Mittagspause in Tokio Kopfschütteln und die Furcht vor Kim

Der Angriff begann in der Mittagspause. Millionen Japaner haben beim Lunch die ersten Angriffe auf den Irak verfolgt - mit gemischten Gefühlen. Einerseits bezweifelt die Mehrheit die Notwendigkeit des Krieges, andererseits blieb der erwartete Kurssturz an den Börsen aus. Die Regierung ist dagegen zum Treueschwur auf die USA zwangsverpflichtet.

Von , Tokio


Japaner lesen eine Sonderausgabe der "International Herald Tribune"
AFP

Japaner lesen eine Sonderausgabe der "International Herald Tribune"

Tokio - Gebannt starrten Trauben von Geschäftsleuten am Tokioter Bahnhof kurz nach dem Start des Angriffs auf Bagdad auf einen riesigen Monitor mit den aktuellen Aktienkursen. Die meisten atmeten erleichtert auf. Denn ein lauter Crash an der Tokioter Börse, der zugleich Nippons marodes Finanzwesen hätte erschüttern können trat nicht ein. Um eben ein solches Horrorszenario für das zweitgrößte Industrieland zu verhindern, hatten staatlich beeinflusste Fonds mit Stützungskäufen offenbar besonders aktiv in das Marktgeschehen eingegriffen.

Zwar fast erleichtert, aber großenteils auch kopfschüttelnd, reagierten die Japaner auf den Irak-Angriff. Die Nachricht flimmerte kurz vor der Mittagspause, in der Nippons Firmen und Behörden kollektiv ihre Arbeit unterbrechen, über die Bildschirme. In Nudel-Imbissen und Sushi-Restaurants stockten die Gespräche; die Augen klebten an den Fernsehern, die die Bilder aus Bagdad übertrugen.

Auf fast allen TV-Kanälen bemüht sich nun ein seit Tagen mobilisiertes Heer von Militärexperten und Politologen darum, den Landsleuten den Irak-Krieg zu erklären. Zwar importiert Japan fast 90 Prozent seines Ölbedarfs aus dem Nahen Osten, doch aus japanischer Weltsicht liegt die Region sehr weit weg. Und warum US-Präsident George W. Bush glaubt, den Irak unbedingt durch einen Krieg entwaffnen zu müssen, ist dem Inselvolk kaum zu vermitteln. Die Mehrheit der Japaner lehnt den Krieg ab.

Besonders undankbar ist daher die Lage von Premier Junichiro Koizumi: Kaum hatte er die Fernsehansprache von Bush gesehen, musste er selbst vor die Kameras treten und dem Bündnispartner Japans Unterstützung versichern. Zwar dürfen sich japanische Soldaten nicht am Irak-Krieg beteiligen - die pazifistische Nachkriegsverfassung, die Japan ironischerweise von der einstigen Besatzungsmacht USA diktiert wurde - verbietet eine Beteiligung am Krieg. Gleichwohl bleibt Koizumi kaum etwas anderes übrig, als Washington zumindest symbolische Treue zu schwören: Um sich gegen die Gefahr eines Angriffs durch das stalinistische Nordkorea zu schützen, ist Japan derzeit besonders stark auf den mächtigen Verbündeten USA angewiesen.

Seit Wochen fürchtet man in Tokio, dass Nordkoreas Diktator Kim Jong Il die Fixierung der USA auf den Irak nutzen könnte, um den aktuellen Atomstreit mit den USA weiter eskalieren zu lassen. Auf diese Weise könnte Kim versuchen, die USA zu Gesprächen über einen Nichtangriffspakt und wirtschaftliche Hilfen zu erpressen.

Als nächste Drohgebärde könnte Pjöngjang eine Rakete testen, warnen Experten in Tokio. Bereits einmal, im Sommer 1998, ließ Diktator Kim eine Taepodong-Rakete über Japan hinweg in den Pazifik feuern. Um Pjöngjang von seinem Spiel mit dem Feuer abzubringen, droht Tokio bereits damit, die so genannte Pjöngjanger Erklärung von Premier Koizumi und Diktator Kim vom September 2002 für null und nichtig zu erklären. In dem Dokument hatten beide Politiker Gespräche über die Normalisierung der Beziehungen zwischen ihren Ländern vereinbart.

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