Mordfall Bhutto Pakistans Ex-Präsident Musharraf im Visier der Uno

Schwere Vorwürfe gegen Pakistans früheren Staatschef Pervez Musharraf: Eine Uno-Kommission bemängelt dessen Schutzmaßnahmen für die später ermordete Benazir Bhutto. Auch der Ermittlungsarbeit der Polizei wird ein schlechtes Testat ausgestellt.

Pakistans Ex-Präsident Musharraf: "Wusste von den Drohungen gegen Bhutto"
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Pakistans Ex-Präsident Musharraf: "Wusste von den Drohungen gegen Bhutto"


New York - Es war ein Auftrag von ganz oben. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon wollte die Umstände des Mordes an Benazir Bhutto untersuchen. Die frühere pakistanische Ministerpräsidentin und Chefin der Pakistanischen Volkspartei (PPP) war am 27. Dezember 2007 nach einer Wahlkampfkundgebung in der Garnisonsstadt Rawalpindi bei einem Anschlag getötet worden. Mit ihr starben 20 weitere Menschen.

Die Ermittlungen einer Uno-Kommission ergaben jetzt, dass die Vorkehrungen zum Schutz der 54-jährigen Politikerin damals "verhängnisvoll unzureichend und uneffektiv" waren. Nach dem Attentat habe es der pakistanischen Polizei "an Unabhängigkeit und politischem Willen gemangelt, die Wahrheit herauszufinden", heißt es in dem am Donnerstagabend in New York veröffentlichten Untersuchungsbericht.

"Etliche Regierungsbeamte machten gravierende Fehler", fand die von Ban eingesetzte Kommission während ihrer neunmonatigen Nachforschungen heraus. Diese Beamten hätten Bhutto nicht nur die nötige Sicherheit versagt, sondern es später auch unterlassen, nach den Drahtziehern, Planern und Geldgebern des Attentats zu fahnden. Ins Visier der Uno-Ermittler ist Ex-Präsident Pervez Musharraf gerückt: "Die Regierung von General Musharraf wusste von den ernstzunehmenden Drohungen gegen Frau Bhutto, tat aber wenig mehr als diese an sie (Bhutto) und die Provinzregierung weiterzureichen."

Dass die Polizei von Rawalpindi nach dem Selbstmordanschlag eines 15-jährigen Jungen umgehend den Tatort mit Wasser abspritzte und so gut wie kein Beweismaterial sammelte, war nach Meinung der Uno-Ermittler mehr als nur Inkompetenz. Sie seien überzeugt, dass Rawalpindis Polizeichef nicht aus eigenen Stücken handelte, sondern von "höherer Seite" instruiert wurde, heißt es in dem Bericht weiter.

Den gleichen Verdacht hegen die Ermittler im Zusammenhang mit der unterlassenen Obduktion. Bhuttos Leiche sei lediglich in einen Sarg gelegt und zum Flughafen gefahren worden, wo ihr Mann sie Stunden später übernahm.

Der Bericht macht darauf aufmerksam, dass Musharraf schon am Tag nach dem Attentat den Verdacht auf den Führer der radikal-islamischen Bewegung Tehrik-e-Taliban, Baitullah Mehsud, lenkte. Zu jenem Zeitpunkt habe es aber noch keine Beweise für Mehsuds mögliche Schuld geben können, stellen die Ermittler fest. Tatsächlich bestritt der inzwischen tote Taliban-Führer stets seine Verwicklung in das Attentat. Bhuttos Witwer, Pakistans gegenwärtiger Präsident Asif Ali Zardari, verdächtigte hingegen pakistanische Führungskreise. Für den Mord wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen.

Musharraf ließ die Anschuldigungen über einen Mitarbeiter zurückweisen: Der Uno-Report sei ein "Bündel voller Lügen". Die Regierung in Islamabad dagegen zeigte sich zufrieden. Ein Sprecher von Präsident und Bhutto-Witwer Zardari sagte der staatlichen Nachrichtenagentur APP, der Staatschef habe das Ergebnis der neunmonatigen Untersuchung in einer ersten Reaktion als "zufriedenstellend" bezeichnet. Gleichzeitig kündigte er an, die Regierung werde eigene Ermittlungen nun weiter intensivieren. Der UN-Bericht habe dafür die Richtung vorgegeben.

Auf Islamabads Bitte auch hatte Ban im Juni 2009 den chilenischen Uno-Botschafter Heraldo Muñoz, den indonesischen Ex-Justizminister Marzuki Darusman und den irischen Polizisten Peter Fitzgerald damit beauftragt, die Hintergründe des Anschlags aufzuklären. Der Geheimdienst habe ihnen die Nachforschungen erheblich erschwert, sagte nun Muñoz bei der Vorlage des 65-seitigen Berichts in New York. Darin fordern die drei Ermittler Pakistan auf, die Untersuchungen fortzusetzen und die Drahtzieher des Attentats zur Verantwortung zu ziehen.

sef/dpa/AFP/AP



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