Mögliche Wahlfälschung in Iran Tote Wähler, dubiose Codes und eine Blitzzählung

Von und Franziska Gerhardt

3. Teil: Britische Studie - Wahlzettel von Toten?


Erstaunlich ist auch die angeblich eindeutige Zustimmung für den Hardliner Ahmadinedschad. Den offiziellen Zahlen zufolge müssten 47,5 Prozent der Wähler, die sich bei der vorangegangenen Wahl für Reformkandidaten entschieden hatten, ihre Meinung zugunsten von Ahmadinedschad geändert haben, rechnete die britische Organisation Chatham House aus. Das aber sei "sehr unwahrscheinlich".

Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung in Iran sind jünger als 20 Jahre - gerade die jungen Wähler gelten jedoch als Anhänger von Reformkandidaten. Die vom iranischen Innenministerium herausgegebenen Daten würden also einen radikalen Wandel in den Wählerstrukturen voraussetzen, erklärte die Denkfabrik am Montag.

Das Londoner Politikinstitut weist in seiner Studie zudem darauf hin, dass Ahmadinedschad dem amtlichen Endergebnis zufolge 13 Millionen Stimmen mehr bekam, als er und andere Konservative bei der Wahl 2005 erhalten hatten. Dazu hätte er in einem Drittel der Provinzen sämtliche früheren Wähler der Konservativen, sämtliche früheren Wähler der Mitte, sämtliche Erstwähler und die Hälfte derjenigen für sich gewinnen müssen, die vormals für die Reformer gestimmt hatten. All das sei kaum denkbar, urteilen die Experten.

Zur Begründung des Erfolgs von Ahmadinedschad werde oft auf den Rückhalt hingewiesen, den er bei der Landbevölkerung genieße: Der Studie zufolge aber waren konservative Kandidaten, insbesondere Ahmadinedschad, bei früheren Präsidentschaftswahlen in ländlichen Gebieten "ausgesprochen unbeliebt", so Chatham House.

Verdankt Ahmadinedschad seinen Sieg also einem plötzlichen Stimmungsumschwung auf dem Land? Wohl kaum. "Dieser Zuwachs an Unterstützung für Ahmadinedschad unter Wählern vom Lande und aus ethnischen Minderheiten passt nicht zu früheren Trends", heißt es in der Untersuchung.

In den Provinzen Masandaran und Jasd lag die Wahlbeteiligung den Angaben zufolge gar über 100 Prozent. Das Problem, dass mit den Ausweisen Verstorbener zusätzliche Stimmen abgegeben würden, sei in Iran bekannt, so die Analyse. Selbst der Wächterrat hatte am Montag eingeräumt, dass es in 50 Wahlkreisen mehr Stimmzettel gab als Wahlberechtigte.



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