SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. November 2006, 06:39 Uhr

Mordfall Litwinenko

Weitere radioaktive Spuren in London entdeckt

Die Ermittlungen nach dem Tod des Kreml-Kritikers Litwinenko haben zu weiteren Spuren einer radioaktiven Substanz in London geführt. In den Büros des russischen Milliardärs Beresowski wurde Polonium 210 nachgewiesen.

London - Alexander Litwinenko war am Donnerstag - drei Wochen nach einem mutmaßlichen Giftanschlag - an einer Polonium-Vergiftung gestorben. Der Ex-Geheimagent gehörte ebenso wie Boris Beresowski zum Kreis der Gegner von Russlands Präsident Wladimir Putin, die in London leben.

Die Büros des russischen Milliardärs Beresowski wurden nach dem Polonium-Nachweis von der Polizei versiegelt. Nach Angaben von Scotland Yard wurden auch in einer Sicherheitsfirma, in der sich Litwinenko aufgehalten hatte, Spuren von Polonium 210 entdeckt. Auch diese Räume wurden versiegelt. Aus dem gleichen Grund sind bereits ein japanisches Restaurant und eine Hotelbar in London seit vergangener Woche geschlossen. Zugleich wurden drei Menschen, die sich dort aufgehalten hatten, auf eine mögliche Verseuchung getestet.

Die Regierung bezeichnete dies als "Vorsichtsmaßnahme". Für Panik gebe es keinen Anlass, sagte Innenminister John Reid im Parlament. Der britische Premierminister Tony Blair warnte vor voreiligen Schuldzuweisungen an Moskau.

Zu den anhaltenden Spekulationen über eine mögliche russische Verwicklung in den mutmaßlichen Giftanschlag erklärte Blairs Sprecher: "Es wäre verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen." Die offizielle gerichtliche Untersuchung zur Todesursache Litwinenkos soll am Donnerstag beginnen. Bislang ermittelt Scotland Yard nur wegen eines "verdächtigen Todesfalls", nicht aber wegen Mordes.

Litwinenko selbst hatte in einer kurz vor seinem Tod abgefassten Erklärung Putin beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Der Kreml weist alle Vorwürfe zurück. Innenminister Reid äußerte sich zuversichtlich, dass Russland an der Aufklärung des Todesfalles mitwirken werde. Die britische Polizei schließe zum gegenwärtigen Zeitpunkt "nichts aus".

In britischen Medien wurde auch spekuliert, dass russische Oligarchen hinter dem mutmaßlichen Anschlag stecken könnten. Die "Times" berichtete gestern, dass Litwinenko auch ein Dossier über Machenschaften des Kremls gegen einstige Jukos-Manager zusammengestellt habe. Der Fall hatte international großes Aufsehen erregt. Angeblich war Litwinenko auch mit Recherchen zum Tod der russischen Journalistin Anna Politkowskaja im vergangenen Monat befasst.

asc/dpa

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung