Moral-Kampagne Hamas rüstet gegen die Lust

Juliane von Mittelstaedt

Von Juliane von Mittelstaedt, Jerusalem

2. Teil: Orthopädische Strümpfe verdrängen Dessous


Auch der Unterwäschehändler Sami Sainuddin musste sein Schaufenster umdekorieren. Fotos von Frauen mit nackter Haut sind nicht mehr erlaubt, auch keine Dessous. Im Schaufenster hängen jetzt wadenlange Baumwollnachthemden und orthopädische Strümpfe. Nichts, weshalb die Frauen in Scharen in seinen Laden strömen würden. "In den vergangenen Wochen sind die Männer fast täglich zur Kontrolle gekommen", sagt Sainuddin. Sein einziger Trost: Zurückgegangen ist der Umsatz bisher nicht.

Auch am Strand, dem einzigen Ort, an dem sich die Menschen von Gaza öffentlich etwas leichter bekleidet zeigen konnten, ist jetzt Zucht und Ordnung eingekehrt. Die Frauen waten ohnehin schon seit Jahren mit schwarzen Mänteln ins Wasser, darunter oft Ganzkörper-Badeanzüge. Aber jetzt sind auch die Männer dran, zumindest alle über 16 Jahre.

Wen er mit Shorts am Strand erwische, den verwarne er, sagt Taufik al-Nahl, der behauptet, ein Polizist in Zivil zu sein. Jeden Tag kontrolliere er einen anderen Strand, an diesem Tag ist der Hauptstrand von Gaza-Stadt dran, dort wo die Hotels sind und die Fischrestaurants.

Bademeister wacht über Moral und Anstand

Nahl sitzt auf dem Turm des Bademeisters, und während dieser über Leben und Tod wacht, wacht er über den Anstand. "Seit April gelten die neuen Regeln", sagt der Moralwächter. Offiziell? "Ja, ganz offiziell, ich habe das auf Papier stehen", versichert er. Und grinst: "Wir sind sehr erfolgreich. Zum Sommeranfang gab es Tausende Leute, die sich nicht daran gehalten haben. Jetzt sind es nur noch ein paar."

Bei der Kleidung hört die Moral-Kampagne der Hamas aber nicht auf. Es geht auch um einen islamisch gefälligen Lebensstil, und zu dem gehört die Hochzeit. Und so fördert die Hamas derzeit im ganzen Gaza-Streifen Massenhochzeiten, bei denen Hunderte Paare gleichzeitig verheiratet werden. Die größte Massenhochzeit mit 450 Paaren fand Ende Juli im Flüchtlingslager Dschabalija statt, und Ijad al-Busm von der Hamas-Medienabteilung hat sie organisiert.

Hamas-Führer Mahmud al-Sahar hielt die Rede, es gab Blumenketten, traditionellen Tanz und Gesang. Nur die Frauen durften nicht dabei sein, sie wurden vertreten von kleinen Mädchen in weißen Brautkleidern.

Heiraten, um den Krieg zu vergessen

Jeder, der sich für die Hochzeit registrierte, sollte 500 Dollar bekommen und ein paar Küchenutensilien. "Wer eine Witwe heiratet, bekommt noch ein paar Dollar mehr", sagt der Hochzeitsplaner. "Unsere Jugendlichen leiden, viele sind verletzt und traumatisiert, sie haben keine Arbeit, deswegen wollen wir sie verheiraten, damit sie den Krieg vergessen, Familien gründen."

Vor allem auch, damit sie keine Drogen nehmen, nicht tablettenabhängig werden, denn Frauen kontrollieren ihre Männer; und auch, damit es nicht zu viele unverheiratete Frauen im Gaza-Streifen gibt, denn das schafft Unruhe. Zudem soll der politische Frust umgelenkt werden in Familienleben, wer Frau und Kinder hat, der rebelliert nicht so schnell. Busm nennt es lieber "zivilen Widerstand": "Wir zeigen den Israelis, dass wir den Willen zum Überleben haben, dass wir nicht klein beigeben."

Bei den Massenhochzeiten werden Paare verheiratet, die sich eine Hochzeit sonst nicht leisten könnten, oder Paare, die sich sonst nie gefunden hätten. Viele dieser Hochzeiten sind arrangiert, die Hamas bringt Witwen, Waisen und Invaliden unter die Haube, Dauer-Singles, Hässliche und Beinlose, verdiente Kämpfer und traumatisierte Kriegsopfer.

500 Dollar für eine Braut

Mohammed Wadi zum Beispiel, 23 Jahre alt, seit fünf Jahren teilweise gelähmt, weil eine israelische Kugel ihm in den Hals schlug. Im Krieg im vergangenen Winter wurde er nochmals verletzt, Schrapnelle zerfetzten sein Bein. Wadi erzählt, die Hamas-Männer hätten ihn vor ein paar Monaten angesprochen, ihn gedrängt zu heiraten. Sie versprachen 500 Dollar und Wadis Mutter stimmte zu, 500 Dollar kann man nicht ausschlagen.

Die Hamas-Männer schlugen eine Braut vor, die Mutter begutachtete sie beim Kaffee, Wadi sah sie zur Hochzeit Ende Juli zum ersten Mal. Wie er sie findet? Er lacht unsicher. Dann betritt seine Frau das Zimmer, sie trägt einen geblümten Kittel, pinke Badelatschen und Nikab, den Gesichtsschleier. Mohammed Wadi behauptet, seine Frau sei nur fünf Jahre älter als er, aber sie sieht älter aus als seine Mutter. Ob er wenigstens das Geld bekommen habe? Er schüttelt den Kopf. "Nur ein paar Gläser und Schüsseln."

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