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Moskau: Moscheenstreit

Foto: Maxim Kireev

Moschee-Streit in Moskau Nationalisten wiegeln Bürger gegen Muslime auf

Auch Russland hat jetzt seine Islamdebatte - der Bau einer Moschee sorgt für Aufregung in der Hauptstadt. Nationalisten und Orthodoxe feuern die Ablehnung der Anwohner an. Sie propagieren ein "sauberes Moskau" ohne Muslime und Ausländer.
Von Maxim Kireev

Kleine Bäumchen sollen die Muslime aus dem Viertel Tekstilschtschiki fernhalten. Ein junger Mann setzt seine Schaufel an und schiebt sie mit einem beherzten Tritt in den Boden. Dann steckt er den Setzling in das Loch und schüttet Erde darauf. Maria Sotowa gibt einen Schwall Wasser aus der Gießkanne. "Wir wollen einen Park hier und keine Moschee oder Kirche oder irgendwas anderes", sagt die Mutter, die mit ihrem sechsjährigen Sohn gekommen ist. Rund hundert Anwohner von Tekstilschtschiki, einem Stadtteil im Südosten Moskaus, haben sich auf einer Wiese versammelt. Sie wollen den Baubeginn für das islamische Religionszentrum verhindern.

Islam

"Das russische Ground Zero", taufte Moskaus Presse bereits den grünen Flecken, in Anspielung an den Moscheestreit in New York. Die größte Internetzeitung "gazeta.ru"  zog in einem Kommentar Parallelen zum Burkaverbot in Frankreich und zu Deutschlands Debatte um Thilo Sarrazins umstrittenes Buch. Die Europäer fürchteten sich vor dem , dessen Werte ihnen völlig fremd seien. "Etwas ähnliches erleben wir nun in Moskau und St. Petersburg", heißt es weiter.

Russland

Bis zu 20 Millionen Muslime leben heute in , schätzt der Moskauer Mufti-Rat. Seit Jahrhunderten beherrscht der Islam einige Landesteile. Tatarstan an der Wolga gilt als gemäßigt. Im Nordkaukasus aber kämpft eine Guerilla für einen Gottesstaat. Islamisten steckten hinter den Selbstmordanschlägen, die im März die russische Hauptstadt erschütterten und 40 Menschen in den Tod rissen.

Offene Islamophobie war bisher jedoch Politclowns, rechtsradikalen Organisationen und ultraorthodoxen Christen vorbehalten. Seit die Staatsgewalt verstärkt auch den rechten Rand in die Mangel nimmt, haben sich die Gruppen offenbar eine subtilere Taktik zurechtgelegt. In Tekstilschtschiki versucht eine Organisation ehemaliger Neonazis die Anwohner gegen den Moscheebau aufzuwiegeln. Mit Argumenten, die den Menschen näher sind als abstrakte Werte und Weltbilder: Es geht angeblich um Moskaus Grün, das erhalten werden soll.

Verkehrschaos beim Fastengebet

Die geplante Moschee wäre gerade die fünfte in Moskau. In der Metropole mit 10,5 Millionen Einwohnern leben dauerhaft mehr als anderthalb Millionen Muslime. In Berlin hingegen mit weniger als einem Sechstel dieses Muslimenanteils gibt es mindestens sechs große Moscheen. Der Moskauer Mufti-Rat wünscht sich deshalb mehr islamische Gotteshäuser, am besten bis zu 40.

Jüngst erst schob sich eine riesige Menschenmenge den Boulevard "Prospekt Mira" entlang, wo die größte Moschee der Hauptstadt steht. Zehntausende Gläubige versuchten zu dem Gebetshaus zu gelangen, um das Fastenbrechen zu feiern. "Man musste den Imam schon persönlich kennen, um einen Platz in der Moschee zu ergattern", erinnert sich Rustem, ein Student aus Usbekistan. Wie die meisten legte er seinen Gebetsteppich direkt auf die Straße davor, andere rollten Tapeten zwischen den Straßenbahngleisen aus, um darauf zu knien. "Allahu akhbar" - "Gott ist groß", schallte es durch die Straßen, während sich die Autofahrer auf kilometerlangen Umwegen durch den Verkehr quälten.

Das Grundstück, das die Stadtverwaltung der muslimischen Gemeinde des Moskauer Bezirks Süd-Ost zugeteilt hat, ist beinahe so groß wie ein Fußballfeld. Es ist der einzige grüne Fleck zwischen wuchtigen Backsteinbauten, rostigen Garagen und modernen Wohnblocks in der Gegend. Mütter schieben hier Kinderwagen über die Trampelpfade, Hundebesitzer lassen ihre Vierbeiner Stöckchen holen.

Kurz nach dem Verkehrschaos beim Fastenbrechen versammelten sich Bürger in Tekstilschtschiki das erste Mal an dem Park, wo die Moschee entstehen soll. Die Organisation "Moj Dvor" (übersetzt: "Mein Hof") hatte aufgerufen, Unterschriften gegen den Bau zu sammeln. Etwa 300 Anwohner waren gekommen. Fotos der Menschenmassen vom Fastenbrechen kursierten, darüber die Frage: "Brauchen wir das?"

"Wir müssen mehr Moscheen bauen"

Auch Michail Butrimow, glatzköpfiger Vorsitzender von "Moj Dvor", erschien im karierten Hemd zu der Kundgebung. "Wir sind nicht gegen die Moschee, sondern für den Park", beteuert er. Er sei von den Anwohnern vor einigen Wochen gebeten worden, ihnen zu helfen. "Eine originelle Idee, Fremdenfeindlichkeit als Sorge um das Wohl der Menschen zu tarnen", erklärt Galina Koschewnikowa vom Moskauer Sowa-Zentrum.

Nach Informationen des Zentrums, das Russlands rechtes Milieu erforscht, haben Butrimows Aktivisten Verbindungen zu Ultranationalisten, beispielsweise zur nationalistischen Partei "Volkswille". Tatsächlich tauchen auf rechtsradikalen Seiten Gedichte aus Butrimows Feder auf, in denen er "Fremde" auffordert, vor "den Führern vor morgen in Furcht zu erzittern".

Der Mufti-Rat, der als Bauherr der Moschee auftritt, ist überzeugt, dass hinter den Protesten gegen das Gotteshaus Nationalisten stehen. Ohnehin werde die Moschee am Rand der Wiese gebaut, so dass genug Platz für den Park und die Hundebesitzer bleibe. "Das Problem ist etwas anderes", sagt der Imam der größten Moskauer Moschee Ildar Aljautdinow. Er warnt vor einer Radikalisierung ohne muslimische Gotteshäuser. "Wir müssen mehr Moscheen bauen, sonst wird etwas Böses die Religion ersetzen".

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