Festnahmen nach Mord an Daphne Caruana Galizia Die Spur des Geldes

Seit Jahren sucht Malta die Auftraggeber für den Mord an der Journalistin Caruana Galizia. Jetzt wurde ein Unternehmer verhaftet, als er mit seiner Yacht fliehen wollte. Ein Verdächtigter behauptete, die Strippenzieher zu kennen.

Mit einem Foto der ermordeten Journalistin fordern Menschen in Valletta den Rücktritt des Ministerpräsidenten
Guglielmo Mangiapane/Reuters

Mit einem Foto der ermordeten Journalistin fordern Menschen in Valletta den Rücktritt des Ministerpräsidenten


Es war noch dunkel, als Yorgen Fenech am frühen Mittwochmorgen den Hafen Portomaso auf Malta verließ. Seine Yacht Gio nahm offensichtlich Kurs Richtung Italien. Aber sie kam nicht weit. Die Polizei fing das Boot ab - und verhaftete Fenech, einen der wohlhabendsten und einflussreichsten Geschäftsmänner von Malta. Sein mutmaßlicher Fluchtversuch war gescheitert.

In der kleinen Inselrepublik mit weniger als 500.000 Einwohnern ist die Aufregung groß. Viele glauben, dass nach der Festnahme das spektakulärste Rätsel der vergangenen Jahre bald aufgeklärt wird: Wer steht hinter dem brutalen Auftragsmord an der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia, die im Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet wurde?

Hafen Portomaso, in dem die Yacht von Yorgen Fenech lag
DOMENIC AQUILINA/EPA-EFE/REX

Hafen Portomaso, in dem die Yacht von Yorgen Fenech lag

Nur einen Tag bevor Fenech in See stach, hatte eine andere Nachricht für Aufsehen gesorgt. Ein Verdächtiger aus der maltesischen Halbwelt, den die maltesische Presse als Mittelsmann im Mordkomplott beschreibt, war festgenommen worden. Der Verhaftete behauptet, die Hintergründe des Mordes an Caruana Galizia zu kennen. Premierminister Joseph Muscat stellte dem Mann Straffreiheit in Aussicht, falls er mit der Justiz zusammenarbeite und Informationen liefere, die zu den Auftraggebern des Mordes führten.

Wenig später machte sich Fenech mit seiner Yacht davon. Nun wird einigermaßen wild spekuliert: Was hatte der Mittelsmann mit dem Attentat zu tun? Wie gut kannte er Fenech? Und was hat Fenech von dessen Aussagen zu befürchten?

Seit zwei Jahren beschäftigt der Mordfall Caruana Galizia in Malta Politik und Gesellschaft. Die Journalistin hatte mit ihren Artikeln häufig für Aufsehen und Ärger gesorgt. Ihre Recherchen richteten sich unter anderem gegen eine Untersuchungsrichterin, Geschäftsleute und Regierungsmitglieder. Als Partnerin eines internationalen Rechercheverbundes wertete sie Teile der Panama Papers für Malta aus und enthüllte dabei fragwürdige Finanzgeschäfte von Regierungsmitgliedern. Immer wieder wurde die Journalistin bedroht und mit Klagen überzogen.

"Ein nationales Trauma"

Am 16. Oktober 2017 wurde Caruana Galizia in der Nähe ihres Hauses in ihrem Auto in die Luft gesprengt. Ihr Sohn Matthew hörte die Explosion von zuhause aus. Er fand Körperteile seiner Mutter im Umkreis des in ein Feld geschleuderten Fahrzeugs.

"Die Ermordung Daphnes hat unsere Gesellschaft erschüttert", sagt Vanessa Frazier, die maltesische Botschafterin in Rom. "Alle wissen, wo sie an ihrem Todestag gewesen sind. Es ist ein nationales Trauma." Umgehend habe die Regierung Informanten eine Belohnung von einer Million Euro angeboten, falls deren Tipps zur Ergreifung der Täter führten.

Nur wenige Wochen später nahmen die maltesischen Behörden zehn Männer fest. Drei von ihnen sollen das Killer-Kommando gebildet haben, wurden aber bislang nicht verurteilt. Warum Caruana Galizia getötet wurde und wer als Auftraggeber in Frage kommt, blieb offen. Nachrichten und Mutmaßungen überschlugen sich in den lokalen Medien. Bislang gab es viele Vorwürfe, aber nicht so viele harte Belege und keine Verurteilungen. Wenn sich die jüngsten Berichte erhärten, könnte sich nun ein klareres Bild ergeben.

Druck auf Ministerpräsident Muscat steigt

Maltas Premier Joseph Muscat
Guglielmo Mangiapane/REUTERS

Maltas Premier Joseph Muscat

Die Spur des Geldes würde demnach unter anderem zu einer mysteriösen Firma namens 17 Black mit Sitz in Dubai führen, über die auch Daphne Caruana Galizia recherchiert hatte. Gelder dieser Firma sollen über Panama offenbar an ein Kabinettsmitglied und an einen engen Mitarbeiter von Ministerpräsident Joseph Muscat geflossen sein. Gut ein Jahr nach dem Attentat meldeten Reuters und die "Times of Malta", der Eigentümer von 17 Black sei Yorgen Fenech.

Fenech war Chef der Tumas Group, bis er offenbar kurz vor seinem Fluchtversuch von diesem Posten zurücktrat. Das von seinem Vater gegründete Unternehmen verdient sein Geld nach Angaben der "Times of Malta" unter anderem mit Immobilien, Kasinos, Hotels, im Hafen und im regierungsnahen Energiesektor - und war Gegenstand von Daphne Caruana Galizias Recherchen. Vorwürfe habe Fenech bislang zurückgewiesen, schreibt die Zeitung. Er habe aber nicht dementiert, Eigentümer von 17 Black zu sein.

Von den Behörden wird Fenech nach maltesischen Medienangaben im Zusammenhang mit den Mordermittlungen bislang nicht als Angeklagter geführt, sondern als "person of interest". Nach seiner Festnahme habe der Geschäftsmann, so die Zeitung "Malta Today", nun seinerseits ein Gnadengesuch an den Staatspräsidenten gestellt und dafür eine Aussage über den Mordfall angeboten.

Demonstrationen in Valletta, Malta, am 20. November
Matthew Mirabelli /AFP

Demonstrationen in Valletta, Malta, am 20. November

In der Hauptstadt Valetta demonstrierten unterdessen am Freitagabend tausende Bürger vor dem Regierungspalast Auberge de Castille, wo sie auf einem übergroßen Plakat das Wort "Mafia" über die Köpfe von Ministerpräsident Muscat und zwei weitere Politiker geschrieben hatten. Sie schwenkten die Nationalflagge, sangen feierlich ihre Hymne - und forderten den Rücktritt des Regierungschefs.

insgesamt 14 Beiträge
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brux 23.11.2019
1. Tja
Ich kenne Malta gut. Kulturell irgendwie zwischen England und Sizilien. Das viele Geld, das durch den EU Beitritt ins Land kam, hat die sizilianische Seite befördert. Schade, aber eben auch eine Chance zur Selbstreinigung, also zur Wiederentdeckung der englischen Seite. Es ist ja nicht so, dass politische Morde weiter nördlich nicht vorkommen.
freddygrant 23.11.2019
2. Es wird dringend zu ...
...klären sein, warum er aus Malta flüchtete und wohin dierser Fenech wirklich abhauen wollte. Im übrigen zeigt dieser kaltblütige und grausame Mord an Galizia u.a. sehr deutlich, dass EU-Europa in der Aufklärung und Vermeidung von internationaler Kriminalität und Verbrechen noch nicht sehr weit gediehen bzw. gekommen ist.
nickellodeon 23.11.2019
3.
Telepolis gelesen? Da ist das ganz gut aufgearbeitet.
OskarMaria 23.11.2019
4. Von Baku nach Valletta
Leider vergisst der Spiegel zu erwähnen, dass Daphne Caruana Galizia ein wesentlich breiter aufgestelltes Komplott recherchiert hat. Die Spur führte auch nach Aserbaidschan. Es geht um ein großes Gaskraftwerk, das Malta mit Elektrizität versorgen sollte. Bei der öffentlichen Ausschreibung hatten sich 18 Firmen beteiligt, den Zuschlag erhielt ein Unternehmen an dem sowohl Unternehmen jenes Verdächtigen Yorgen Fenech, eine staatliche Gasfirma von Aserbaidschan und Siemens beteiligt sind. Kurz zuvor waren die Sozialdemokraten an die Regierung gekommen. So häuften sich die Merkwürdigkeiten. Die Journalistin konnte in einer kleinen maltesischen Bank ein Dokument einsehen, nachdem die Frau des damalig neuen Ministerpräsidenten Muscat auf eine panamesische Scheinfirma etwa eine Million Euro überwiesen bekommen hätte - Absender die Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten. Das Problem war, sie konnte keine Kopie anfertigen und wurde deshalb von Muscat verklagt. Der Kabinettschef von Muscat, Keith Schembri und der Minister Konrad Mizzi sollten kurz nach Amtseinführung 2013 Nutznießer von zwei Scheinfirmen in Panama werden. Nach einem eMail in den Panama Papers sollte ein Millionenbetrag von einer Dubaier Firma namens "17 Black" zu Schembris heimlicher Briefkastenfirma transferiert werden. Dazu kam es nicht, weil vermutlich die Veröffentlichung der Panama Papers dazwischen kam. Diese Tatsache wird hier falsch dargestellt - es ist kein Geld geflossen.
AK_1 23.11.2019
5. Interessant
Diese nun 4-5 Tage alte Nachricht wird auf SPON als Top Story präsentiert.
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