Mord an Hrant Dink "Nach dem Freitagsgebet habe ich ihn erschossen"

Der minderjährige Ogün Samast hat zugegeben, den türkischen Journalisten Hrant Dink auf offener Straße erschossen zu haben. Im Internet habe der Jugendliche Äußerungen Dinks gelesen und daraufhin den Mord beschlossen. Reue zeige er nicht, hieß es.


Istanbul - Zwei Tage nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat der minderjährige Hauptverdächtige Orgün Samast die Tat gestanden. Der aus dem nordosttürkischen Trabzon stammende 17-Jährige habe bei einer ersten Vernehmung ein Geständnis abgelegt, sagte der Generalstaatsanwalt der Stadt Samsun, Ahmet Gökçinar der Nachrichtenagentur Anadolu. Bei seiner gestrigen Festnahme in der Hafenstadt am Schwarzen Meer sei auch die mutmaßliche Tatwaffe sichergestellt worden.

Hrant-Attentäter Samast (nach seiner Festnahme): "Ich bereue das nicht"
REUTERS

Hrant-Attentäter Samast (nach seiner Festnahme): "Ich bereue das nicht"

"Er hat den Mord zugegeben", sagte Generalstaatsanwalt Gökçinar. Der Fernsehsender CNN-Turk zitierte Samast aus dem Verhör mit den Worten: "Ich habe ihn erschossen, nachdem ich das Freitagsgebet gesprochen hatte." Im Internet habe er gelesen, dass Dink gesagt habe, türkisches Blut sei schmutzig, deshalb habe er entschieden, ihn zu töten. "Ich bereue das nicht", sagte der Teenager, der laut Medienberichten nationalistischen Gruppen nahe stehen soll. Er war am späten Samstagabend am Busbahnhof von Samsun auf dem Weg zurück in seine Heimatstadt Trabzon festgenommen worden. Sein Vater hatte ihn auf Bildern von Überwachungskameras erkannt. Der Journalist Hrant Dink, einer der bekannteste Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei, war am Freitag in Istanbul auf offener Straße erschossen worden.

Im Zusammenhang mit der Tat wurden nach Angaben der Behörden sechs weitere Verdächtige aus Trabzon festgenommen, darunter ein angeblicher Freund Samasts, der laut Medienberichten im Jahre 2004 wegen eines Anschlags auf ein McDonalds-Restaurant mit sechs Verletzten bereits elf Monate im Gefängnis gesessen habe. Samast habe ausgesagt, dieser Freund, dessen Name mit Yasin H. angegeben wurde, habe ihn zum Mord an Dink ermutigt, berichtete die Zeitung "Milliyet". Auch die Mordwaffe habe er von diesem Freund. Samast und vier der Verdächtigen aus Trabzon wurden heute nach Istanbul überstellt, außerdem zwei weitere Männer, die laut Anadolu im selben Bus unterwegs waren wie der Teenager.

Dinks Anwalt Erdal Dogan forderte die Behörden auf, die Drahtzieher hinter der Tat und damit die wahren Verantwortlichen zu stellen. Der Junge habe zwar offenbar den Abzug gedrückt, die Behörden düften sich aber nicht damit begnügen, ihn gefasst zu haben, sagte Dogan der Zeitung "Aksam". Mitarbeiter von Dinks zweisprachiger Wochenzeitung "Agos" sagten nach Angaben des Istanbuler Gouverneurs Muammer Güler aus, Samast sei drei Stunden vor dem Anschlag in der Redaktion erschienen, habe sich als Student aus Ankara vorgestellt und Dink zu sprechen verlangt. Er sei weggeschickt worden, aber zwei Stunden später von einer Sekretärin vor dem Redaktionsgebäude in der Istanbuler Innenstadt wieder gesehen worden.

bor/AFP



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