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Neue Regeln in Gaza: Lange Mäntel statt kurze Röcke

Foto: Juliane von Mittelstaedt

Moral-Kampagne Hamas rüstet gegen die Lust

Der militärische Erfolg bleibt aus, so besinnt sich die Hamas auf ihre islamistische Agenda: Badehosenverbot für Männer, Massenhochzeiten für alle - und Propaganda gegen Verführungen. Wie angebliche Lust-Kaugummis aus Israel.

Wenn man wissen will, was man in der Hamas derzeit so denkt, ist Islam Schahwan ein guter Gesprächspartner. Schahwan ist Sprecher der Hamas-Polizei, und er kämpft nicht nur gegen das Verbrechen im Gaza-Streifen, sondern vor allem gegen den Verfall der Sitten. Und deshalb hält Islam Schahwan jetzt eine kartenspielgroße Pappschachtel mit Daumen und Zeigefinger, sein Beweisstück. Auf der Schachtel steht: "Lina Sex for Woman", daneben ist das verschwommene Foto einer Blondine in weißer Unterwäsche aufgedruckt und eine Telefonnummer mit der Vorwahl von Burma.

Der Hamas-Mann legt sie auf dem Tisch ab, mit dem Bild nach unten. In der Schachtel versammelt sich, wenn man Schahwan glaubt, alles Übel der Welt: 20 gelbliche Dragees, von denen der Hamas-Mann behauptet, sie enthielten stimulierende Substanzen. "Nach einer halben Stunde Kauen müssen Sie unbedingt Sex haben, sofort, mit allem, sogar mit dem Fernseher", sagt er, es ist ihm sichtlich peinlich.

"Diesen Kaugummi hat die israelische Regierung nach Gaza geschmuggelt, er sollte an Schüler und Schülerinnen verteilt werden, um unsere Gesellschaft zu zersetzen." Die Jugendlichen sollten mittels Sex gegen die Hamas aufgehetzt werden, so sieht er das, so lautet die offizielle Propaganda. Erst Bomben, dann Sex, für Schahwan ist das nur logisch.

"Aber wir konnten das Schlimmste gerade noch verhindern", sagt der Polizeisprecher und lehnt sich breitbeinig auf seinem Stuhl zurück. Die Ehre eines vom Kaugummi erregten Mädchens konnte gerettet werden, die vier angeblichen Kollaborateure sitzen jetzt im Gefängnis, ihnen drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis. Insgesamt 40 Kilo Lust-Kaugummi hat Schahwan konfisziert und im Tresor des Polizeihauptquartiers weggeschlossen, sicher ist sicher.

Natürlich ist der Vorwurf absurd, Israel versuche, die Palästinenser zu einer Revolte der Lust anzustacheln. Aber so lächerlich die Geschichte ist: Sie zeigt, wie die Hamas sich, angesichts ausbleibender militärischer Erfolge, wieder auf die Umsetzung ihrer islamistischen Agenda besinnt. Es ist kein Zufall, dass die Hamas, ein Dreivierteljahr nach dem Luftkrieg der Israelis, nun wieder islamische Regeln strikter durchsetzt.

Moralische Entrüstung gegen sexuelle Freizügigkeit

Sex sells, das gilt auch für die Hamas: Es geht um Kontrolle, um die Demonstration von Macht und auch darum, die Gesellschaft auf ein neues Projekt einzuschwören. Sexuelle Manipulation durch Israel ist da ein guter Anlass, erfordert sie doch Widerstand. Moralischen Widerstand.

Am auffälligsten sind die neuen Verhüllungsgebote für Frauen. Anwältinnen müssen künftig Kopftuch und einen bodenlangen Mantel tragen. Schülerinnen, die zum Schulbeginn ohne Kopftuch und Mantel auftauchen, sollen vom Unterricht ausgeschlossen werden. Männliche Lehrer dürfen nur noch Jungs unterrichten, Frauen nur noch Mädchen. Hamas-Sprecher Islam Schahwan bestreitet, dass es diese Regeln gibt. "Sie sitzen doch auch hier ohne Kopftuch", sagt er lächelnd. "Das zeigt doch, wie tolerant wir sind."

Der Textilhändler Ijad Abu Kuwaik, 31, hat eine andere Geschichte zu erzählen. Normalerweise hätte er Mitte August bereits 400 neue Schuluniformen verkauft: knöchellanger Rock und weite Bluse aus Jeansstoff, das tragen die Schulanfängerinnen hier seit Jahren. "Aber in diesem Jahr habe ich keine einzige Uniform verkauft", sagt Abu Kuwaik. Stattdessen kaufen die Mütter jetzt schwarze, bodenlange Mäntel für ihre Töchter. "Wer weiter die Uniform anbietet, wird bedroht", sagt er. Aber das ist gar nicht nötig: Keine Mutter will mehr seine Jeansröcke, die Drohung der Hamas reicht.

Trägerlose Cocktailkleider für Zuhause

Abu Kuwaik sitzt auf einem Hocker in seinem Laden "Nice Dream", über seinem Kopf hängen kurze Faltenröckchen, trägerlose Cocktailkleider und durchsichtige Blusen mit Leopardenmuster, die er sich per Paketdienst aus Israel schicken lässt oder durch die Tunnel aus Ägypten. "Sachen für das Haus", sagt er, keine Frau käme im Gaza-Streifen auf die Idee, so auf die Straße zu gehen, das war auch schon vor dem Hamas-Putsch vor zwei Jahren so.

Neu ist jetzt allerdings, dass auch die Schaufensterpuppen nicht mehr leicht bekleidet auf der Straße stehen dürfen. Vor einigen Wochen waren ein paar bärtige Männer da, erzählt Abu Kuwaik, sie gaben sich als Moralwächter aus und drohten, er dürfe die kurzen Röcke und engen Blusen nicht mehr an seinen Schaufensterpuppen vor dem Laden ausstellen. "Bei meinem Bruder haben sie eine Schaufensterpuppe mit kurzem Rock einfach mitgenommen", sagt Abu Kuwaik und lacht. "Was die jetzt wohl damit machen?"

Orthopädische Strümpfe verdrängen Dessous

Auch der Unterwäschehändler Sami Sainuddin musste sein Schaufenster umdekorieren. Fotos von Frauen mit nackter Haut sind nicht mehr erlaubt, auch keine Dessous. Im Schaufenster hängen jetzt wadenlange Baumwollnachthemden und orthopädische Strümpfe. Nichts, weshalb die Frauen in Scharen in seinen Laden strömen würden. "In den vergangenen Wochen sind die Männer fast täglich zur Kontrolle gekommen", sagt Sainuddin. Sein einziger Trost: Zurückgegangen ist der Umsatz bisher nicht.

Auch am Strand, dem einzigen Ort, an dem sich die Menschen von Gaza öffentlich etwas leichter bekleidet zeigen konnten, ist jetzt Zucht und Ordnung eingekehrt. Die Frauen waten ohnehin schon seit Jahren mit schwarzen Mänteln ins Wasser, darunter oft Ganzkörper-Badeanzüge. Aber jetzt sind auch die Männer dran, zumindest alle über 16 Jahre.

Wen er mit Shorts am Strand erwische, den verwarne er, sagt Taufik al-Nahl, der behauptet, ein Polizist in Zivil zu sein. Jeden Tag kontrolliere er einen anderen Strand, an diesem Tag ist der Hauptstrand von Gaza-Stadt dran, dort wo die Hotels sind und die Fischrestaurants.

Bademeister wacht über Moral und Anstand

Nahl sitzt auf dem Turm des Bademeisters, und während dieser über Leben und Tod wacht, wacht er über den Anstand. "Seit April gelten die neuen Regeln", sagt der Moralwächter. Offiziell? "Ja, ganz offiziell, ich habe das auf Papier stehen", versichert er. Und grinst: "Wir sind sehr erfolgreich. Zum Sommeranfang gab es Tausende Leute, die sich nicht daran gehalten haben. Jetzt sind es nur noch ein paar."

Bei der Kleidung hört die Moral-Kampagne der Hamas aber nicht auf. Es geht auch um einen islamisch gefälligen Lebensstil, und zu dem gehört die Hochzeit. Und so fördert die Hamas derzeit im ganzen Gaza-Streifen Massenhochzeiten, bei denen Hunderte Paare gleichzeitig verheiratet werden. Die größte Massenhochzeit mit 450 Paaren fand Ende Juli im Flüchtlingslager Dschabalija statt, und Ijad al-Busm von der Hamas-Medienabteilung hat sie organisiert.

Hamas-Führer Mahmud al-Sahar hielt die Rede, es gab Blumenketten, traditionellen Tanz und Gesang. Nur die Frauen durften nicht dabei sein, sie wurden vertreten von kleinen Mädchen in weißen Brautkleidern.

Heiraten, um den Krieg zu vergessen

Jeder, der sich für die Hochzeit registrierte, sollte 500 Dollar bekommen und ein paar Küchenutensilien. "Wer eine Witwe heiratet, bekommt noch ein paar Dollar mehr", sagt der Hochzeitsplaner. "Unsere Jugendlichen leiden, viele sind verletzt und traumatisiert, sie haben keine Arbeit, deswegen wollen wir sie verheiraten, damit sie den Krieg vergessen, Familien gründen."

Vor allem auch, damit sie keine Drogen nehmen, nicht tablettenabhängig werden, denn Frauen kontrollieren ihre Männer; und auch, damit es nicht zu viele unverheiratete Frauen im Gaza-Streifen gibt, denn das schafft Unruhe. Zudem soll der politische Frust umgelenkt werden in Familienleben, wer Frau und Kinder hat, der rebelliert nicht so schnell. Busm nennt es lieber "zivilen Widerstand": "Wir zeigen den Israelis, dass wir den Willen zum Überleben haben, dass wir nicht klein beigeben."

Bei den Massenhochzeiten werden Paare verheiratet, die sich eine Hochzeit sonst nicht leisten könnten, oder Paare, die sich sonst nie gefunden hätten. Viele dieser Hochzeiten sind arrangiert, die Hamas bringt Witwen, Waisen und Invaliden unter die Haube, Dauer-Singles, Hässliche und Beinlose, verdiente Kämpfer und traumatisierte Kriegsopfer.

500 Dollar für eine Braut

Mohammed Wadi zum Beispiel, 23 Jahre alt, seit fünf Jahren teilweise gelähmt, weil eine israelische Kugel ihm in den Hals schlug. Im Krieg im vergangenen Winter wurde er nochmals verletzt, Schrapnelle zerfetzten sein Bein. Wadi erzählt, die Hamas-Männer hätten ihn vor ein paar Monaten angesprochen, ihn gedrängt zu heiraten. Sie versprachen 500 Dollar und Wadis Mutter stimmte zu, 500 Dollar kann man nicht ausschlagen.

Die Hamas-Männer schlugen eine Braut vor, die Mutter begutachtete sie beim Kaffee, Wadi sah sie zur Hochzeit Ende Juli zum ersten Mal. Wie er sie findet? Er lacht unsicher. Dann betritt seine Frau das Zimmer, sie trägt einen geblümten Kittel, pinke Badelatschen und Nikab, den Gesichtsschleier. Mohammed Wadi behauptet, seine Frau sei nur fünf Jahre älter als er, aber sie sieht älter aus als seine Mutter. Ob er wenigstens das Geld bekommen habe? Er schüttelt den Kopf. "Nur ein paar Gläser und Schüsseln."

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