Mordfall Lindh Verdächtiger schon morgen wieder frei?

Die Zeit drängt: Der schwedischen Polizei bleiben nur noch wenige Stunden, um dem Hauptverdächtigen im Mordfall Anna Lindh seine Schuld nachzuweisen. Gibt es bis morgen Mittag keine Beweise, muss der Mann auf freien Fuß gesetzt werden. Jetzt wartet Schweden gespannt auf die Ergebnisse einer DNS-Analyse.

Stockholm - Wie der Anwalt des Verdächtigen, Gunnar Falk, am Abend im Fernsehsender TV4 sagte, gab der Mann in den mehrstündigen Polizeiverhören an, er habe "mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun". Der mit Haftbefehl gesuchte Schwede war am Dienstagabend in einer Kneipe am Råsunda-Fußballstadion in einem Stockholmer Vorort gefasst worden. Allerdings habe sein Mandant kein Alibi für den Mittwoch der vergangenen Woche, als die 46-jährige Politikerin bei einem Einkaufsbummel in einem Stockholmer Kaufhaus niedergestochen worden war. Der 35-Jährige fühle sich angesichts der schwerwiegenden Anschuldigung "sehr schlecht", sagte der prominente Strafverteidiger Falk. Weitere Angaben könne er wegen der von der Staatsanwaltschaft verhängten Nachrichtensperre nicht machen.

Auch die Behörden äußerten sich am Mittwoch nicht zum aktuellen Stand der Ermittlungen. "Wir brauchen jetzt unbedingt Arbeitsruhe", sagte Fahndungschef Leif Jennekvist. Mit großer Spannung wird heute das Ergebnis einer DNS-Analyse des 35-Jährigen erwartet. Sollte sie mit DNS-Proben von der Tatwaffe sowie zwei vom Lindh-Mörder auf der Flucht weggeworfenen Kleidungsstücken und möglichen Blutspuren identisch sein, hätte die Polizei entscheidende technische Beweise zu seiner Überführung.

Allerdings kündigte die Polizei an, sie werde die Resultate der DNS-Analyse nicht öffentlich machen. Die Behörden stehen unter Zeitdruck. Spätestens bis Freitagmittag muss die Staatsanwaltschaft konkrete Beweise vorlegen, damit der Mann in Untersuchungshaft genommen werden kann.

Der Mann war vor allem wegen seiner Ähnlichkeit mit dem auf Fahndungsfotos abgebildeten Mann ins Visier der Polizei geraten. Die Bilder wurden von einer Überwachungskamera im NK-Kaufhaus drei Minuten vor dem Mord aufgenommen. Dort war Lindh am Mittwoch vergangener Woche im darunter gelegenen Stockwerk von einem Mann niedergestochen und tödlich verletzt worden.

Vom Vater angezeigt?

Die Zeitung "Expressen" berichtete am Morgen in ihrer Internetausgabe, der Vater des Tatverdächtigen habe die Polizei auf die Ähnlichkeit seines Sohnes mit den Fahndungsbildern hingewiesen und damit die Identifizierung ermöglicht.

In detaillierten Berichten Stockholmer Medien über den persönlichen Hintergrund hieß es, der Verdächtige habe ein Register von 20 Vorstrafen. Er sei über längere Zeit ohne feste Wohnstatt gewesen und von Bekannten sowie Familienangehörigen als stark psychisch gestört und extrem aggressiv geschildert worden.

Zudem meldeten Zeitungen und Rundfunksender, er verfüge angeblich über gute Kontakte zu führenden schwedischen Neonazis. Auch soll ein mutmaßlicher Rechtsextremist dem Mann nach der Flucht aus dem NK-Kaufhaus geholfen haben.

Auch dazu wollte sich die Polizei nicht äußern. Jennekvist erklärte, bei der Fahndung habe bisher nichts auf die von Medien genannte Beteiligung schwedischer Neonazis an dem Attentat selbst oder in der Folge hingedeutet.

Ende der offenen Gesellschaft?

Fast jeder siebte Schwede sieht in dem Mord an Außenministerin Anna Lindh laut einer Umfrage das mögliche Ende für die so genannte offene Gesellschaft in dem skandinavischen Land. Für rund 69 Prozent der Befragten sei das Vertrauen in die öffentliche Sicherheit erschüttert worden, zitierte die Zeitung "Svenska Dagbladet" in ihrer Internetausgabe aus einer von schwedischen Regierungsbehörden in Auftrag gegebenen Befragung. Daran hatten kurz nach dem Attentat am Mittwoch vergangener Woche 1017 Schweden teilgenommen.

Jeder zweite von ihnen gab an, er rechne in Zukunft erneut mit Anschlägen auf Spitzenpolitiker. Zur offenen Gesellschaft zählt in Schweden auch eine besondere Nähe zwischen Politikern und Bevölkerung. So war Lindh am Tag ihrer Ermordung ohne Leibwächter in ein Stockholmer Kaufhaus gegangen. Der damalige Ministerpräsident Olof Palme wurde 1986 ebenfalls in der Hauptstadt von einem Attentäter getötet, als er unbewacht mit seiner Frau aus einem Kino kam.

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