Mord an Menschenrechtsaktivistin "Natalia ist ständig bedroht worden"

Der brutale Mord an Natalia Estemirowa überschattet den deutsch-russischen Dialog in München. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Moskauer Menschenrechtsaktivist Arseni Roginski über den Tod seiner Mitarbeiterin - und erklärt, warum er Tschetscheniens Präsident Kadyrow verdächtigt.


SPIEGEL ONLINE: Arseni Roginski, gestern ist im Nordkaukasus ihre Mitarbeiterin Natalia Estemirowa ermordet worden. Unbekannte haben sie verschleppt und erschossen. Was wissen Sie über die Tat?

Ermordete Estemirowa: "Ein Geschenk für Kadyrow"
AFP

Ermordete Estemirowa: "Ein Geschenk für Kadyrow"

Roginski: Diese schreckliche Tat ist erst gestern geschehen, wir wissen deshalb noch nicht viel. Natalia war Vertreterin unserer Dependance in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Nach allem, was wir wissen, hat sie am Mittwoch ihr Haus verlassen und ist zur Arbeit gegangen. Auf dem Weg ist sie überfallen und von unbekannten Männern in einen Wagen gezerrt worden. Zeugen haben gesehen, dass es ein weißer Kleinwagen der russischen Marke Schiguli war. Sie konnte noch um Hilfe rufen, sie schrie, dass sie entführt wird. Einige Stunden später wurde ihr Leichnam in Inguschien, der Nachbarrepublik von Tschetschenien, gefunden. Sie wurde erschossen.

SPIEGEL ONLINE: Estemirowa hat bereits seit langen Jahren für Ihre Organisation Memorial gearbeitet. Womit genau hat sie sich befasst?

Roginski: Außer unserer Zentrale in Moskau haben wir eine Reihe von Büros im Nordkaukasus. Unsere Mitarbeiter gehen dort Menschenrechtsverletzungen nach, sie sammeln Informationen, sie ermitteln. Es gibt im Kaukasus Gebiete, in denen sogenannte Anti-Terror-Operationen durchgeführt werden, Sicherheitskräfte gehen gegen bewaffnete Separatisten vor. Natalia hat über Entführungen, Folter und Morde recherchiert. Sie war äußerst professionell. Mit der Zeit hat sie dann begonnen, auch über Ihre Arbeit zu schreiben. Sie veröffentlichte Artikel in verschiedenen Zeitungen. Auch in der "Nowaja Gaseta", bei der auch die 2006 erschossene Anna Politkowskaja gearbeitet hat. Sie war, wie Anna Politkowskaja, beides: Menschenrechtsaktivistin und Journalistin - auch wenn Natalia erst über ihre Arbeit zum Schreiben gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Woran hat sie zuletzt gearbeitet?

Roginski: Sie hat an vielen Dingen gleichzeitig gearbeitet. Besonderes Aufsehen erregte aber der Fall eines jungen Mädchens. Die 20-jährige Madina wurde im Juni entführt, misshandelt und starb letztlich. Nach Meinung von Natalia steckten tschetschenische Sicherheitskräfte dahinter. Mehr noch: Anfang Juli fuhren Bewaffnete dann im Dorf von Madina vor, sie zündeten das Elternhaus von Madina an. Vor einer Woche hat Natalia das publik gemacht. Ich bin überzeugt, das ist der Auslöser für den Mord.

SPIEGEL ONLINE: Gab es zuvor Drohungen?

Roginski: Sie ist ständig bedroht worden. Im Kaukasus machen die Menschen nicht viel Aufhebens, sie nehmen kein Blatt vor den Mund und sind sehr direkt. Man hat ihr gesagt, sie solle ihre Nachforschungen doch besser bleiben lassen, in ihrem eigenen Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Estemirowa bedroht? Doch nicht etwa Vertreter der Staatsmacht in Tschetschenien?

Roginski: Es finden sich immer Mittelsmänner. Boten, die nicht direkt zum Staatsapparat gehören. Sie hat auch mehrfach persönlich mit Präsident Ramsan Kadyrow gesprochen. Die Botschaft war stets die gleiche: "Natalia, wir sind unzufrieden mit dir."

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Drahtzieher des Mordes?

Roginski: Fakt ist, dass Natalias Leiche in einem Gebiet in der Nachbarrepublik Inguschien gefunden wurde, in dem Einheiten von Kadyrow eine Kommandoaktion gegen aufständische Islamisten durchführen. Das Territorium ist unter ihrer Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Oleg Orlow von Memorial sagt, es könne keinen Zweifel geben, dass Kadyrow eine Todesschwadron auf Estemirowa angesetzt hat.

Roginski: Soweit würde ich nicht gehen. Wir können das nicht mit Sicherheit wissen. Kadyrows Widersacher jedenfalls hätten keinerlei Interesse an ihrem Tod - Natalia hat doch unentwegt die Verbrechen und Greueltaten von Kadyrows Männern, den sogenannten Kadyrowzy, angeprangert. Meiner Meinung müssen die Schuldigen deshalb im Umfeld der tschetschenischen Führung gesucht werden. Aber ich betone auch: Das ist meine Mutmaßung, ich habe keine belastbaren Beweise. Entscheidend ist, dass Kadyrow solche Order gar nicht geben muss. Es gibt in Tschetschenien genug Leute, die darauf erpicht sind, sich den Machthabern in Grosny anzudienen. Mit der Ermordung von Natalia haben sie ihm ein Geschenk gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Täter zu Rechenschaft gezogen werden?

Roginski: Ich bin sehr skeptisch. Bis heute sind die Morde an Politkowskaja und dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow Anfang des Jahres nicht aufgeklärt. Vielleicht, wenn Ramsan Kadyrow sich von der Tat zu distanzieren wünscht, werden Schuldige gefunden werden. Doch wie das so bei uns ist: Es werden Sündenböcke sein, ich bin mir aber sicher, dass die wahren Täter nie bestraft werden.

Das Interview führte Benjamin Bidder



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