Mord an Hamas-Funktionär Mutmaßliche Killer tarnten sich als Tennisspieler
Mord an Hamas-Führer Mabhuh: Tod in Dubai
Wer steckt hinter dem Mord an Mahmud al-Mabhuh? Vor fast einem Monat wurde der militärische Führer der Hamas in Dubai umgebracht - jetzt erheben die Ermittler in dem Emirat schwere Vorwürfe. Der israelische Geheimdienst Mossad und ein Team mehrerer Europäer sollen möglicherweise hinter der Tötung des militanten Palästinensers stecken.
Der Polizeichef von Dubai, Generalleutnant Dahin Khalfan Tamim, will Haftbefehle gegen insgesamt elf Europäer ausstellen, darunter einen Deutschen. Sie sollen Mabhuh erdrosselt haben, unter anderem als harmlose Tennisspieler verkleidet. Die Namen, Fotos und Passnummern der angeblich Beteiligten finden sich an diesem Dienstag auf allen Titelseiten der Zeitungen im Emirat: "Wanted".
Der Polizei in Dubai zufolge soll das Kommando von Peter E. geleitet worden sein, einem 49-Jährigen mit französischem Pass. Neben ihm verdächtigt: drei Iren, darunter eine Frau, sechs Briten und ein Deutscher, der 43-jährige Michael B. Alle seien mit gültigen Pässen eingereist. Außerdem seien zwei in den Emiraten lebende Palästinenser festgenommen worden. Einer der beiden habe Mahbuh gleich nach dessen Ankunft auf dem Flughafen von Dubai getroffen. Tamim zufolge hat einer "gestanden, logistische Hilfe geleistet zu haben".
Von den elf Verdächtigen sei einer nach Hongkong, die anderen in europäische Länder ausgeflogen. Ihr genauer Aufenthaltsort sei bekannt: "Wir haben die Verdächtigen identifiziert und werden Haftbefehle gegen sie erlassen. Wir wissen, wo sie jetzt gerade sind, und kennen ihre Adressen." Er hoffe auf Unterstützung durch Interpol.
"Wir werden rechtlich gegen jede Seite vorgehen"
Den Ermittlern zufolge handelte das Team möglicherweise im Auftrag des israelischen Geheimdienstes . Auch die Hamas hat Israel schon vorgeworfen, hinter dem Mord zu stecken. Falls sich die Vorwürfe bewahrheiten würden, wäre es eine der spektakulärsten Auslandsaktionen des Geheimdienstes der vergangenen Jahre.
Tamim sagte zu den Mossad-Spekulationen, Dubai würde auch einen internationalen Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsident erlassen, falls sich die Beteiligung des Geheimdienstes belegen lasse. "Wir werden rechtlich gegen jeden und jede Seite vorgehen, die nachweislich hinter dem Mord steht."
Dubais oberster Polizist schloss aber auch nicht aus, dass Machtkämpfe innerhalb der Hamas eine Rolle gespielt haben könnten. Mabhuh war der Gründer des militärischen Flügels der Hamas, der Kassam-Brigaden. Israel verdächtigte den 50-Jährigen unter anderem der Entführung und Ermordung zweier israelischer Soldaten 1989. Er soll eine "zentrale Rolle beim Waffenschmuggel aus Iran an Militante im Gaza-Streifen" spielen, sagte ein Militärsprecher der Nachrichtenagentur AP.
Vier Killer sollen im Zimmer des Hamas-Führers gewartet haben
Bisher ist unbekannt, weshalb Mabhuh am 20. Januar ohne seine üblichen Bodyguards nach Dubai kam und noch dazu mit seinem regulären Pass einreiste. Zuletzt war er im Mai 2009 für eine ärztliche Behandlung im Emirat gewesen.
Diesmal checkte er der Polizei zufolge um 15.25 Uhr im Fünf-Sterne-Hotel al-Bustan Rotang ein, Zimmer 230. Zwei Mitglieder des Kommandos sollen ihn beobachtet und das Zimmer 237 gebucht haben, gleich gegenüber auf demselben Flur. Zwei andere begleiteten ihn den Ermittlern zufolge im Fahrstuhl, getarnt als Tennisspieler mit Handtüchern um den Hals.
Danach unternahm Mabhuh offenbar einen Stadtspaziergang. Tamim sagte, das Kommando habe sich mit einem elektronischen Gerät Zugang zum Zimmer des Hamas-Führers verschafft. Ein Mann soll als Reinigungsperson verkleidet Wache gestanden haben, vier andere hätten im Zimmer auf Mabhuhs Rückkehr gewartet.
Die Operation dauerte angeblich weniger als 24 Stunden
Um 20.24 Uhr soll der Hamas-Führer von seinem Ausflug wiedergekommen sein. Was in den nächsten 20 Minuten passierte, ist trotz Auswertung von Sicherheitskameras und Spurensicherung noch unklar. Er sei vermutlich mit einer Taser-Elektroschockwaffe betäubt worden, sagte Tamim - und dann mit einem Kissen erstickt worden. Das hatte auch schon Mabhuhs Bruder Hussein behauptet, der in einem Flüchtlingslager in Gaza lebt.
Im Raum sind der Polizei zufolge Spuren beseitigt worden. Alles habe nach einem natürlichen Tod aussehen sollen. Bis 20.52 Uhr hätten alle Verdächtigten paarweise das Hotel wieder verlassen. Die ganze Operation habe von der Ein- bis zur Ausreise weniger als 24 Stunden gedauert.
Das Kommando ließ der Polizei zufolge alle Mobiltelefone ausgeschaltet und benutzte ausschließlich kryptierte Geräte, die im üblichen Handel nicht zu finden sind. Rechnungen seien bar bezahlt worden. Das ganze Verbrechen ist der Polizei zufolge akribisch geplant worden - so berichtet die lokale "Khaleej Times", ein israelischer Journalist habe die Örtlichkeiten zuvor fotografiert.
Dubai will nicht zum Schauplatz für Geheimdienstoperationen werden
Dass Dubai nun bei der Fahndung nach den mutmaßlichen Killern die erhoffte internationale Hilfe bekommt, ist eine recht vage Aussicht. Zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und den genannten europäischen Staaten gibt es kein Auslieferungsabkommen.
"Wir hoffen, dass diese Länder kooperieren werden und die Verbrecher an Dubai ausliefern", sagte Polizeichef Tamim. Und drohte: "Wenn nicht, würde das Folgen für unsere Kooperation mit ihnen haben."
Die globale Metropole Dubai fürchtet, wegen ihrer relativen Offenheit zum Schauplatz für Geheimdienstoperationen zu werden. Im März 2009 wurde der ehemalige tschetschenische Kriegsfürst Sublim Yamadayew in einem Parkhaus nahe der Jumeirah Beach Residence ermordet. Er hatte das Lager gewechselt und sich der russischen Seite angeschlossen.
Auch aus anderen Beweggründen kam es zu aufsehenerregenden Morden. So ließ der ägyptische Immobilienmagnat und Politiker Hischam Talaat Mustafa im Juni 2008 eine libanesische Popsängerin umbringen, ebenfalls in Jumeirah Beach - sie war seine ehemalige Geliebte. Er ist deshalb inzwischen in seiner Heimat zum Tode verurteilt worden.