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30. Oktober 2011, 00:20 Uhr

Mögliche Intervention in Syrien

Assad warnt Westen vor "Erdbeben" in Nahost

"Wollt ihr ein weiteres Afghanistan - oder zehn davon?": Syriens Machthaber Assad warnt die westlichen Länder in einem Interview mit markigen Worten vor einem militärischen Einsatz in seinem Land. Erneut kamen Berichten zufolge Dutzende Menschen bei den Aufständen ums Leben.

Damaskus/Amman - Der Despot droht dem Westen: Zum ersten Mal seit Beginn der Aufstände in Syrien vor rund sieben Monaten hat Baschar al-Assad einem westlichen Medium ein Interview gegeben. Dem britischen "Sunday Telegraph" sagte der Diktator, wenn der Westen aktiv in den Konflikt eingreife, werde es zu einem "Erdbeben" kommen, das "die gesamte Region in Flammen setzen" würde.

Am Freitag hatten Protestierende bei Kundgebungen im ganzen Land die internationale Gemeinschaft aufgerufen, nach dem Vorbild Libyens auch in Syrien eine Flugverbotszone durchzusetzen, um Zivilisten vor den Übergriffen der Sicherheitskräfte zu schützen. Dutzende Menschen kamen bei den Protesten ums Leben. Auch am Samstag starben bei schweren Kämpfen zwischen syrischen Soldaten und Deserteuren der Armee nach Angaben von Aktivisten erneut mehr als 40 Menschen, Dutzende weitere wurden verletzt.

Der Westen erhöhe zweifellos den Druck auf sein Regime, sagte Assad dem "Sunday Telegraph". "Aber Syrien unterscheidet sich in jeder Hinsicht von Ägypten, Tunesien oder dem Jemen." Die Geschichte und politische Tradition sei nicht vergleichbar. "Wollt ihr ein weiteres Afghanistan sehen - oder zehn davon?", warnte der Machthaber die westlichen Mächte. Wer vorhabe, Syrien zu teilen, werde den gesamten Nahen Osten teilen.

Auch am Samstag Dutzende Tote bei Kämpfen in Syrien

Zugleich gab Assad zu, zu Beginn der Aufstände habe sein Regime "viele Fehler" begangen. Allerdings bekämpfe man inzwischen ausschließlich Terroristen, zudem hätte die Intensität der Kämpfe inzwischen deutlich abgenommen. Er habe überdies sehr schnell auf die Proteste reagiert: "Nach sechs Tagen habe ich Reformen eingeleitet."

Die Berichte aus dem seit Monaten großteils abgeschotteten Land zeichnen ein dramatisch anderes Bild der Situation: Nachdem bereits am Freitag im ganzen Land mindestens 36 Menschen bei Protesten gegen das Regime getötet wurde, starben am Samstag nach Angaben von Aktivisten mehr als 40 Menschen. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kam es in der Protesthochburg Homs und in der nordwestlichen Provinz Idlib zu heftigen Zusammenstößen.

Scharfe Kritik von Arabischer Liga

In Homs war es demnach schon in der Nacht auf Samstag zu schweren Kämpfen zwischen Soldaten und Deserteuren gekommen, bei denen mindestens 17 Menschen getötet wurden. Im Laufe des Samstags starben dann erneut mindestens 20 Soldaten, mehr als 50 weitere wurden verletzt. Zudem kamen in Homs laut den Angaben mindestens zwölf Zivilisten ums Leben.

In der Provinz Idlib griffen Deserteure den Aktivisten zufolge aus einem Hinterhalt einen Bus mit Soldaten an. Bei dem Angriff wurden demnach zehn Sicherheitskräfte getötet, ebenso wie ein Soldat, der sich der Protestbewegung angeschlossen hatte.

In ungewohnt scharfen Worten verurteilte die Arabische Liga die "anhaltende Tötung von Zivilisten". Eine Ministervertretung der Staatengruppe rief Assad auf, sich für den Schutz der Zivilbevölkerung einzusetzen. Das Komitee hatte Assad am Mittwoch in Damaskus getroffen, am Sonntag wollte es in Katar mit syrischen Regierungsvertretern zusammentreffen, um einen Ausweg aus der Krise zu suchen. Katar hat derzeit die Präsidentschaft der Arabischen Liga inne.

fdi/AFP/Reuters

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