Demonstranten in Moskau Wie Russland an Onkel Sergej ein Exempel statuiert

Familie Prokasow nahm in Moskau an einer Demonstration der Opposition teil - jetzt muss sie um das Sorgerecht für ihr Kleinkind bangen. Die Geschichte eines Einschüchterungsversuchs.
Dmitrij und Olga Prokasow mit ihrem Sohn Artemij: Von der Justiz zu Rabeneltern abgestempelt

Dmitrij und Olga Prokasow mit ihrem Sohn Artemij: Von der Justiz zu Rabeneltern abgestempelt

Foto: TV RAIN/ AP

Die Geschichte, wie der kleine Artemij Prokasow zu einem Fall für die russische Staatsanwaltschaft wurde, beginnt an einem Samstag Ende Juli. Das Wetter ist gut, Artemij liegt in seinem gelben Kinderwagen, während die Eltern ihn durch die Moskauer Innenstadt schieben. Und weil Artemij erst 14 Monate alt ist und meistens schläft, ahnt er nicht, dass um ihn herum gerade ein politischer Protest stattfindet. Moskaus Opposition ist von den Wahlen zum Stadtparlament im September ausgeschlossen worden. Das empört viele Wähler, darunter auch Artemijs Eltern Dmitrij und Olga sowie seinen Onkel Sergej Fomin, der für eine Oppositionskandidatin Unterschriften gesammelt hat. Sie demonstrieren, obwohl die Stadtregierung keine Kundgebung erlaubt hat.

Was dann passiert ist, wurde von Ermittlern der russischen Polizei gefilmt und im Fernsehen gezeigt: Es hat offenbar sämtliche Alarmglocken in Russlands Sicherheitsbehörden schrillen lassen. Gegen Ende des Tages darf nämlich Onkel Sergej den kleinen Artemij tragen. Dafür hängt ihm Papa Dmitrij ein Babytragegeschirr um, einen Kängurjatnik, wie es auf Russisch heißt. Anschließend gehen sie alle gemeinsam heim.

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Was auf den deutschen Betrachter völlig harmlos wirken dürfte, gilt der russischen Justiz als unerhörte Straftat. Die Staatsanwaltschaft hat bereits gefordert, Artemijs Eltern das Sorgerecht zu entziehen; eine nächtliche Hausdurchsuchung gab es außerdem - sowie ein Verhör durch das Ermittlungskomitee, Russlands Pendant des amerikanischen FBI. Ermittelt wird wegen zwei Straftaten: "Gefährdung des Kindes" und "Vernachlässigung der elterlichen Fürsorgepflicht". Das Leben der Familie Prokasow ist auf den Kopf gestellt.

Ein politisches Exempel

Juristisch ist das absurd, aber es folgt durchaus einer politischen Logik. Der kleine Artemij hat nämlich das Pech, dass ausgerechnet sein Onkel Sergej von den Behörden auserkoren wurde, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Russlands Justiz bereitet gerade ein großes Strafverfahren vor, wegen der Teilnahme an "Massenunruhen" - so interpretiert sie die friedliche Kundgebung. Das Ziel: Die Opposition so einzuschüchtern, dass sie keine ungenehmigten Demonstrationen mehr veranstaltet. Sergej Fomin ist einer von elf Beschuldigten, und weil er Sprechchöre angeführt hat, gilt er sogar als "Organisator" von Massenunruhen - die Mindeststrafe darauf beträgt acht Jahre Gefängnis.

Der Vorwurf an Artemijs Eltern wiederum lautet: Sie hätten ihr Kind Sergej Fomin umgeschnallt, um ihm zu helfen, nicht von der Polizei festgenommen zu werden. Es gab an jenem 27. Juli 1373 Festnahmen. Fomin war nicht darunter.

Nächtlicher Besuch

Am Mittwoch dieser Woche steht Dmitrij Prokasow vor dem Bezirksgericht von Perowo, einem Randbezirk von Moskau. Dmitrij trägt eine wilde schwarze Mähne, er ist Künstler, zurzeit hat er große Angst um seine Familie. Drinnen im Gericht muss irgendwo der Brief liegen, in dem die Staatsanwaltschaft den Entzug des Sorgerechts fordert. Dmitrij hätte gern die Begründung gesehen, die er nicht kennt. Aber man hat ihm abgesagt: Das Gericht habe den Brief noch gar nicht registriert.

Mit wachsender Sorge hatten Dmitrij und Olga beobachtet, wie erst im Internet, dann im Fernsehen ein propagandistischer Film über Sergej Fomin  die Runde machte, in dem auch sie selbst auftauchen. Fomin wird darin zum Organisator der Kundgebung stilisiert, sie selbst zu Rabeneltern, die angeblich einem fremden Mann ihr Kind überließen, damit er durch die Polizeiabsperrung gelange. "Da war überhaupt keine Absperrung. Und Sergej ist kein Fremder. Er ist mein guter Freund, Cousin meiner Frau, Pate unseres älteren Sohnes. Außerdem waren wir ja immer dabei", sagt Dmitrij.

Am Montagabend um elf Uhr klingelte es bei den Prokasows plötzlich an der Tür. "Polizei", sagte eine Stimme, "die Nachbarn haben sich beschwert". Als sie aufmachten, drängelten neun Personen in die Wohnung - Polizisten, Ermittler, sogar zwei eher ärmlich gekleidete Unbekannte, die die Polizei als Zeugen für eine Hausdurchsuchung mitgebracht hatte. Die Prokasows wohnen in einer Einzimmerwohnung. Es war nicht leicht, mit so viel Besuch und einem schlafenden Kind, sagen sie. Sie mussten den Beamten den Inhalt ihrer Telefone und Computer zeigen, durften aber ihren Anwalt nicht anrufen. Die Ermittler suchten offenbar Hinweise auf Fomin.

Sergej Fomin stellt sich

Am nächsten Tag mussten Olga und Dmitrij zum Verhör vor dem Ermittlungskomitee. Dort erfuhren sie, dass der Auslöser für das Ermittlungsverfahren gegen sie von ganz oben kam - von General Alexander Bastrykin, dem mächtigen Chef der Behörde. "So sagte es der Ermittler selbst", sagt Dmitrijs Anwältin Natalja Kaplina, die bei dem Verhör dabei war. Bizarrerweise wurden die Prokasows, obwohl die Vorwürfe sich auch gegen sie richten, nicht als Verdächtige vorgeladen, sondern bloß als Zeugen.

Ebenfalls am Dienstag erfuhren sie vom Antrag der Staatsanwaltschaft, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Kaplina nennt das Vorgehen der Behörde "dumm", sie kenne keinen vergleichbaren Fall. Die Anwältin sagt: "Ich hoffe, dass sie damit keine Chance haben." Aber sicher ist man sich in Russland dieser Tage nicht mehr oft.

Der Fall sorgt in Moskau indes für große Entrüstung. Einen Erfolg hat die Justiz bereits verbuchen können: Sergej Fomin, nach dem die Polizei in den vergangenen Tagen gefahndet hat, stellte sich am Donnerstag selbst. Er befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft. Wann der kleine Artemij und sein Onkel das nächste Mal zusammenfinden werden, ist ungewiss.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev