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19. Januar 2007, 14:47 Uhr

Mordanschlag

Türkisch-armenischer Journalist Dink erschossen

Der Armenier-Konflikt in der Türkei hat einen neuen traurigen Höhepunkt erreicht: In Istanbul erschossen Attentäter den bekannten Journalisten Hrant Dink. Trotz internationaler Proteste war er im vergangenen Jahr wegen Beleidigung des Türkentums zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Istanbul - Auf Dink wurden mehrere Schüsse abgefeuert, als er das Zeitungshaus in Istanbul verließ. Er sei auf der Stelle tot gewesen, berichteten türkische Nachrichtensender. Hinweise auf den oder die Täter gab es zunächst nicht.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte den Mordanschlag. Das "abscheuliche Attentat" sei "gegen uns alle als Nation, gegen unsere Einheit und unser Zusammenleben, gegen Frieden und Stabilität" gerichtet, sagte Erdogan heute. "Unsere Trauer ist groß", fügte er hinzu.

Wegen seines Engagements für die armenische Minderheit in der Türkei war Dink im vergangenen Jahr in Hamburg mit dem Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit 2006 ausgezeichnet worden. In der Türkei sah sich der Journalist Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt.

Wegen "Beleidigung des Türkentums" war Dink zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Das Urteil war erst im vergangenen Jahr vom obersten Gericht der Türkei bestätigt worden. Unter demselben Paragrafen angeklagt war unlängst auch der türkische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk.

Der Völkermord an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Der Vorläufer der heutigen Türkei, das Osmanischen Reich, hatte zwischen 1915 und 1923 systematischen Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern begangen.

Die Türkei bestreitet die Vorwürfe des Völkermords. Sie räumt zwar ein, dass tausende Armenier von Soldaten des Osmanischen Reiches getötet wurden. Zugleich macht sie geltend, dass Armenier und ihre russischen Verbündeten auch Massaker an Türken und Kurden verübt hätten.

hen/dpa/Reuters

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