Moskau "Glauben nicht an eine objektive Autopsie"

Die Familie von Slobodan Milosevic glaubt nicht daran, von den Behörden in Den Haag über die wahren Todesursachen informiert zu werden. Auch das russische Außenministerium stimmte indirekt in die Kritik mit ein. Die Leiche des Ex-Präsidenten soll am Sonntag obduziert werden.


Moskau - Das russische Außenministerium hat am Samstag indirekt das Uno-Kriegsverbrechertribunal kritisiert, das eine Behandlung des verstorbenen jugoslawischen Expräsidenten Slobodan Milosevic in Moskau verweigerte. Milosevics gesundheitliche Probleme seien bekannt gewesen, erklärte das Ministerium in einer Stellungnahme. "Leider hat das Tribunal trotz unserer Garantien einer Behandlung in Russland nicht zugestimmt", hieß es weiter. Russland erwarte jetzt, über die genauen Umstände von Milosevics Tod informiert zu werden.

Der ältere Bruder des Verstorbenen, Borislav Milosevic, sagte in Moskau, seine Familie glaube nicht an eine objektive Autopsie durch die Behörden in Den Haag. "Ich weiß, dass seine Familie gegen eine Autopsie ist, weil sie ihnen nicht trauen, genauso wie sie den Ärzten nicht getraut haben und dem Tribunal", sagte Borislav Milosevic der Nachrichtenagentur AP.

Die Familie habe noch nicht entschieden, wo Milosevic bestattet werden solle. Borislav

Milosevic betonte, sein Bruder habe viel für sein Land getan und habe noch immer viele Anhänger in Serbien. Der Bruder war früher jugoslawischer Botschafter in Russland und lebt heute als Geschäftsmann in Russland.

"Schändlicher Schauprozess"

Die niederländische Behörden versuchen unterdessen Zweifel an ihrer Objektivität auszuräumen. Sie erklärten, der ehemalige Präsident werde am Sonntag obduziert und auch ein serbischer Pathologe werde der Autopsie beiwohnen. Dies habe auch der Belgrader Nationalrat für die Zusammenarbeit mit Den Haag verlangt,

Der Vorsitzende der russischen Kommunisten, Gennadi Sjuganow, erklärte, der Tod des Angeklagten komme dem Tribunal gerade recht. "In den vier Jahren des Verfahrens vor dem so genannten Internationalen Tribunal sahen sich die Richter in einer Sackgasse", sagte Sjuganow nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax. "Und für die, die diesen schändlichen Schauprozess organisiert haben, ist Milosevics Tod ein Weg aus dieser Sackgasse."

Milosevic hatte das Tribunal im Dezember gebeten, sich in Moskau behandeln lassen zu dürfen. Das Tribunal lehnte das ab, weil es fürchtete, der Angeklagte werde nicht nach

Den Haag zurückkehren. Der dem Kreml nahe stehende Abgeordnete Ljubow Sliska sagte, die Geschichte werde möglicherweise gut zu Milosevic sein. "Es gab Zeiten, als Tyrannen später zu Helden wurden", sagte Sliska nach einem Bericht der Nachrichtenagentur ITAR-Tass. Russland hatte sich gegen die NATO-Angriffe auf Jugoslawien 1999 ausgesprochen.

pat/AP



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