammeln und sich als Staatsmann inszenieren: Wahlkampf in England, Israel, Polen statt in Ohio, Virginia und Florida. Obama weiß nur zu gut, welche Wirkung ein solcher Auslandstrip entfalten kann. Schließlich hat er dieses Instrument vor vier Jahren selbst im Wahlkampf eingesetzt.

Obama sprach vor 200.000 in Berlin. Und Romney?

Unter anderem reiste Obama 2008 nach Deutschland, sprach vor mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule. So wirkte er seinem Image als außenpolitischer Novize entgegen. Romney nun wird unter anderem Briten-Premier David Cameron und Israels Staatschef Schimon Peres sowie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu treffen, in Polen ist ein Treffen mit dem früheren Arbeiterführer Lech Walesa geplant. Mit Netanjahu hat Romney schon in den siebziger Jahren als Unternehmensberater in den USA zusammengearbeitet.

Und die Kanzlerin? Kein Treffen, weil Euro-Zonen-Herrscherin Angela Merkel im Urlaub ist. Soweit die quasi offizielle Sprachregelung. De facto aber dürfte sich unter Romneys Strategen die Ansicht durchgesetzt haben, dass ein Berlin-Besuch eher kontraproduktiv wäre: Warum ausgerechnet an jenen Ort zurückkehren, an dem Obama fast eine Viertelmillion Menschen in seinen Bann gezogen hat?

So ist Romneys Visite am Ende auch ein Anti-Obama-Programm: Denn der Präsident hat Israel bisher noch keinen Besuch abgestattet, die Beziehungen zu Netanjahu sind in der Iran-Frage nicht ohne Spannung; und Polens Demokratieheld Walesa verweigerte im vergangenen Jahr gar die Teilnahme an einem Obama-Besuch in Warschau.

Für Unbehagen könnten beim Team Romney allein die beiden in England geplanten Spendenveranstaltungen sorgen, die Geld in die Wahlkampfkasse des Kandidaten spülen sollen. Denn einige der Gastgeber sind in den Skandal um den manipulierten Referenzzins Libor verwickelt. Statt auf Sozialismus trifft Mitt Romney dort also eher auf europäischen Kapitalismus.



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Seite 1
frubi 25.07.2012
1. .
Zitat von sysopAFPSchluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846241,00.html
Ein Präsident Romney wäre für uns vielleicht sogar ein Segen denn wenn er das macht, was ich von ihm erwarte, müssen unsere Beziehungen zur amerikanischen Regierung zwangsläufig abkühlen und das ist eigentlich schon lange fällig (Irak, Guantanamo, Drohen Krieg etc.). Romney ist und bleibt ein Europa-Basher. Das "America first"-Gehabe kann man ihm nicht übel nehmen aber er sollte uns in Europa nicht kritisieren. Die Amerikaner wollen ja auch nicht kritisiert werden und was stand noch einmal in der Bibel "Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu."
chrimirk 25.07.2012
2. Toll!
Zitat von sysopAFPSchluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846241,00.html
Wenn Romney gewinnt, kommt USA noch schneller in den Abgrund. Seine Exkursion nach Israel, GB + PL. passt genau. Israel tief in den unlösbaren Konflikt mit seinen arab. Nachbarn verwickelt -übrigens: dank GB + USA in 1945, denn die beiden haben diese "Lösung" des Staates Israel und das Schicksal der Palästinenzer zu verantworten- ohne Lösungsansatz für die Zukunft und im Inneren von religiösen Spannungen bestimmt, GB., die verwelkte ehemalige Großmacht, über die nur Spott und Häme vergossen wird, und PL., das Land der 10 Mio Auswanderer = Republikaner-Wähler in den USA, die u. U. den Wahlausgang entscheiden können. Ansonsten ist zu befürchten, dass PL. das GR. des Ostens Europas wird. Aber: Wie der Kandidat, so seine Gastgeber. Und gewinnt er, dann wird sowieso alles ganz anders.
el-gato-lopez 25.07.2012
3. Aussenpolitik - so what...
Zitat von sysopAFPSchluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846241,00.html
Süss, SPON geht davon aus, dass aussenpolitische Kompetenz - oder irgendeine Form von Fachkompetenz - im US-Wahlkampf eine signifikante Rolle spielen würde. Dabei widerlegt man die eigene These gleich im Artikel: "40%" der Befragten trauen einem Typen ohne aussenpolitische Erfahrung, gute Aussenpolitik zu; da haben wir's...Na, vielleicht reicht schon, dass der Mann Europa auf dem Globus gefunden hat. Interessantes Detail am Rande, Mitt Money war schon mal länger in Europa, sogar im Herzen des "Bösen" wenn man so will: zwei Jahre als Missionar seiner Freikirche im Frankreich der 60er Jahre... Was die Länderwahl betrifft: UK ist Pflicht, gerade weil dort ja mit Cameron ein Bilderbuch-Toff, quasi ein Standesgenosse regiert. Israel ist auch nötig. Polen? Wahrscheinlich ist man im HQ der GOP immer noch der irrigen Meinung Zentral- und Osteuropa hätten ein Interesse am Revival des "old" vs. "new" Europe-Spalterspiels der Bush-Ära. Da dürfte er in Warschau mit der neuen Regierung an der falschen Adresse sein. Polen ist eine EU-Boomzone und das man sich wohl oder übel irgendwie mit dem Nachbarn Russland arrangieren muss - wegziehen können beide schlecht - hat man auch mittlerweile begriffen.
roadcrew 25.07.2012
4. Romney halluziniert offensichtlich
Zitat von sysopAFPSchluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846241,00.html
Ja, in den USA ist das dünnste Brett noch lange nicht gebohrt. Das untergehende Abendland ein Strudel, in den sich die USA nicht hineiziehen lassen? Romney halluziniert offensichtlich. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist doch selbst bei den Schulden ganz vorn dabei, viel schlimmer als die meisten EU-Länder. Und während in Deutschland die Privatleute mehr auf der hohen Kante haben als der Staat Schulden, stecken in den USA Öffentliche Hand *und* Privathaushalte gemeinsam bis über die Halskrause im Schuldensumpf. Da kommen die nie mehr raus. Die USA sind nur aus zwei Gründen nicht das Ziel der Spekulanten: Diese hocken meist in den USA und wollen das eigene Lebensumfeld nicht zerstören und außerdem ist gegen das zersplitterte Europa ja auch viel leichter zu spekulieren. So oder so: Romney hat schon jetzt keine Ahnung von der Realität. Wenn er vom untergehenden Abnedlnad reden kommt er mir vor wie ein Märchenerzähler aus dem Morgenland.
Olaf 25.07.2012
5.
Zitat von sysopAFPSchluss mit den ewigen Wirtschaftsthemen: Republikaner-Kandidat Mitt Romney will sein außenpolitisches Profil schärfen. Jetzt reist er ausgerechnet nach Europa - über den Kontinent hatte er bisher seine ganz eigenen Vorstellungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846241,00.html
Das ist erstens auch die Meinung vieler Europäer und zweitens durchaus richtig, denn würde Europa funktionieren, hätten wir keine Eurokrise.
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