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Wirbelstürme in Mosambik, Simbabwe und Malawi: Hunger, Seuchen, Zerstörung

Foto: Mike Hutchings/ REUTERS

Naturkatastrophe in Südostafrika "Wir fühlen uns vergessen"

Hunger, Seuchen, Zerstörung: Erneut tobt ein Zyklon über Südostafrika. Oxfam-Nothilfekoordinator Ulrich Wagner über die Lage vor Ort - und die Spendenbereitschaft im Vergleich zum Feuer von Notre-Dame.
Ein Interview von Bartholomäus Grill

Tausend Menschen starben, als im März der Zyklon "Idai" über Mosambik, Simbabwe und Malawi hinwegfegte. Ganze Landstriche standen unter Wasser. Häuser, Schulen und Krankenhäuser wurden zerstört.

Erst langsam beginnen die Bewohner in Südostafrika, sich von den Schäden des Wirbelsturms zu erholen, da sehen sie sich bereits mit der nächsten Katastrophe konfrontiert: Seit vergangener Woche tobt ein weiterer Sturm in der Region, Zyklon "Kenneth".

Ulrich Wagner koordiniert die Nothilfe der humanitären Organisation Oxfam in Mosambik. Er spricht über die Folgen des Extremwetters.

SPIEGEL: Mosambik wird zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen von einem Wirbelsturm heimgesucht. Was bedeutet das für die Menschen in der Region?

Zur Person
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Ulrich Wagner, 43, ist Koordinator von Oxfams humanitärer Arbeit in Zentral- und Ostafrika sowie Asien. Zuvor arbeitete er unter anderem im Kongo.

Ulrich Wagner: Zwei solche Katastrophen in so kurzer Zeit - das ist ein schwerer Schlag für die Menschen in Mosambik. Das Ausmaß der Zerstörung durch den vorherigen Zyklon "Idai" ist immer noch nicht vollständig abzusehen. Unsere Teams finden weiterhin Dörfer, die völlig überschwemmt worden sind und noch keine Hilfe erhalten haben. Und nun ein weiterer Zyklon. Wir sind mit unseren Partnern vor Ort in Kontakt und senden gerade ein Team in die Provinz Cabo Delgado, um Nothilfe zu leisten. Wir befürchten, dass mehr als 160.000 Menschen betroffen sind.

SPIEGEL: Wie ist die aktuelle Lage?

Wagner: Wir hören von großflächigen Zerstörungen im Distrikt Macomia und auf der Insel Ibo. Das ist das erste Mal, dass ein Zyklon so weit nördlich aufgetreten ist. Die lokale Bevölkerung war nicht vorbereitet auf so etwas, und die Leute wissen nicht, wie sie sich schützen können. Viele Familien sind in Schulen und öffentliche Gebäude geflüchtet und brauchen nun dringend Essen, Trinkwasser, Seife und andere Dinge des täglichen Bedarfs.

Es besteht zudem die Gefahr, dass durch den Zyklon in einer Woche die Regenmenge eines gesamten Jahres fällt. Große Gebiete würden dann überschwemmt und von der Außenwelt abgeschnitten.

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind von den Folgen des ersten Sturms betroffen?

Wagner: Allein in Mosambik sind es geschätzte 1,8 Millionen, in Simbabwe und Malawi kommen noch einmal 1,1 Millionen hinzu.

Im Video: Zyklon "Kenneth" in Mosambik - Dutzende Tote und mehr als 3000 zerstörte Häuser

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SPIEGEL: Welches sind die größten Herausforderungen für die Nothelfer?

Wagner: Die Infrastruktur, Brücken, Zufahrtswege, Häuser - fast alles ist komplett zerstört. Wir brauchen manchmal bis zu drei Tage, um abgeschnittene Dörfer zu erreichen.

SPIEGEL: Drohen Seuchen? Eine Hungersnot?

Wagner: Die Menschen hungern, denn vielerorts haben sie ihre gesamte Jahresernte und ihre Vorratsspeicher verloren. Das Trinkwasser ist verseucht, wir haben Cholerafälle, auch Malaria und Infektionskrankheiten breiten sich aus.

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Wirbelstürme in Mosambik, Simbabwe und Malawi: Hunger, Seuchen, Zerstörung

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SPIEGEL: Man hört das Gerücht, dass korrupte mosambikanische Beamte Hilfsgüter abzweigen. Was ist da dran?

Wagner: Wir haben das nicht mit eigenen Augen gesehen, aber ich habe von diesem Gerücht gehört. Es gibt immer die Gefahr von Korruption, wenn große Hilfsgüterlieferungen in armen Ländern eintreffen. Wir sind uns der Gefahr der Veruntreuung bewusst und versuchen, sie durch unabhängige Kontrolleure und Beschwerdeverfahren abzuwenden.

SPIEGEL: Für den Wiederaufbau der abgebrannten Notre-Dame wurden bereits über eine Milliarde Euro gespendet. Erhalten Sie ausreichend Spenden für Ihre Mission?

Wagner: Ich habe selbst in Paris gelebt, der Brand macht mich traurig. Aber hier geht es um Menschenleben, um Hunger, um Krankheiten, die töten. Das Missverhältnis zwischen den Spendenaufkommen tut richtig weh. Die Finanzierung der Nothilfeoperationen ist bislang nur zu 21 Prozent gedeckt.

SPIEGEL: Wird die Naturkatastrophe in Südostafrika verdrängt oder gar vergessen?

Wagner: Wir fühlen uns definitiv vergessen. Der Zyklon ist ja auch eine Folge des Klimawandels, den hauptsächlich wir, der reiche Norden, verursachen. Es geht nicht nur um humanitäre Solidarität, sondern um das Verursacherprinzip. Der Norden darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen und muss angemessen helfen und vorsorgen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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