Zum Tod von Mohammed Mursi Islamist, Präsident - und nun für viele ein Märtyrer

Mohammed Mursi wurde demokratisch gewählt, war aber kein Demokrat. Trotzdem war Ägypten unter dem Muslimbruder ein freieres Land als heute.

Mohammed Mursi vor Gericht (im Mai 2014)
REUTERS/Stringer/File Photo

Mohammed Mursi vor Gericht (im Mai 2014)

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Ägyptens größte Tageszeitung "al-Ahram" widmet dem Tod von Mohammed Mursi sechs Zeilen. Auf Seite vier informiert das Blatt seine Leser darüber, dass der Mann am Montag während einer Gerichtsverhandlung verstorben sei. Dass Mursi mal ägyptischer Präsident war, noch dazu der bisher einzige frei gewählte, verschweigt das Blatt.

Das Regime in Kairo will so wenig Aufhebens wie möglich machen vom Tod des 67-Jährigen in Justizgewahrsam. Gegen 18 Uhr am Montag verkündete das Staatsfernsehen Mursis Tod, am Dienstagmorgen gegen 5 Uhr wurde sein Leichnam nach islamischem Ritus auf einem Friedhof im Kairoer Stadtteil Medinat al-Nasr beigesetzt. Zehn Angehörige und Vertraute durften nach Angaben seiner Familie an der Beerdigung teilnehmen.

Der Eingang zu dem Friedhof, auf dem Mohammed Mursi beerdigt wurde
Nariman El-Mofty/AP/dpa

Der Eingang zu dem Friedhof, auf dem Mohammed Mursi beerdigt wurde

Mursi sei einem Herzinfarkt erlegen, teilte das Staatsfernsehen in der Nacht lapidar mit. Eine unabhängige Untersuchung seines Todes wird es nicht geben.

Mursi war seit Jahren schwerkrank, wurde aber nicht behandelt

Seit dem Militärputsch 2013 saß Mursi in der Abteilung für politische Gefangene des Tora-Gefängnisses am Stadtrand von Kairo. Während sein damals ebenfalls inhaftierter Amtsvorgänger Husni Mubarak im Gefängniskrankenhaus behandelt wurde, saß Mursi in einem Knast, über den ein früherer Wachmann der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagte: "Alles ist darauf ausgelegt, dass jene, die dort einsitzen, nur noch tot herauskommen."

Mursi litt seit Jahren an Diabetes. Gerichtsprotokolle aus dem Jahr 2018 belegen, dass der Ex-Präsident deshalb auf dem linken Auge erblindete und immer wieder ohnmächtig wurde. Mursi saß in Isolationshaft. 23 Stunden am Tag verbrachte er in seiner Zelle, eine Stunde durfte er allein Sport treiben. Ein Bett hatte er nicht, nur zwei Decken auf dem Boden. Dreimal durften ihn Familienmitglieder in Haft besuchen, zuletzt im September 2018.

Im April 2018 warnten mehrere britische Parlamentsabgeordnete in einem gemeinsamen Bericht: "Wenn Mursi nicht bald adäquate medizinische Hilfe erhält, droht ihm der vorzeitige Tod." Der hat ihn nun ereilt.

In der Gesamtschau seines Lebens waren politische Verfolgung und Haft für Mursi der Normalfall, seine 13 Monate als Staatspräsident kaum mehr als eine Fußnote. 1951 in einem Dorf im Nildelta geboren, schloss er sich erst relativ spät als Endzwanziger der verbotenen aber geduldeten Muslimbruderschaft an. Er war kein großer Charismatiker, aber ein gewiefter Strippenzieher. Seine Aufgabe in den Neunzigerjahren war es, die politische Arbeit der Muslimbrüder zu koordinieren, dabei aber nicht die Grenzen zu überschreiten, die das Mubarak-Regime den Islamisten setzte.

Unter Mursi saßen Kritiker in Talkshows, heute sitzen sie in Gefängnissen

Die meisten Ägypter wurden 2012 zum ersten Mal auf Mursi aufmerksam. Die Muslimbrüder kürten ihn zum Präsidentschaftsbewerber, nachdem ihr ursprünglicher Kandidat Khairat al-Schater disqualifiziert worden war. In der Stichwahl ums Präsidentenamt setzte sich Mursi mit 51,7 Prozent knapp gegen Ahmed Shafiq durch, Mubaraks langjährigen Vertrauten.

Mursi war der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens, aber er war kein Demokrat. Von Beginn seiner Amtszeit an lieferte er sich Machtkämpfe mit dem Militär und dem Obersten Gericht. Beide Gremien waren durchsetzt mit Vertretern des Mubarak-Regimes und versuchten, die Befugnisse des islamistischen Präsidenten zu beschneiden.

Mursi wollte die nach Mubaraks Sturz erarbeitete Interimsverfassung ändern, um es unmöglich zu machen, Dekrete des Präsidenten aufzuheben oder ihn juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Der Konflikt darüber führte Ende 2012 zu schweren Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern der Muslimbrüder.

Gleichzeitig wuchs wegen der schlechten Wirtschaftslage die Unzufriedenheit im Volk. Auch das war zu einem Großteil Mursis Machtkampf mit der Armee geschuldet, die große Teile der Wirtschaft kontrollierte.

Mursi und Sisi im Mai 2013
REUTERS/Stringer

Mursi und Sisi im Mai 2013

Trotz seiner autoritären Bestrebungen war es während Mursis Präsidentschaft in Ägypten noch möglich, Kritik an der Regierung öffentlich zu äußern. Anders als heute landeten Regimekritiker in der Regel nicht im Gefängnis, sondern in Talkshowstudios. Im Sommer 2013 konnten Regierungsgegner auf offener Straße und im Internet unbehelligt Unterschriften gegen Mursi sammeln.

Diese Bewegung namens "Tamarod" (Rebellion) brachte Ende Juni 2013 Millionen Menschen in Kairo auf die Straßen. Für das Militär gab das den Anlass zum Putsch gegen Mursi - angeführt ausgerechnet von dem Mann, den Mursi selbst im August 2012 zum Armeechef und Verteidigungsminister befördert hatte: Abdel Fattah el-Sisi.

Dieser hat seither ein Regime errichtet, das weitaus autoritärer und rücksichtsloser ist, als es das Ägypten unter Mursi jemals war. Schon leiseste Kritik an der Regierung kann Menschen den Job kosten oder ins Gefängnis bringen.

Die Muslimbrüder sind im Untergrund - aber nicht besiegt

Das Regime führte seit 2013 eine Vielzahl von Prozessen gegen Mursi. Unter anderem wurde er wegen Aufstachelung zur Gewalt, Spionage und Verschwörung mit ausländischen Mächten angeklagt. All diese Verfahren hatten gemeinsam, dass es nicht um eine juristische Aufarbeitung von Mursis Fehlern im Präsidentenamt ging, sondern um Rache und die Einschüchterung der Gegner des neuen Regimes.

Mursis Muslimbrüder sind seit dem Massaker gegen ihre Anhänger mit mehr als 800 Toten im August 2013 wieder in den Untergrund gedrängt worden. Zerschlagen ist die Bewegung damit aber noch lange nicht. Seit ihrer Gründung 1928 ist das Überleben in der Illegalität für die Islamistenorganisation der Normalfall gewesen. Mit Mursi hat die Bruderschaft nun einen weiteren Anführer, den sie als Märtyrer verehren wird.

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