Monsterholding "Rostechnologii" Putins Milliardengrab

Ein Protegé aus alten KGB-Tagen wird für Wladimir Putin zunehmend zum Problem: Sergej Tschemesow führt eine Staatsholding, deren Betriebe größtenteils vor der Pleite stehen. Milliarden Rubel aus dem Haushalt sind dort versickert. Gefolgsleute von Präsident Medwedew wollen das beenden.

Von , Moskau


Moskau - Wer Sergej Tschemesow, Boss der russischen Staatsholding "Rostechnologii" eine Weile zuhört, spürt, dass der Mann tief sowjetisch geprägt ist. In die Zukunft will er marschieren mit "Mobilisierung aller Reserven" und einer "rationalen Kaderpolitik". Das sei "erst der Anfang eines großen Weges".

Putin und Tschemesow (r.): Freunde aus Dresdner Zeiten
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Putin und Tschemesow (r.): Freunde aus Dresdner Zeiten

Der Manager, dessen Reden bisweilen ein wenig an den späten Erich Honecker erinnern, kennt Deutschland gut. Zumindest das Deutschland, das 1989 brutal pleite ging: die DDR. Dort war er ab 1983 fünf Jahre tätig, offiziell für eine Wissenschaftsvereinigung, tatsächlich als Offizier der Auslandsaufklärung des KGB. Aus dieser Zeit kennt er Wladimir Putin, damals als Sowjet-Späher in Dresden im Einsatz. Der Mann, dem Berufskollegen nachsagen, er habe nach wie vor den Horizont eines kleinen KGB-Operativmitarbeiters, machte unter Putin rasant Karriere.

Vom Waffenhändler zum Super-Holding-Boss

Vom Chef des staatlichen Waffenexporteurs zum Chef der Super-Holding "Rostechnologii". Der Gigant wurde im November 2007 auf Ukas des damaligen Präsidenten Putin gegründet und vereinigt 440 Betriebe, davon 340 der Rüstungsindustrie: Panzerwerke, Raketenfabriken und Flugzeughersteller. Die Schattenseite dieses Imperiums erwähnte Tschemesow kürzlich in einem Interview: Ein "bedeutender Teil" der Holding-Unternehmen habe Schulden, insgesamt umgerechnet 14,5 Milliarden Euro. Rund 30 Prozent der Rüstungsbetriebe zeigten gar, so Tschemesow "Anzeichen von Bankrott".

Unermüdlich trommelt Tschemesow für Staatshilfen und Kredite zugunsten siecher Maschinenbaubetriebe und des am Rande der Pleite vegetierenden Automobilkonzerns Awtowas. Ob die Geldspritzen aus dem Budget und von staatsnahen Banken dazu beitragen, die maroden Unternehmen konkurrenzfähig zu machen, bezweifeln Kenner der Branche ebenso wie Finanzexperten. Die Holdings, darunter "Rostechnologii" drohen zu Putins Milliardengrab zu werden.

Anton Iwanow, Vorsitzender des Obersten Schiedsgerichtes und Vertrauter von Präsident Dmitrij Medwedew, argwöhnt, Staatsholdings versuchten eine "privilegierte Lage" auszunutzen. Zudem ist der Gerichtsvorsitzende alarmiert durch offenkundige "Interessenkonflikte" zwischen staatlichen Zielen und geschäftlichen Absichten der Holding-Manager.

Medwedews Reformer gegen Putin-Garde

Tschemesows Konglomerat von Rüstungsbetrieben häuft politischen Sprengstoff an. Denn die Branche gilt als Machtbasis Putins und seiner Anhänger. Ein "Rat beim Präsidenten", zuständig für die "Vervollkommnung des Zivilrechtes" schlägt vor, die Staatsholdings in der bisherigen Form abzuschaffen. Denn sie unterlägen keinerlei Kontrolle - ein Eldorado für schwarze Kassen und Bereicherung korrupter Staatsdiener. Die Reformer im Präsidenten-Rat schlagen vor, die Holdings in Aktiengesellschaften mit hundertprozentiger Staatsbeteiligung zu verwandeln.

Das Supermonster "Rostechnologii" zu kontrollieren, dürfte in jedem Fall schwierig werden. Der Gigant verzweigt sich in 19 Bereichs-Holdings und verfolgt seine Interessen in 27 regionalen Vertretungen im ganzen Land. Feste Verbündete hat er in Provinzmachthabern wie den Gouverneur von Samara, Wladimir Artjakow. Der ehrgeizige Ex-Waffenhändler mit Pokerface und Paten-Charme versuchte im Vorjahr mit großem PR-Aufwand erfolglos, den Sessel eines Vizepremiers in Moskau zu erklimmen.

Als Gouverneur an der Wolga fühlt er sich immerhin stark genug, sogar den Präsidenten zu verspotten. Dessen vehemente Forderung, Spitzenbeamte sollten ihre Einkommen offenlegen, soll Artjakow laut der Zeitung "Kommersant" gehöhnt haben, sei doch "leeres Posieren".

Bislang konnten sich unter dem bei Freunden nachsichtigen Putin alte Kameraden aus KGB und staatlichem Waffenhandel recht viel erlauben. Ob dies unter Präsident Medwedew, der die Nähe Tschemesows auffällig meidet, so bleiben wird, bezweifeln selbst frühere Genossen, die einst an der Seite von Putin und Tschemesow die pleitegehende DDR "beschützten".

insgesamt 6 Beiträge
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kollapsderwellenfunktion 02.05.2009
1. hach
Was bezweckt der Spiegel mit derartigen Artikeln ? Das ein drittel der Rüstungsunternehmen an der Grenze herumkrebst war seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer so und es ist auch immer irgendwie weiter gegangen. 14,5 Milliarden Schulden für einen Apparat dieser Grösse ist auch nicht gerade aufregend. Man sollte sich an dieser Stelle lieber über Porsche sorgen machen. Der Sinn des Artikels liegt offenbar nur darin Putin wie immer in jedem anderen Russland Artikel auch schlecht darzustellen, und die künstliche "Hoffnung" in die Welt zu tragen Medvedev würde sich Putin schon entledigen. Ich bezweifle stark das Medvedev ohne Putin lange überleben könnte, es existiert keine Spaltung zwischen beiden, viel mehr ist Medvedev auf Putin angewiesen um seinen Rücken freizuhalten. Weder das russische Volk, noch der ganze Sicherheitsapparat können mit Liberalität im Sinne des Spiegels etwas anfangen. Westliche Medien fangen irgendetwas auf, ohne auch nur irgendeine Ahnung der dortigen Strukturen zu haben, und versuchen einen Konflikt zwischen President und Premier herbeizuschreiben, egal ob es um ein Interview mit einer Zeitung, oder um Chodorkowski geht. Nur als Beispiel: würde Medvedev Chodorkowski begnadigen würde er die Wut des Volkes auf sich ziehen. Der Spiegel muss mir erst erklären wie "Menschenrechtler" Chodorkowski zu seinem Vermögen gekommen ist, bevor an dem Prozess gegen ihn zu zweifeln ist.
Maputo, 02.05.2009
2. Das intensive Ringen um den Pleiten- Weltrekord
Derzeit wird doch in verschiedenen Gegenden unserer Erdmurmel um den Pleiten-Weltrekord heftig gerungen. Es ist noch nicht entschieden, ob der endgültige Sieger diesseits oder jenseits des Atlantiks zu orten ist. Eine gegenseitige Häme erweist sich sehr rasch als reines Ablenkungsmanöver, die dem jeweiligen Schreiberling alsbald selbst auf die Füsse fallen wird.
poiuyt 02.05.2009
3. da es nach jelzin mit putin de facto einen kalten putsch des
kgb, militärs und apparatschiks gegeben hat ist das hier beschriebene die lage im land. russland heute ist ein gebilde von lügen, machtspielen, umbringen oder stummmachen der oppositionellen ganz wie man es aus afrika zur finstersten zeit kennt. mit ein paar geschenken wird die masse bei laune gehalten und das schiff rossija treibt unaufhaltsam ins bermuda dreieck und wird dort früher oder später von den finstern mächten verschluckt. allen beteuerungen zum trotz haben die bis heute die sowjetschulden im staatlichen aussenhandel noch nicht bezahlt usw. russland ist die gelebte kriminelle lüge wo der staat durch die mafia übernommen wurde.
Caleño 02.05.2009
4. Aber so etwas ....
Es ist schon recht verwunderlich, dass wir wieder mal in "althergebrachter Weise" auf die Russen zeigen, welch Skandal, dass eine staatseigene Holding mit 440 Betrieben 19,2 Mrd. € Schulden hat ... empörend ... Und das in Zeiten wo in Europa jeder müde Euro für Subventionen der privaten Autoindustrie benötigt wird ... und dann noch die privaten Banken ... aber hier und in US Landen sind diese sta(a)tlichen Geschenke nur dazu da die Arbeitsplätze zu sichern ... die Russen arbeiten ja so oder so nicht ... in den 440 Betrieben ist es ja egal ob die Leute auf die Strasse fliegen ... es ist ja beim "Erbfeind". Ich hätte mir eine kritischere Presse in der Zeit des Säufers Jelzin gewünscht, in der "einfache Abteilungsleiter" in 10 Jahren zu Multimiliardären werden konnten ... Wir sollten über unser desolates System nachdenken und diskutieren ... die Russen finden Ihren Weg ... auch ohne unsere irreführenden Berichte, wie diesen. Noche ein abschliessendes Wort zu dem Geheimdiensthintergrund, auch das gab es in Deutschland, ohne dass der Spiegel darüber die Nase gerümpft hat - Ich erinnere an Kinkel - der dann als Aussenminister w(i)edergeboren wurde, oder an Steinmeier - der asl höchster Chef der Geheimdienste unseres Landes für meine Begriffe sowohl in Bagdad als auch in Guantanamo noch ein Skelett im Schrank hat ... Also, messen wir die Welt mich gleicher Latte ... oder lassen Sie es ...
Parzival v. d. Dräuen 02.05.2009
5. Labrador
Zitat von sysopEin Protegé aus alten KGB-Tagen wird für Wladimir Putin zunehmend zum Problem: Sergej Tschemesow führt eine Staatsholding, deren Betriebe größtenteils vor der Pleite stehen. Milliarden Rubel aus dem Haushalt sind dort versickert. Gefolgsleute von Präsident Medwedew wollen das beenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,622267,00.html
In England steht ein Kirschbaum und der könnte 400 Meter hochfliegen, wenn der Papst Canasta spielte. Ist die Frage ernst gemeint?
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