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30. März 2011, 19:04 Uhr

Morde in Afghanistan

"Kill-Team"-Gräuelfotos schockieren Karzai

Von , John Goetz und Shoib Najafizada

Erstmals hat sich der afghanische Präsident Hamid Karzai zu Fotos geäußert, auf denen US-Soldaten mit getöteten Zivilisten posieren. Die grausamen Bilder des selbst erklärten "Kill Teams" schockierten und entsetzten ihn: "Die Welt muss endlich aufwachen."

Kabul - Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat sich rund zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Gräuelbildern, die US-Soldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan zeigen, zu den Aufnahmen geäußert. Bei einer Rede vor Studenten in Kabul sagte der Präsident, die erstmals im SPIEGEL veröffentlichten Bilder hätten ihn getroffen. "Die Bilder von den getöteten Zivilisten haben mich geschockt und verletzt", sagte er. "Ich spreche diese Geschichte an, weil die Welt endlich aufwachen muss."

Die Aufnahmen aus Afghanistan zeigen US-Soldaten, die mittlerweile als "Kill Team" bekannt sind. Während ihrer Dienstzeit hatten sie Afghanen ohne Grund getötet und später Bilder von sich und den Leichen gemacht. "Ich habe die Geschichte in dem deutschen Magazin gesehen", sagte Karzai, "diese amerikanischen Soldaten haben junge Männer unserer Volkes aus Spaß getötet".

Karzai bezeichnete die Männer als Gruppe von zehn bis zwölf Männer, die offenbar Drogen genommen hätten. Die Äußerungen Karzais waren die erste öffentliche Reaktion der afghanischen Regierung auf die Bilder, die auch in Afghanistan für große Aufregung gesorgt hatten. Der Präsident war schon im Mai 2010 über die Existenz der Fotos informiert worden.

Veröffentlichung der Fotos fällt in sensible Zeit

Die internationalen Truppen und die US-Regierung hatten schon vor der Veröffentlichung mögliche gewaltsame Proteste und gezielte Attacken auf US-Soldaten, aber auch auf die internationale Schutztruppe Isaf, an der auch die Bundeswehr beteiligt ist, befürchtet. Deswegen hatten Washington und die US-Armee die afghanische Regierung in mehreren Top-Gesprächen bereits vorab über die Bilder informiert. Unter anderem sprach der Vize-Präsident Joe Biden mit Karzai. So sollte versucht werden, einen Wutausbruch der Kabuler Regierung zu verhindern.

Die US-Armee entschuldigte sich öffentlich: Die Bilder seien "abstoßend" und widersprächen "den Standards und Werten der US-Armee", hieß es. "Wir entschuldigen uns für das Leid, das diese Fotos verursachen." Für das amerikanisch-afghanische Verhältnis fallen die Ereignisse in eine besonders sensible Zeit: Denn Washington und Kabul verhandeln gerade über die Bedingungen der Stationierung permanenter militärischer US-Basen am Hindukusch.

Bereits vergangene Woche hat ein US-Militärtribunal den Soldaten Jeremy Morlock zu 24 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, vier weitere sind wegen Mordes angeklagt. Morlock hatte gestanden, Mitglied des "Kill Teams" zu sein und drei unbewaffnete Zivilisten in Afghanistan getötet zu haben.

US-Armee stellt 4000 Fotos sicher

Die Gruppe soll zwischen Januar und Mai 2010 die Zivilisten mit Gewehren und Granaten getötet haben. Laut Anklage nahmen einige der Männer außerdem Gebeine als Trophäen mit und ließen sich mit einem ihrer toten Opfer grinsend ablichten. Die Morde ließen sie demnach so aussehen, als hätten sie in Notwehr gehandelt. Dazu seien regelrechte Drehbücher entwickelt worden, berichteten Angeklagte. SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE hatten drei der Fotos veröffentlicht. Die Gruppe soll außerdem Drogen konsumiert und einen Afghanen verprügelt haben, als dieser sie anzeigen wollte. Auch SPIEGEL-TV berichtete über die Vorfälle.

Die drei veröffentlichten Fotos sind nur ein verschwindend geringer Teil von Tausenden Fotos, die unter den Soldaten kursierten. Viele Bilder sind der Öffentlichkeit nicht zumutbar. Die US Army hat 4000 Fotos sichergestellt und hält diese unter Verschluss. Viele davon haben die Angeklagten selbst aufgenommen.

Nach der Veröffentlichung einiger Bilder im SPIEGEL hatte die US-Zeitschrift "Rolling Stone" in den letzten Tagen weitere Bilder, welche die Gräueltaten der US-Soldaten zeigen, veröffentlicht. Beobachter in Kabul befürchten wegen der Aufnahmen noch immer Proteste in Afghanistan oder anderen Teilen der islamischen Welt. Die Wirkung der Fotos vergleichen sie sogar mit dem Effekt, welche die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghuraib ausgelöst hatten.

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