Mohammed-Karikaturen "Globaler Kampf für freie Meinungsäußerung"

Die Ermordung eines Zeichners der Mohammed-Cartoons wurde heute in Dänemark knapp verhindert. SPIEGEL ONLINE sprach mit Flemming Rose, der die Karikaturen als Feuilletonchef der Zeitung "Jyllands-Posten" verantwortete - und ebenfalls bedroht ist.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rose, heute wurden in Århus drei Männer festgenommen, die im Verdacht stehen, einen Mordanschlag auf den Mohammed-Karikaturen-Zeichner Kurt Westergaard geplant zu haben. Überrascht es sie, dass zweieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung der Cartoons in ihrer Zeitung "Jyllands-Posten" noch immer Menschen in Lebensgefahr sind?

Journalist Rose: "Ich denke heute mehr darüber nach, was ich mache"
Henryk M. Broder

Journalist Rose: "Ich denke heute mehr darüber nach, was ich mache"

Rose:  Für mich war das nicht überraschend - leider. Ich habe bereits eine ganze Weile von der Drohung gewusst. Schon im vergangenen Jahr waren drei junge Männer verurteilt worden, die in Dänemark Terroranschläge geplant haben sollen. Unter anderem hatten sie es auf die Redaktion von "Jyllands Posten" abgesehen. Und in ihrer ersten Planungsphase hatten sie offenbar auch erwogen, mich zu ermorden. Diese Bedrohung ist Teil einer neuen Realität, die nicht nur Dänemark betrifft. Es geht hier um einen globalen Kampf für freie Meinungsäußerung: Dieser findet jeden Tag statt.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Rose: In verschiedenen Teilen der Welt wollen Menschen diejenigen einschüchtern und zum Schweigen bringen, die sich kritisch über Religion, autoritäre Regimes und Bewegungen äußern, die Meinungsfreiheit zu untergraben versuchen. Wir müssen ganz deutlich machen, dass sich die Menschen, die für das Recht auf freie Meinungsäußerung eintreten, weltweit zusammentun müssen, um alle Gesetze loszuwerden, die dieses Recht einschränken - Blasphemiegesetze, Gesetze zum Schutz von Diktatoren, Gummiparagraphen, die nur dazu dienen, kritische Menschen zum Schweigen zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere dänische Zeitungen haben heute angekündigt, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Solidarität mit der "Jyllands-Posten" nachdrucken zu wollen. Was hat sich in der dänischen Gesellschaft seit der Veröffentlichung der Zeichnungen im Jahr 2005 verändert?

Rose: Der Fall ist längst nicht abgeschlossen, die Debatte um Meinungsfreiheit geht in Dänemark immer noch weiter. Einige Autoren und andere öffentliche Personen, die mir und "Jyllands-Posten" gegenüber kritisch eingestellt waren, beharren noch immer auf der Ansicht, dass es bei der Krise um die Mohammed-Karikaturen nicht um das Recht auf freie Meinungsäußerung ging. Es gibt tatsächlich noch immer Menschen, die sich der Realität verweigern. Aber die Situation in Dänemark hat sich während der vergangenen zwei Jahre definitiv verändert. Grundsätzlich glaube ich, dass die Zeit auf unserer Seite ist.

Zur Person
Der dänische Journalist Flemming Rose, 1958 in Kopenhagen geboren, hat Geschichte geschrieben – als Kulturchef der Zeitung "Jyllands-Posten", in der am 30. September 2005 jene 12 Mohammed-Karikaturen erschienen sind, die vier Monate später zu einem "Zusammenstoß der Kulturen" geführt haben. Rose, der in Moskau russische Literatur studiert und Gorbatschow und Jelzin ins Dänische übersetzt hat, führt das Kulturressort der Zeitung seit 2004. Vorher war er politischer Korrespondent in Moskau und Washington.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie den Optimismus?

Rose: Die Diskussion über Integration und über grundlegende Werte in unserer Demokratie beruht auf viel mehr Fakten als früher. Die Karikaturen haben keine neue Wirklichkeit geschaffen, sondern eine aufgedeckt, die schon da war - die aber nicht jeder sehen wollte. Nun ist jedem diese Wirklichkeit bewusst und wir können die tatsächlichen Probleme auf der Grundlage von Fakten diskutieren, anstatt abstrakt darüber nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Ende 2005 sind radikale dänische Moslems in arabische Länder gereist und haben dort die Mohammed-Karikaturen aus der "Jyllands-Posten" herumgereicht. Hat sich seitdem in der muslimischen Gemeinde in Dänemark etwas getan? Gibt es eine klarere Trennung zwischen denen, die sich zu demokratischen Werten bekennen und den Fundamentalisten?

Rose: Das ist ein langer Prozess und wir können keinen Wandel innerhalb von zwei Jahren erwarten. Aber tatsächlich ist das Thema auf dem Tisch, besonders bei Muslimen. Es war eine der positiven Folgen des Karikaturenstreits in Dänemark, dass viele Muslime das Gefühl hatten, dass sie jetzt vortreten und klarmachen müssen, dass sie sich nicht mit den radikalen Imamen identifizieren, die in den Nahen Osten gereist sind und versucht haben, Stimmung gegen Dänemark zu machen. Aber es gibt unter den Muslimen immer noch ein anderes Verständnis darüber, wie wichtig religiöse Gefühle sind - ein Verständnis, das wir Christen oder kulturellen Christen nicht verstehen, weil es der Vergangenheit angehört. Wir müssen klarmachen, dass man in einer Demokratie nicht auf einer besonderen Behandlung religiöser Gefühle bestehen darf. Das würde die Nicht-Gläubigen diskriminieren. Man muss akzeptieren, dass man sich manchmal darüber ärgert, was andere Menschen sagen oder Zeitungen schreiben. Und dass das kein Grund für Gewalt ist. Unzufriedenheit kann durch Demonstrationen ausgedrückt werden, durch Briefe an den Verfasser eines Artikels, oder durch Lobbygruppen im Parlament.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Leben in den letzten zweieinhalb Jahren verändert?

Rose: Die Situation in Dänemark ist ziemlich ruhig, auch wenn wir diese Mordplanungen und Bedrohungen hatten. Ich habe keine Angst um mein Leben. Ich bin eine öffentliche Person und ich zögere nicht, meine Meinung zu sagen. Dennoch: Ich denke heute mehr darüber nach, was ich mache. Wenn ich herumlaufe, beobachte ich jetzt vielleicht etwas aufmerksamer, was um mich herum passiert. Aber mein Leben hat sich seit der Veröffentlichung der Karikaturen nicht radikal verändert und offen gesagt, möchte ich das auch nicht. Es würde bedeuten, dass die, die versuchen mich einzuschüchtern, gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Westergaard war nur einer von insgesamt elf Zeichnern, die ihre Mohammed-Karikaturen in der "Jyllands-Posten" veröffentlichten. Warum wurde offenbar ausgerechnet auf ihn ein Anschlag geplant?

Rose: Der Grund ist, dass Kurt Westergaard eine der berühmtesten Karikaturen gezeichnet hat - die, die Mohammed mit einer Bombe in seinem Turban zeigt. Ein Cartoon, der meiner Meinung nach sehr gut ist, weil er den Fakt aufgreift, dass einige Muslime Terroranschläge im Namen des Propheten oder ihrer Religion verübt haben. Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die sich durch den Cartoon beleidigt fühlen und dass manche denken, die Zeichnung wolle zeigen, dass jeder Muslim ein Terrorist ist. Aber ich habe mit dem Zeichner Westergaard gesprochen und das war nicht seine Absicht. Und ich lese die Karikatur auch nicht so. Im Gegenteil, ich denke, dass die Karikatur eine faire Beschreibung eines Ausschnitts der europäischen Realität ist. Und diese Realität sollte genauso Thema von Satire sein wie das Christentum, der israelisch-palästinensische Konflikt, die Königsfamilie oder Politiker.  

Das Interview führte Anna Reimann

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